Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Staffel-Schlussmann Alex Schaf

Diamant auf Laufweg mit Kieselsteinen

Bis vor kurzem kannten Alexander Schaf nur Leichtathletik-Insider. Nun ist der Sprint-Autodidakt aus ärmlichen Verhältnissen Schlussmann der deutschen 4x100-Meter-Staffel. Der 24-Jährige will sie ins Finale bringen.

01.09.2011
  • SWP

Er ist in der Ukraine geboren, war Soldat im Kosovo, trainiert sich selbst und hat Talent. Das und sonst nicht viel wusste man über Alexander Schaf. Im Februar bekam der schnelle Unbekannte, gerade zum VfB Stuttgart gewechselt, beim Meeting in der Schleyerhalle einen Startplatz - im B-Finale über 60 Meter. Ein halbes Jahr später ist er saisonbester deutscher 100-Meter-Sprinter (10,20 Sekunden) und hat sich einen Staffelplatz bei der WM erkämpft. "Ich sehe mich erst am Anfang", sagt er in Daegu. Selbstbewusst und locker, als würde er viel länger das rote Poloshirt mit Adler tragen. Wenige Minuten vorher hatten im Athletendorf gestern alle deutschen Sportler Aufstellung fürs Mannschaftsfoto genommen. Schaf durfte mitstrahlen. "Es ist einfach bombig hier zu sein, dieses Jahr ist schon krass. Ich habe ja erst mit 16 mit der Leichtathletik angefangen und einiges ausprobiert, ehe ich beim Sprint gelandet bin."

Jetzt ist er 24. Spät dran, weil sein Leben nicht so lief, wie bei anderen Begabten. Schaf hatte lange nur einen Förderer: sich. Willenstärke und Veranlagung sind familiär ausgeprägt. Von der Oma hat er ein Schwarzweiß-Foto aufs Handy geladen. Es zeigt sie als Läuferin auf der Ziellinie. Sieht nostalgisch aus, war aber eine harte Zeit. "Wir hatten kein Geld, wenig zu essen", erzählt er über die Kindheit in Lugansk, einer ukrainischen 500 000-Einwohner-Stadt. Weil seine Mutter und die Großmutter aus Deutschland stammten, nutzte die Familie die Chance. Sie landete in Sigmaringen.

Über "Jugend trainiert für Olympia" kam Schaf zur LG Sigmaringen. Mit 18 knackte er die Elf-Sekunden-Marke. Dann kam erst mal Dienst nach Vorschrift: Schaf verpflichtete sich für vier Jahre als Zeitsoldat, war vier Monate im Kosovo-Einsatz. Egal wo, irgendwie versuchte er zu trainieren, fit zu bleiben, Kraft zu bolzen. "Und wenn ich keinen Bock hatte, habe ich eben nichts gemacht. Im Kosovo gab es nur einen Laufweg mit Kieselsteinen", sagt Schaf. Den Diamanten darauf sah niemand. Bis vor einem halben Jahr lief er ohne Coach, hatte Schichtdienst, stellte sich als angehender Fitnesskaufmann in Friedrichshafen das Trainingsprogramm selbst zusammen. Im Winter durfte er auf die 60-Meter-Bahn in der Friedrichshafener Volleyballhalle.

Das ist (seine) Geschichte: Inzwischen ist dieser unkonventionelle Sprinter in Kirchheim angekommen. Nicht nur an der Spitze der deutschen Bestenliste, auch in der Sprinter-Familie von Trainer Micky Corucle, zu der "Schwabenpfeil" Tobias Unger und Marius Broening zählen, Staffelkollegen in Daegu. Zumindest ist Alex, wie sie ihn nennen, fast schon heimisch: "Wir ziehen am 1. September um. Meine Freundin ist schon da. Sie muss jetzt streichen und Möbel aufbauen, solange ich hier quasi Urlaub mache." Ausschlafen, essen, sich mit Idol Asafa Powell fotografieren lassen, das klingt erholsam. Dahinter steckt das klare Ziel Endlauf. Für Unger, Broening, den Wattenscheider Sebastian Ernst und Schlussläufer Schaf muss alles passen, um am Sonntag so weit zu kommen. "Ich spüre keine Nervosität. Ich laufe einfach und werde volle Pulle ins Ziel brettern, egal ob Bolt, Powell oder Gatlin neben mir ist", sagt Schaf, Korrektur: ". . .vor mir sind."

Während es für Unger, 32, der sechste WM-Start in Serie ist, nennt Schaf die Qualifikation "mein schönstes Erlebnis im Sport". Das soll es nicht bleiben. "Ich spüre, dass es bergauf geht. Ab September bin ich auch wieder bei der Bundeswehr und froh, als Athlet abgesichert zu sein." Was er schon bald erreichen will, definiert er klar: erst 10,15 laufen und Unger als schnellsten Württemberger ablösen, sich für Olympia 2012 auch im Einzel qualifizieren und den deutschen Uralt-Rekord, die 10,06 von Frank Emmelmann, brechen. "Daran haben sich schon viele die Finger verbrannt. Aber es ist nicht unmöglich." Spätestens dann kennt man Alexander Schaf nicht nur in der Sprint-Szene.

Diamant auf Laufweg mit Kieselsteinen

Diamant auf Laufweg mit Kieselsteinen
Wolfgang Scheerer berichtet aus Daegu

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.09.2011, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Video-News: Fußball
Diese Funktion wurde deaktiviert.

Um das neue Messenger-Widget zu nutzen, besuchen Sie bitte tagblatt.de/whatsapp.
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Schwitzkasten
Schwitzkasten

Ob die weltweit wohl meistgesehene Tipp-Runde für die Fußball-Landesliga oder die beliebte "Elf der Woche" - für solche Formate gibt es den "Schwitzkasten" der TAGBLATT-Sportredaktion.
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular