Immer nur eine Momentaufnahme

„Deutschland auf dem Weg in die Armut?“

Sachverständige aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft diskutierten auf dem 16. Wirtschaftsforum der European Business School (ESB) Reutlingen.

20.03.2012

Reutlingen. Eins stellte Prof. Meinhard Miegel, Vorstandsvorsitzender der Denkwerk-Zukunft, gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion fest: Einfach zu definieren sei die Armut in der vergleichsweise wohlhabenden Industrienation nicht. „Armut ist an jedem Tag und an jedem Ort etwas anderes“. Somit sei immer nur eine Momentaufnahme der Situation möglich.

Carmina Brenner vom Statistischen Landesamt pflichtete ihm bei. In Deutschland gebe es keine absolute Armut, bei der Menschen täglich um ihre Lebensgrundlage fürchten müssten, jedoch sei relative Armut sehr verbreitet, die sich regional stark unterscheide. Von Armut besonders betroffen, seien Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte. Speziell junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren hätten mit Geldnot zu kämpfen.

Wer 60 Prozent oder weniger des „Mitteleinkommens“ habe, gelte als gefährdet, erklärte die Statistikexpertin. Im reichen Baden-Württemberg liege die Grenze bei 895 Euro monatlich, im strukturell schwächeren Mecklenburg-Vorpommern sei die Armutsschwelle erst bei 680 Euro erreicht. Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, erklärte, dass bei der Wiedervereinigung „viele Fehler“ gemacht wurden, die heute mit Grund für die schwierige wirtschaftliche Lage der neuen Länder sind. Volker Wissing, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, gab zu bedenken, dass es eine politische Herausforderung sei, „gleichwertige Lebensverhältnisse überall zu erreichen“, sieht aber schon große Fortschritte im Osten.

Miegel deutete auf eine historische Abhängigkeit des Osten vom Westen hin, die es bereits zu preußischen Zeiten gab. Moderator Jochen Voß befragte die Experten auch zu akzuellen Problemen, beispielsweise der Durchlässigkeit des Bildungssystems, aber auch zum Niedriglohnsektor. Laut Miegel sei es „sehr frustrierend“, wenn Menschen trotz Arbeitsstelle von ihrem Lohn nicht leben könnten. Nerz erneuerte daher die Forderung seiner Partei nach einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ für jeden Bürger.

Die faire Entlohnung von Mitarbeitern, stellte Max-Richard Freiherr Rassler, Eigentümer und Leiter des Hotel Schloss Weitenburg in Starzach fest, liege auch in der Verantwortung der Unternehmers.

Neben der Expertendiskussion gaben zwei Gäste praktische Einblicke in das Thema „Armut“. Ina Kinkelin-Naegelsbach von der Diakonie in Münsingen erklärte, dass häufig Migranten von Armut betroffen seien, da deren Qualifikation in Deutschland nicht anerkannt werde, und Gabriele Blum-Eisenhardt, die im Jahr 2010 in der Fastenzeit freiwillig von Hartz IV gelebt hat, sprach davon, welchen Stress es für einen Vier-Personen-Haushalt bedeutet, mit Arbeitslosengeld II auskommen zu müssen.

Auf dem Podium der Hochschule: Moderator Jochen Voß, Carmina Brenner und Prof. Meinhard Miegel (von links).Bild: Haas

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Erstellt:
20. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. März 2012, 12:00 Uhr

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