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Natur

Die Angst vor dem Wolf

Immer mehr Rudel leben in Deutschland, Landwirte wurden damit lange alleine gelassen. Nun nimmt sich der Bundestag der Sache an – mit Leidenschaft und ohne Resultat.

03.02.2018
  • STEFAN KEGEL (MIT DPA)

Berlin. Mehr als 150 Jahre ohne Wolf haben in Deutschland sehr unterschiedliche Ansichten über das einst gefürchtete und heute naturgeschützte Tier hervorgebracht. Auch im Bundestag ist die Überzeugung, wie gefährlich die nun nach Deutschland zurückkehrenden Raubtiere tatsächlich sind, unterschiedlich ausgeprägt. Während am Freitag im Plenum die Grüne Steffi Lemke kurzzeitig die Fassung verlor, dass jemand im Wolf eine Gefahr für den Menschen sehen könnte, forderte ein Antrag der FDP eine Lockerung der Regelungen, die Tiere erlegen zu können.

„Wir brauchen landesweit einheitliche Regeln“, sagte der FDP-Abgeordnete Karlheinz Busen. Und: „Die Menschen in den ländlichen Räumen machen sich Sorgen, dass sie nicht gehört werden.“ Immerhin gebe es in Deutschland 60 Wolfsrudel, deren Verbreitung sichtbare Spuren hinterlasse. Im Jahr 2016 seien mehr als 1000 Nutztiere von ihnen getötet worden. „Viele Landwirte sind in ihrer Existenz gefährdet.“

Busens Antwort – das Gewehr – sieht man bei den Grünen naturgemäß als falsch an. Steffi Lemke plädierte für Hilfszahlungen beim Zaunbau für Schafhirten und andere Nutztierhalter sowie für bessere Entschädigungszahlungen im Fall von Wolfsübergriffen. Dass Wölfe etwa auf spazierende Kinder im Wald losgehen, hält sie für ausgeschlossen. „Es gibt keine real existierende Gefahr für Kinder im deutschen Wald“, empörte sie sich. Menschen seien dort eher durch Wildschweine gefährdet.

Die Bundesregierung lehnt eine Lockerung des Wolfsschutzes ab. „Bejagung wird das Problem nicht lösen“, erklärte die parlamentarischen Staatssekretärin im Umweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter. Auch ein einzelner Wolf könne Tiere reißen. Gleichwohl nehme man die Sorgen ernst, versicherte sie. Man werde die Situation beobachten. Ähnlich äußerte sich der SPD-Mann Carsten Träger, der die Rückkehr des Wolfes als „gute Nachricht“ bezeichnete. Auch er fordert eine Umschichtung von Agrarsubventionen hin zu Naturschutz, Artenschutz und Herdenschutz. Die Linken-Vertreterin Kirsten Tackmann nannte als positive Beispiele Brandenburg und Thüringen, die bereits die Anschaffung von speziell ausgebildeten Weideschutzhunden unterstützen.

Die defensive Haltung gegenüber dem Wolf stieß vor allem bei denen auf Widerstand, die in ihren Wahlkreisen selbst mit Wolfsangriffen zu tun haben. Klaus-Peter Schulze (CDU) malte aus, wie Deutschland eines Tages von Weideschutzzäunen durchtrennt werde. Eine Beispielrechnung aus Bayern habe ergeben, dass dort zum Schutz vor dem Wolf 57 000 Kilometer Zaun aufgestellt werden müssten. Das koste 300 Millionen Euro. „Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist.“

Kritik an Romantisierung

Den Wolf als scheues Tier zu zeichnen, das nur Wildtiere reiße, sei eine Romantisierung des Raubtiers durch die Städter, erklärte seine Parteikollegin Silvia Breher. In Niedersachsen liefen Wölfe bereits durch Siedlungen. Zäune, selbst mit Strom, hülfen da nur wenig. Die Wölfe sprängen einfach darüber, um Schafe zu reißen. „Die Bilder wollen Sie nicht sehen, aber ich habe sie gesehen.“ Viele Weidetierhalter seien am Ende ihrer Kraft. Und die Population des Wolfes wachse jedes Jahr um 30 Prozent. Bei der EU-Kommission müsse sich Deutschland daher dafür einsetzen, dass der Schutzstatus des Wolfes überprüft werde.

Ähnlich sah das der AfD-Abgeordnete Karsten Hilse. „Die Wölfe haben gelernt, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht.“ Dies sei gefährlich, weil sie sich dadurch näher an Siedlungen herantrauten. Und vor allem gäben sie dieses Verhalten an die jeweils nächste Generation weiter.

Einen Fortschritt gibt es dabei in den Koalitionsgesprächen: Union und SPD haben beschlossen, in einer großen Koalition die Ausbreitung des Wolfes schärfer zu überwachen. Außerdem sollten Nutztiere besser geschützt werden. Das geht aus einer Vereinbarung vom Freitag hervor. Darin heißt es, die Sicherheit der Menschen habe Priorität. Die aus Umwelt- und Naturschutzgründen wichtige Weidewirtschaft dürfe nicht beeinträchtigt werden. Daher werde der Bund sich an den Kosten für Schutzmaßnahmen beteiligen.

Im Bundesnaturschutzgesetz ist festgelegt, dass der Wolf als geschützte Art nicht geschossen werden darf – das Gesetz lässt jedoch Ausnahmen zu. Am Freitag wurde das Thema überraschend aktuell: In Sachsen wurde ein auffälliger Wolf legal abgeschossen. Das Tier soll Ende Dezember zwei Hunde getötet und sich auch mehrfach Grundstücken genähert haben. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz war es erst der zweite Wolf bundesweit, der wegen auffälligen Verhaltens getötet wurde. (mit dpa)

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03.02.2018, 06:00 Uhr
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