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Telemedizin

Deutschlands erste Praxis ohne Arzt

In Spiegelberg eröffnet im Oktober nach langer Suche wieder eine Hausarztpraxis. Im Sprechzimmer sitzt aber kein Arzt, sondern eine Arzthelferin. Der Mediziner schaltet sich aus dem Nachbarort zu.

27.08.2019

Von DAVID NAU

Dank moderner Digitaltechnik können Ärzte inzwischen Patienten auch aus der Ferne behandeln. So könnten künftig auch Dörfer auf dem Land ärztlich versorgt werden. Im Oktober startet ein Modellprojekt im Südwesten. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Spiegelberg/Zweiflingen. Mehr als drei Jahre lang suchte Uwe Bossert nach einem neuen Allgemeinmediziner – vergebens. Bossert ist Bürgermeister der Gemeinde Spiegelberg im Rems-Murr-Kreis. Das 2100-Einwohner-Dorf liegt mitten im Schwäbischen Wald, hindurch führt die „Idyllische Straße“. Es lässt sich also durchaus aushalten dort. Einen Hausarzt fand Bürgermeister Bossert dennoch nicht für seine Gemeinde. „Es wollte einfach keiner aufs Land rausgehen“, sagt er.

Mit diesem Problem ist Bossert nicht allein. Überall in Baden-Württemberg haben es kleine Gemeinden auf dem Land schwer, einen neuen Mediziner zu finden, wenn der bisherige Hausarzt in den Ruhestand geht. Die Politik streitet noch darüber, wie man diesem Problem begegnen soll. Die einen fordern eine Landarztquote für Medizinstudenten, die anderen plädieren dafür, den Job attraktiver zu machen. In Spiegelberg wählt man nun einen neuen Weg: Dort gibt es von Oktober an nun wieder eine Hausarzt-Praxis – allerdings ohne einen Arzt.

Ärztemangel entgegenwirken

Der sitzt nicht in den Praxisräumen in Spiegelberg, sondern schaltet sich bei Bedarf aus der Nachbargemeinde Oppenweiler zu. Geleitet wird die Fernbehandlungs- und Diagnosepraxis von einer medizinischen Fachangestellten, die alle Aufgaben übernimmt, für die kein Arzt notwendig ist. „Sie kann EKG schreiben, Laborproben entnehmen, Blutdruck und Blutzucker messen oder Verbandswechsel machen“, erklärt Florian Burg von der Medizinfirma PhilonMed.

Das Heidelberger Unternehmen steckt hinter dem Konzept, das außer in Spiegelberg deutschlandweit nur noch in Zweiflingen (Hohenlohekreis) getestet wird. Das Unternehmen sorgt mit einem Team aus Juristen, Informatikern und Ökonomen dafür, dass alle rechtlichen Vorgaben eingehalten werden und die Prozesse sicher ablaufen. „Wir wollen keinen Arzt ersetzen, sondern sehen uns als Ergänzung der normalen Medizin“, sagt Firmengründer Tobias Gantner, selbst Arzt.

Mit dem Projekt will PhilonMed dem Ärztemangel entgegenwirken. „Wir müssen mit der Arztzeit gut umgehen, das ist die knappste Ressource“, sagt Gantner. Wenn sich der Mediziner per Internet in Spiegelberg zuschalten könne, dann spare er sich die Fahrzeit ins Nachbardorf und könne dafür mehr Patienten behandeln.

Dr. Jens Steinat ist einer der Ärzte, die künftig die Spiegelberger aus der Ferne versorgen werden. Der Facharzt für Allgemeinmedizin betreibt gemeinsam mit seiner Frau eine Hausarztpraxis in Oppenweiler. „Ich betreue ohnehin schon einen großen Teil der Patienten aus Spiegelberg“, sagt Steinat. Er habe sich vor allem wegen der räumlichen Nähe für die Teilnahme an dem Projekt entschieden: „Für mich ist es wichtig, dass ich für die Patienten auch weiterhin fassbar bin und zum Beispiel keine Patienten in Lörrach betreue“, sagt Steinat. Er sieht in der Diagnosepraxis keinen Hausarzt-Ersatz, sondern hofft eher darauf, dass unnötige Fahrten für Arzt und Patient wegfallen werden.

Dieses Stethoskop überträgt Herztöne digital zum Arzt. Foto: StethoMe®

Obwohl er die Patienten in Spiegelberg künftig aus seiner Praxis im Nachbarort betreuen wird, kann er dennoch viele wichtige Untersuchungen durchführen – dank digitaler Technik. So kommt zum Beispiel ein Stethoskop zum Einsatz, das Herz- oder Lungengeräusche per Internet zu Steinat überträgt. „Ich höre den Patienten dann per Kopfhörer ab“, erklärt der Arzt. Außerdem gebe es ein EKG, das die Herzkurven der Patienten auf Steinats Rechner überträgt, sowie ein Gerät, mit dem Steinat vom Bildschirm aus Hals und Ohren der Patienten untersuchen kann.

Zwei Jahre lang – bis 2021 – wird das Projekt wissenschaftlich begleitet und auch ausgewertet. Ziel ist unter anderem, ein Konzept für ganz Deutschland zu entwickeln. „Wir haben Anfragen aus anderen Bundesländern und der Schweiz“, sagt Gantner. Bürgermeister Bossert hofft, dass die Diagnose-Praxis von den Spiegelbergern gut angenommen wird. „Gerade für Ältere ist Telemedizin ein Thema, mit dem man sich erst anfreunden muss.“

Aus rechtlichen Gründen darf Steinat von Oktober an zunächst nur Patienten behandeln, die ihm persönlich bekannt sind. Für die ausschließliche Fernbehandlung braucht es eine Genehmigung der Landesärztekammer. Dort heißt es, der Antrag sei eingegangen und werde geprüft. Wann darüber entschieden werde, sei noch nicht klar.

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Erstellt:
27. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. August 2019, 06:00 Uhr

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