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Energiewende

Dezentrale Erzeugung statt Stromautobahnen

Die Stadtwerke befürchten, dass zu viel in die großen Verteilnetze investiert wird.

20.04.2017

Von DIETER KELLER

Berlin. Ist ein Teil der Stromautobahnen überflüssig, die für viele Milliarden gebaut werden sollen, um Windstrom aus dem Norden nach Baden-Württemberg und Bayern zu transportieren, um dort die Kernkraftwerke zu ersetzen? Das meinen zumindest die Stadtwerke, die für die Verteilnetze vor Ort zuständig sind. Sie fordern mehr Mitsprache, um Fehlinvestitionen zu vermeiden.

Die Betreiber der Verteilnetze bräuchten mehr Systemverantwortung, weil sie die Versorgungssicherheit garantieren müssten, forderte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU), Katherina Reiche. Heute haben die vier Betreiber der großen Übertragungsnetze zusammen mit dem Bund das Sagen. Das will sie ändern: „Die Energiewende findet in den Verteilnetzen statt“, sagte Reiche in Berlin. Die Stabilität und die Versorgungssicherheit des Stromsystems hingen immer mehr von der Arbeit der Betreiber der Verteilnetze ab, sprich von den 800 Stadtwerken. Die aber haben zu wenig zu sagen, beklagt der VKU.

Früher war es die Hauptaufgabe der Stadtwerke, Strom zu verteilen, und ihre Netze waren Einbahnstraßen. Längst funktionieren sie auch in Gegenrichtung, weil jede Menge kleiner Solar- und Windanlagen ihren Strom einspeist, was die Netze sehr kompliziert gemacht hat. Allein bei der Nürnberger N-Ergie sind es fast 50?000 Anlagen, führte deren Chef Josef Hasler als Beispiel an. Sie erzeugten ein Drittel mehr Strom, als vor Ort gebraucht werde – wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Wenn nicht, stünden im Süden Gaskraftwerke mit hohem Wirkungsgrad zur Verfügung, die aber kaum liefen und sich daher nicht rechneten.

Immer mehr Energiespeicher

Für zusätzliche Veränderungen sogt, dass immer mehr Energiespeicher installiert werden. Derzeit investiere schon jeder dritte Hauseigentümer, der sich eine Solaranlage aufs Dach stelle, zusätzlich in diese Technik, so Hasler. Daraus kann ein dezentrales Netz entstehen, das die Stadtwerke steuern wollen. Es gebe aber die Gefahr, dass doppelt investiert werde, wenn zusätzlich die großen Übertragungsnetze stark ausgebaut würden.

Die Stadtwerke sind verpflichtet, zu jeder Tages- und Nachtzeit für eine stabile Stromversorgung zu sorgen. Doch dazu fehlen ihnen die Versorgungsdaten, über die nur die Betreiber der großen Übertragungsnetze verfügen.

Nach Vorstellung von Hasler und Reiche sollen sich alle Beteiligten nach der Bundestagswahl zusammensetzen, um die Versorgung mehr dezentral aufzustellen. „Wir müssen die Karten nochmal neu legen“, plädierte Hasler dafür, erneut zu prüfen, welche Trassen erforderlich sind angesichts der zunehmenden dezentralen Erzeugung und der Entwicklung der erneuerbaren Energien. Die große Sorge des VKU ist, dass zu viele Milliarden investiert werden, die letztendlich die Verbraucher zahlen müssen. Das wäre schlecht für die Akzeptanz der Energiewende. Was überflüssig ist, wollten sich Hasler und Reiche aber nicht festlegen.

Zudem fordert der VKU, dass die Netzentgelte für die örtlichen Verteilnetze nicht mehr nach dem Verbrauch berechnet werden, sondern pauschal unabhängig von der verbrauchten Strommenge. Denn immer mehr Verbraucher erzeugen selbst Strom und beteiligen sich daher weniger an den Kosten der Verteilnetze, obwohl sie die Sicherheit haben, darauf zurückgreifen zu können, wenn keine Sonne scheint oder kein Wind weht. Dieter Keller

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Erstellt:
20. April 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2017, 06:00 Uhr

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