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Aufstand der Frankenschuldner

Devisenkredite treiben unzählige Polen in den Ruin

Rund 700 000 polnische Haushalte haben vor Jahren Immobilienkredite in Schweizer Franken aufgenommen, weil der Wechselkurs günstig war. Seit der Frankenkurs gestiegen ist, droht ihnen die Pleite.

24.04.2015

Von JENS MATTERN

Morgens um acht scheint am Rande von Warschau die Welt noch in Ordnung zu sein: Neuwagen rollen zügig aus den Garagen der bewachten Apartmentkomplexe oder der eingezäunten Einfamilienhäuser, um Kurs auf das Zentrum der polnischen Hauptstadt zu nehmen - dorthin, wo die hohen Glaspaläste stehen und die hohen Gehälter gezahlt werden.

Doch der 30-Jahres-Plan zur Abzahlung der geräumigen Eigentumswohnung ist ins Wanken geraten, und zwar seit dem 15. Januar 2015, als die Schweizer Nationalbank die Kursuntergrenze des Franken aufhob und dieser daraufhin in die Höhe schnellte. Schon zuvor war der Kurs den Schuldnern zu hoch. Rund 700 000 polnische Haushalte haben Kredite in Franken aufgenommen. Die Banken rieten vor mehr als zehn Jahren der Mittelschicht aufgrund günstiger Zinsen zur Schweizer Währung. Viele nahmen damals einen Kredit zu einem Kurs von höchstens 2,5 Zloty pro Franken auf. Derzeit liegt der Frankenkurs bei rund 3,9 Zloty.

Nun hängt abends, wenn die Kinder im Bett und die Rechnungen auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet sind, in Polens Mittelstandsfamilien der Haus- beziehungsweise der Eigentumswohnungssegen schief. "Wir sind bezüglich des Risikos in die Irre geführt worden", sagt Tomasz Sadlik, Gründer der Interessenvertretung der Schuldner "Pro Futuris" und Inhaber einer Übersetzungsfirma. Die Mitglieder von "Pro Futuris" haben sich schon einiges einfallen lassen - sie organisierten auf der Straße Proteste, riefen zum Boykott der entsprechenden Banken auf und lassen über Rentner und Studenten das Beratungsverhalten der Banken "ausspionieren". Es wurden auch schon Klagen gegen polnische Banken angestrengt.

Auch Stanislaw S.will vor Gericht. Vorerst möchte der 48-jährige Unternehmensberater, ein schmächtiger Mann mit rahmenloser Brille, seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Für ein Treffen vereinbart er einen Ort im westlichen Zentrum der Hauptstadt. Hier stehen renovierte Nachkriegsbauten mit schicken Kneipen, die Straßen sind aufwendig gepflastert.

In der Nähe hat er sich 2008 gemeinsam mit seiner Frau eine kleine Altbauwohnung gekauft. Aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ist diese eine Seltenheit und somit eine teure Investition. "Nun müssen wir bis zu 80 Prozent mehr abbezahlen, als vor sieben Jahren." Der studierte Ökonom legt in einem Café einen Vertrag auf den Tisch: 140 000 Schweizer Franken steht dort als Kreditbetrag, angelegt auf 30 Jahre. Damals lag der Kurs für einen Schweizer Franken bei 2,5 Polnischen Zloty.

"Die Banken drängten auf den Frankenkredit - er sei billig und mit dem gleichen Risiko wie mit polnischen Zloty behaftet - ohne von dem Währungsrisiko zu erzählen", sagt Stanislaw S. Als Institution sei eine Bank verpflichtet, auf dieses Risiko hinzuweisen. Da sie dies nicht getan habe, habe sie ihn entweder betrogen oder sei vollkommen unprofessionell aufgetreten. Hierin sieht er die Chance seiner kommenden Klage.

Bislang sind sie noch zahlungsfähig, doch in den abendlichen Gesprächen ist die Unsicherheit ein Thema. Schließlich haben sie noch einen Sohn im Kindergartenalter. Bekannte, ebenfalls "Frankowcy", wie sich die Schuldner der Schweizer Währung selbst nennen, seien jedoch weiter schlechter dran. In zwei Fällen verkauften die Betroffenen die Wohnung, doch das nutzte nichts, sie konnten die Schulden aufgrund des hohen Frankenkurses nicht zurückzahlen. Als letzte Lösung bleibt, den Job zu kündigen oder das eigene Unternehmen aufzulösen und danach in Privatinsolvenz zu gehen. S. hofft auf die Unvoreingenommenheit der Gerichte, von der polnischen Regierung erwartet er nichts.

Der konservativ-liberalen polnischen Regierungspartei "Bürgerplattform" scheint das Thema zumindest recht unangenehm zu sein. Zwar versprach Premierministern Ewa Kopacz den Frankenschuldnern zu helfen. So wurde im Finanzministerium eine Steuererleichterung für Kreditnehmer angedacht, doch konkrete Schritte gibt es bisher nicht. Im Mai soll der jetzige Präsident Bronislaw Komorowski wiedergewählt werden, im Herbst stehet die Parlamentswahl an. Die mittelständischen Schuldner will man als Wähler nicht verlieren, doch Zugeständnisse könnten teuer werden und Neidgefühle wecken - denn auch anderweitig Verschuldete gibt es in Polen genug.

In Polen mit einer Bevölkerung von 39 Millionen Menschen liegt die Summe überfälliger Schulden bereits bei insgesamt umgerechnet 10,2 Milliarden Euro, derzeit sind 2,38 Millionen Polen nicht in der Lage, ihre Rückstände zu zahlen - und ihre Zahl wächst. Der Grund liegt in den besonders entbehrungsreichen 80er Jahren, als die freie Gewerkschaft Solidarnosc mit der kommunistischen Regierung um Einfluss rang und die polnische Volkswirtschaft auf Talfahrt ging. Der Wunsch nach Eigentum und Wohlstand war nach der Wende entsprechend groß. Sparsamkeit hingegen galt nicht als Tugend in dem Land, das lange unter der Geldentwertung gelitten hatte.

Als Mangelware wurden in der neuen, harten Marktwirtschaft Mieterrechte gehandelt. Darum kauften junge Polen nach dem Verlassen der elterlichen Wohnung sofort Wohneigentum, auch wenn das Abstottern Jahrzehnte dauern sollte. In TV-Werbespots jagt noch heute eine Kreditwerbung die nächste - vor allem schnell soll alles laufen, bloß nicht nachdenken. Doch nun scheint im Umfeld der Frankenschuldner eine Anti-Bankenbewegung zu entstehen, die bereits in den Gemeinden Wahlkandidaten aufstellt, um mehr Druck für die Behebung ihrer Nöte zu erzeugen.

Der Verband Polnischer Banken ZBP schlug vor, für jene Geringverdiener unter den Schuldnern, die weniger als den Durchschnittslohn von 4000 Zloty (umgerechnet 971 Euro ) verdienen, einen Fonds einzurichten. Doch das betrifft nur wenige. Ansonsten zählt man von Seiten der Banken auf den Staat. Marek Belka, Chef der polnischen Nationalbank, hat jegliche staatliche Unterstützung der Banken kategorisch ausgeschlossen.

Mittlerweile bereiten Anwaltskanzleien Sammelklagen vor, wobei sie versuchen, die Banken zu zwingen, die Verträge zu "entfrankisieren", sie also wieder in Zloty umzuwandeln. Die Kanzleien analysieren derzeit die Verträge und werben um Kunden. Da die Immobilien in Zloty bezahlt wurden, sei die Franken-Koppelung illegal, so eine ihrer Argumentationslinien.

Wer kein Geld mehr zum Klagen hat, dem bleibt die Straße - am 25. April werden diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben, in Warschau protestieren. Es soll die größte Demonstration der Frankenschuldner werden.

Warschau: Viele Polen kommen mit ihren Immobilienkrediten in die Klemme, weil sie diese in Schweizer Franken aufgenommen haben. Foto: © bart5 - fotolia

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Erstellt:
24. April 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. April 2015, 12:00 Uhr

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