Corona

Die Angst vor den Mutationen

Deutschland im Lockdown zu belassen, hat viel mit der Angst von Experten und Politik vor den Mutationen des Coronavirus zu tun. Deren Verbreitung wolle man „möglichst weitgehend unterbinden“, heißt es im Beschluss von Dienstag.

20.01.2021

Von HAJO ZENKER

SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis setzt auf Selbsttests. Foto: Peter Mindek/Nanographics/apa/dpa

Berlin. Zuvörderst geht es dabei um die zuerst in England aufgetauchte Variante B.1.1.7, die ein Paket aus 17 Mutationen beinhaltet und sich als deutlich ansteckender erwies. Weil das Spike-Protein, also die stachlige Oberfläche, leichter an die menschlichen Zellen andocken kann, um sie danach zu zwingen, Corona-Kopien herzustellen.

So wurde B.1.1.7 in Windeseile in England zur dominierenden Virusvariante. Und sorgte in Irland mit dafür, dass aus einem erfolgreichen Lockdown in kurzer Zeit ein „beispiellos starker Anstieg der gemeldeten Infektionen“ wurde, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina schreibt. Ablesen lässt sich das an der Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von zwei Wochen. Diese Inzidenz stieg von 297 am 31. Dezember auf 1497 am 13. Januar. Waren Mitte Dezember erst knapp neun Prozent aller Corona-Fälle auf B.1.1.7 zurückzuführen, waren es Mitte Januar bereits mehr als 40 Prozent. Das ist ein Riesenproblem, obwohl die Mutante nicht gefährlicher ist, als das Coronavirus bisher schon. Die reine Tatsache, dass mehr Personen erkrankten, führe „unweigerlich dazu, dass es mehr Todesfälle beziehungsweise mehr belegte Betten gibt“, sagt der Virologe Andreas Bergthaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der das Mutationsverhalten untersucht.

Impfstoffanpassung ist möglich

Ebenfalls besonders ansteckend, aber vielleicht noch gefährlicher ist die in Südafrika aufgetauchten Mutation B.1.351. Die hat acht verschiedene Mutationen im Erbgut angehäuft. Allem Anschein nach könnten hier die Impfstoffe weniger wirksam sein. Man müsste diese also anpassen. Was aber laut Biontech innerhalb von sechs Wochen möglich sein soll.

Neben B.1.1.7 und B.1.351 gibt es eine Variante aus Brasilien, die P.1 getauft wurde. Auch die vereint 17 Mutationen, auch hier ist insbesondere das Spike-Protein betroffen. Das Beunruhigende: Sie tauchte in Manaus auf, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, in einer Region, wo man wegen der gewaltigen Infektionszahlen mit dem „klassischen“ Coronavirus im vergangenen Jahr bereits von einer Herdenimmunität ausgegangen war. Trotzdem steigen seit Mitte Dezember die Infektionen und Krankenhauseinweisungen stark an. Patienten ersticken, weil der Sauerstoff in Kliniken nicht reicht.

Der Verdacht: P.1 trickst das menschliche Immunsystem aus, die Antikörper reagieren nicht. Damit könnte es zu massenhaften Neuerkrankungen von zuvor bereits einmal Infizierten gekommen sein. Davon gab es bisher nur Einzelfälle. Laut dem Epidemiologen Oliver Prybus müsse geklärt werden, ob sich die P.1 verbreite, weil sie ansteckender sei oder weil ihr Antikörper nichts anhaben könnten. „Natürlich kann es auch eine Kombination dieser beiden Faktoren sein“, schreibt er im Magazin „Science“.

Immerhin: Wenigstens die am 12. Januar in einer Klinik in Garmisch-Partenkirchen aufgetauchte, bisher unbekannte Virusvariante ist wohl kein zusätzliches Problem. Christian Drosten, der an der Berliner Charité diese Variante unter die Lupe nimmt, sieht bisher „keinerlei Hinweis auf eine besondere Mutation“. Deshalb gebe es in diesem Fall „keinen Grund zur Sorge“. Hajo Zenker

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Erstellt:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2021, 06:00 Uhr

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