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Kritik am Nukleardeal der Bundesregierung

Deutschland fördert fragwürdigen Ausbau der Atomkraft in Brasilien

Deutschland verabschiedet sich bis 2022 von der Atomenergie. Doch in Brasilien fördert die Bundesregierung den Ausbau eines Meilers mit einer Exportbürgschaft. Ein Gutachten bezweifelt die Sicherheit.

14.03.2012

Von JULIA DERESKO

Berlin Nach der Atomkatastrophe in Fukushima gab es kein Zurück. Die Bundesregierung hat die Kehrtwende in der Atompolitik verkündet und den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Doch das scheint nur für Deutschland zu gelten. Mit einer Milliardenbürgschaft will die Bundesregierung den Bau des Atomreaktors Angra 3 in Brasilien unterstützen. Dabei haben jüngst zwei Gutachten von brasilianischen Wissenschaftlern ergeben, dass das Bauwerk erhebliche Risiken birgt. Der Nuklear-Experte Francisco Correa, der im Auftrag der Umweltorganisationen Greenpeace und Urgewald ein Gutachten erstellt hat, kommt zu dem Schluss, dass die Möglichkeit eines Katastrophenszenarios wie in Fukushima bestehe.

Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle. So wurden laut Gutachten für die Genehmigung ungeeignete Datensätze verwendet. Um das Sicherheitsniveau des Meilers zu bestimmen, seien die Daten des bauähnlichen Reaktors Biblis B herangezogen worden, ohne jedoch die Unterschiede zwischen beiden Meilern zu berücksichtigen.

Auch technisch sei der Reaktor, der bereits in den 1980er Jahren gebaut werden sollte, inzwischen veraltet. Sein technisches Design entspreche dem des Reaktors Grafenrheinfeld, der 2015 stillgelegt werden soll. "Allerdings erreicht Angra 3 nicht einmal die Standards des 30 Jahre alten AKW Grafenrheinfeld, denn dessen Hülle ist doppelt so dick", sagte Correa. Mit seiner lediglich 60 Zentimeter starken Kuppeldicke sei der Reaktor nicht hinreichend gegen bekannte Risiken wie Abstürze von Flugzeugen geschützt.

Auch der Standort ist laut Gutachten nicht für den Bau eines Atomkraftwerks geeignet. Die größte Gefahr gehe dabei von Erdrutschen aus, die regelmäßig in dieser Region vorkommen. In der nahe gelegenen Stadt Angros dos Reis kamen im Jahr 2010 infolge von Erdrutschen und damit einhergehenden Schlammlawinen und Überschwemmungen über 30 Menschen ums Leben. 2011 sind im Bundesstaat Rio de Janeiro nach massiven Regenfällen und Erdrutschen fast 1000 Menschen gestorben. Ein weiteres Problem seien die nur unzureichenden Evakuierungsmöglichkeiten. Der zentrale Fluchtweg ist wegen Steinschlags und Schlammlawinen nur eingeschränkt nutzbar, erklärte der Experte. Daher sei eine Revision des Notfallplans notwendig. "Angra 3 ist ein veraltetes und überkommenes Projekt", sagte Correa. Der Bau des Atomkraftwerks wurde 1984 begonnen und zwei Jahre später auf Grund von Finanzierungsproblemen wieder eingestellt.

Barbara Happe, Brasilien-Expertin der Naturschutzorganisation Urgewald, bezeichnete es als verantwortungslos, das Projekt zu unterstützen. "Alles, was in Fukushima zur Katastrophe geführt hat, ist auch bei Angra 3 zu finden: falsche Annahmen, ein ungeeigneter Standort und veraltete Technik."

Die Bundesregierung hat einer Exportbürgschaft für die Fertigstellung des Reaktors von 1,3 Milliarden Euro im Grundsatz bereits 2010 zugestimmt. Vor der endgültigen Zusage will sie aber ein Gutachten abwarten, das klären soll, inwieweit die Erkenntnisse aus der Havarie in Fukushima beim Angra-Bau berücksichtigt werden. Das Gutachten wird in den nächsten Wochen erwartet. "Wenn Merkel in ihrer Atompolitik glaubwürdig bleiben will, muss sie diesen Nukleardeal mit Brasilien stoppen", fordert Tobias Riedl, Atomkraft-Experte von Greenpeace. Errichtet wird der Meiler übrigens vom französischen Staatsunternehmen Areva.

Mit Hilfe einer deutschen Bürgschaft soll in Brasilien das AKW Angra 3 gebaut werden. Zwei Reaktoren sind in Angra dos Reis bereits in Betrieb. Foto: afp

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Erstellt:
14. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. März 2012, 12:00 Uhr

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