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„Die Akzeptanz der Heime sinkt“
Prof. Dr. habil. Thomas Klie,Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Gerontologie,Evangelische Hochschule Freiburg | Protestant University of Applied Sciences,Leiter des Prüfungsamtes, Foto: privat
Fachkräftemangel

„Die Akzeptanz der Heime sinkt“

Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg spricht von massiven Problemen in der Pflege-Branche. Er fordert neue Strukturen.

26.02.2018
  • PETRA WALHEIM

Freiburg/Schopfheim. Die Heimaufsicht hat in Schopfheim (Kreis Lörrach) ein Pflegestift geschlossen – wegen Personalnot und Mängeln in der Pflege. Dem Experten Professor Thomas Klie aus Freiburg zufolge können dafür lokale Gründe wie auch generelle Probleme der Branche Ursachen sein.

Ist Schopfheim ein Einzelfall?

Thomas Klie: Die Schließung einer Pflegeeinrichtung ist ausgesprochen selten. Die Plätze in den Heimen werden gebraucht, die Nachfrage ist hoch. Auch mit Blick auf die dort lebenden Bewohner kann eine Schließung immer nur das letzte Mittel sein.

Wie erklären Sie sich den Personalmangel in dem Heim?

Die Schweiz ist nah. Dort verdienen Pflegekräfte deutlich besser. Die Region entlang der Schweizer Grenze ist die mit den größten Rekrutierungsproblemen für Pflegekräfte. Aber die Bezahlung ist nicht alles. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Um ein Heim mit guter Qualität führen zu können, braucht es eine Leitung mit Kompetenz und guter Performance.

Was meinen Sie damit konkret?

Gute Arbeitsbedingungen sind der Schlüsselfaktor für eine gute Qualität der Pflege. Wenn Pflegekräfte wiederholt aus dem freien Wochenende oder aus dem Urlaub geholt werden, um Engpässe zu überbrücken, wenn ihnen ständig Überstunden abgefordert werden und ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Fluktuation sehr hoch ist. Es ist Aufgabe der Heimleitung, gute und verlässliche Arbeitsbedingungen zu schaffen und für einen wertschätzenden Umgang zu sorgen. Gute Pflege der Bewohner verlangt auch einen pfleglichen Umgang mit Mitarbeitern.

Ein Problem ist ja auch der generelle Pflegekräfte-Mangel in Deutschland.

Bis zum Jahr 2030 fehlen bundesweit 500 000 Pflegekräfte , so die konservativen Prognosen. Der Fachkräfte-Mangel ist regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Doch es tut sich etwas in der Altenpflege. Einige Bundesländer haben die Bedingungen für die Ausbildung verbessert. Deshalb wurden 2017 so viele Ausbildungen begonnen wie noch nie . Wir haben einen regelrechten Boom .

Was wurde verbessert?

Die Auszubildenden werden besser gefördert. Das Schulgeld wurde abgeschafft, eine Ausbildungsvergütung wird gezahlt. Dass so viele Menschen Interesse an einem Pflegeberuf haben, ist erfreulich. Ob jedoch alle für diese Arbeit geeignet sind, muss abgewartet werden. Für die Arbeit in der Pflege ist eine Mischung aus Empathie, Handwerk und fundierten Wissensbeständen erforderlich.

Wird der Ausbildungs-Boom die Probleme lösen?

Die Versorgung der alten Menschen in guter Qualität wird eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein. Ich sehe die Lösung nicht vorrangig in Heimen und ambulanten Pflegediensten.

Sondern?

Wir sollten uns neuen Formen der Pflege öffnen. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger wünschen sich eine Versorgung in kleinen, wohnortnahen Wohngruppen. Die spielen mit 1,9 Prozent Anteil an der Versorgung aktuell noch eine sehr untergeordnete Rolle – auch und gerade im Südwesten. Hier engagieren sich häufig Angehörige, Nachbarn, Freunde in der Gestaltung des Alltags und sichern Teilhabe.

Sehen Sie Pflegeheime als Auslaufmodell?

Es gibt gute Heime, die sich öffnen, im Gemeinwesen Aufgaben übernehmen und sich zu örtlichen Kompetenzzentren der Pflege entwickeln. Die Anreize der Pflegeversicherung fördern diese Entwicklungen jedoch nicht. Viele Heime werden ausschließlich oder vornehmlich unter Rendite-Gesichtspunkten betrieben. Da bleiben die Interessen der Alten und die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte auf der Strecke. Trotzdem werden wir Einrichtungen auch in Zukunft brauchen – aber andere. Die Akzeptanz von Pflegeheimen sinkt.

Haben Sie ein Modell im Kopf, wie das verbessert werden kann?

Wir haben mit dem ehemaligen AOK-Chef in Baden-Württemberg, Dr. Rolf Hoberg, eine Strukturreform für die Pflege vorgeschlagen. Zu den Bausteinen gehört eine Umstellung der Finanzierung. Statt eines Sockelbetrags braucht es eine Finanzierung des Bedarfs, der über einen Eigenbeitrag der Versicherten hinausgeht. Die Finanzierung von ambulanten Diensten sollte auf Sachleistungsbudgets umgestellt werden.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?

Die Herausforderungen, die sich für die Sicherung der Pflege stellen, sind zunächst kultureller Art. Wir alle sind gefragt, unseren Beitrag zu leisten: durch Anteilnahme und politisches Interesse am Pflege-Thema. Leider ist im Koalitionsvertrag der GroKo zum Thema Pflege nicht viel Zukunftsweisendes enthalten. 8000 zusätzliche Pflegekräfte für die Heime – bei 20 000 offenen Stellen? Das lässt erkennen: Den Ernst der Lage hat man in Berlin noch nicht wirklich erkannt.

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26.02.2018, 06:00 Uhr
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