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Geldinstitute

Die Bank vor Ort verschwindet

In diesem Jahrzehnt könnte sich die Zahl der Filialen halbieren. Einfachere Strukturen, stärkere Digitalisierung und Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden sind nötig, warnen Experten.

12.01.2020

Von Thomas Veitinger

Banken feilen an ihrem Auftritt. Der Kostendruck der Branche ist groß. Foto: Sean Gallup/Getty Images

Wer auf seinem Weg in den Urlaub im hessischen Hattersheim Halt macht, um Geld abzuheben, sollte sich nicht wundern, wenn die Geschäftsstelle der Bank auf der Rückreise anders aussieht. In Hessen teilen sich Deutschlands zweitgrößte Volksbank – die Frankfurter Volksbank – und die Taunus Sparkasse 26 Filialen. Die Beleuchtung der von außen sichtbaren Empfangstheke zeigt, welche Bank-Mitarbeiter vor Ort sind. Rot bedeutet Sparkasse, blau steht für Volksbank.

Das ist einer von vielen Versuchen, dem Kostendruck der Branche etwas entgegenzuhalten. Für René Fischer ist es „guter und mutiger Schritt, das Beste aus der Situation zu machen“. Der Mitautor der Studie „Die Bankfiliale der Zukunft“ weiß zwar auch nicht, ob die Standort-Teilung Erfolg hat. Es sei aber überfällig, das Konzept der Bankfiliale auf den Prüfstand zu stellen, sagt der Oliver-Wyman-Berater.

„Aufgrund der steigenden Nutzung digitaler Angebote und demographischer Veränderungen suchen immer weniger Bankkunden ihre Filialen auf“, heißt es in der Studie. Die langanhaltende Niedrigzinsphase und eine Konsolidierungswelle setzen die Banken massiv unter Druck.

Zwischen 2008 und 2018 haben deutsche Institute rund 12 000 Filialen und damit fast ein Drittel geschlossen. Am Ende dieser Dekade soll deren Zahl nochmal um fast die Hälfte schrumpfen, orakelt Oliver-Wyman-Studie. Gerüchten zufolge sollen 200 bis 300 der insgesamt noch 1300 Filialen von Deutscher Bank und Postbank schließen. Das Institut möchte laut Manfred Knof, dem Chef der Privatkundensparte, 1 Mrd. EUR bis zum Jahr 2022 sparen.

„Die Eigenkapitalrendite nach Steuern der deutschen Geldhäuser hat sich auf nur noch ein Prozent halbiert und droht mittelfristig in den negativen Bereich zu rutschen“, weiß der Deutschland-Chef des Unternehmensberaters Bain & Company, Walter Sinn. Dann wären die Geldhäuser nicht mehr in der Lage, ihre Kapitalkosten zu verdienen. Der Verwaltungsaufwand stagniert seit zehn Jahren.

Also gilt es, zu reagieren: weniger Personal, weniger Produkte – und weniger Filialen. Kleine Geschäftsstellen sind wegen Geldautomaten, Personalkosten und Miete besonders teuer. Nur noch 20 bis 30 Prozent der Kunden kommen überhaupt in Filialen, sagt Fischer. Sieben von zehn Bundesbürgern erledigen laut Digitalverband Bitkom ihre Bankgeschäfte im Internet.

Andererseits seien die Niederlassungen weiterhin ein Bestandteil ihrer Bankbeziehung. Falls ihre Stammfiliale schließt, wechselten 42 Prozent der Kunden die Bank. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken gewinnen über Standorte Kunden.

Die Rentabilität der Bank-Ableger könnte erhöht werden, verspricht die Wymann-Studie. Vor allem Beratungsgespräche, die in den Verkauf von Produkten oder Baufinanzierungen münden, binden Kunden. „Kunden werden zu wenig in ihrem Lebenszyklus abgeholt. Es gilt, Vertrauen aufzubauen, ohne unbedingt etwas verkaufen zu wollen.“

Für Walter Sinn müssen Institute die Digitalisierung vorantreiben und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Dazu sollten Hierarchien abgebaut und die oft immer noch zersplitterte und veraltete IT modernisiert werden. „Einfachheit ist der Schlüssel zu nachhaltiger Sanierung.“ Immer noch orientierten sich Geldhäuser nicht intensiv genug an ihren Kunden. Ohne vorherige Online-Recherche kaufen Kunden so gut wie keine Bank-Produkte mehr. Gleichzeitig schließen viele Kunden etwa einen Bausparvertrag oder Immobilienfinanzierung gerne in Filialen ab.

Insgesamt hinken die deutschen Geldhäuser im internationalen Vergleich stärker hinterher. In Europa liegt die Rendite im Schnitt bei 7 Prozent, wobei es in Frankreich und Spanien mit jeweils 8,3 Prozent überdurchschnittlich läuft. Banken in Asien kommen ebenfalls auf 7, in den USA sogar auf 12 Prozent. Das liegt auch an der unterschiedliche Kostenquote. „Deutschlands Banken drohen den Anschluss an die internationale Konkurrenz zu verlieren“, warnt Sinn.

Sebastian Thoben, Partner bei Bain, betrachtet es als unausweichlich, dass es zu Zusammenschlüssen unter Europas Banken kommt. Weltweit planen mehr als 50 Banken, fast 78 000 Arbeitsplätze einzusparen. Dafür brauche es aber Fortschritte bei der europäischen Bankenunion, etwa bei einer einheitlichen Regulierung. Zudem müssten sich die deutschen Institute erst einmal selbst sanieren. Dazu gehörten einfachere Strukturen, eine stärkere Digitalisierung sowie eine stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen der Nutzer.

Manche Banken bemühen sich mit geradezu kuriosen Lösungsansätzen, Kunden zu halten, wie mehrere Sparkassenbusse in Deutschland zeigen. Es gibt Kaffeebars in Filialen, Computerspiel-Turniere, Grillseminare oder Schließfächer, die sich mit Lebensmitteln regionaler Bauern füllen lassen. Andere Banken suchen nach Einnahmequellen und verlangen je nach Tageszeit abhängige Gebühren an Geldautomaten oder schlagen Negativzinsen aufs Tagesgeldkonto. Outsourcing etwa der Jahresabschlusserstellung oder Rechtsangelegenheiten ist ein großes Thema.

Als Ausweg müssten Banken vor allem digitale Alternativen für die Bankgeschäfte schaffen, die in Ergänzung zu den Online- und Mobile-Aktivitäten stehen, findet Unternehmensberater Fischer. Ein „Mix aus Universalfilialen und Self-Service-Standorten mit zusätzlichen digitalen Interaktionsmöglichkeiten“ wäre gut. Dann könnte Banken sogar der Spagat gelingen, die Kosten in den Griff zu bekommen, gleichzeitig die Kunden zu halten und ihre Erträge zu sichern. Ganz auf Filialen zu verzichten, wäre dagegen fatal.

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Erstellt:
12. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2020, 06:00 Uhr

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