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Der Mann hinter dem Sparkurs

Deutsche-Bank-Chef John Cryan erklärt in Frankfurt den Abbau von 9000 Stellen

Es sei ihm nicht leicht gefallen - in Frankfurt verkündet der Brite John Cryan den härtesten Sparkurs in der Geschichte der Deutschen Bank. Dabei beklagt er auch die ineffiziente Arbeit seiner Vorgänger.

30.10.2015
  • ROLF OBERTREIS

Um 8.58 Uhr zeigt sich der Mann, der hinter dem Abbau von 9000 Stellen steht, erstmals der deutschen Öffentlichkeit. Seine Vorstandskollegen lassen John Cryan den Vortritt im großen Konferenzsaal in der Deutsche-Bank-Zentrale an der Frankfurter Taunusanlage. Im dunkelgrauen Anzug, weißem Hemd und dunkelroter Krawatte stellt sich der 54-jährige Brite vor dem Emblem der Bank den gut zwei Dutzend Fotografen und Kamerateams. Erst zwei Minuten später gesellen sich Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen, Finanzvorstand Marcus Schenck und Privatkundenchef Christian Sewing an die Seite des seit 1. Juli amtierenden Co-Chefs des mächtigsten Geldhauses der Republik, der faktisch aber alleine regiert.

Es dauert noch einige Minuten, bis sich die Herren setzen können und bis Cryan, der Kleinste des Quartetts, mit eher fahlem Gesicht das Wort ergreift. Und erste Pluspunkte sammelt: Der Brite spricht Deutsch, fast perfekt und ohne Akzent mit heller, klarer Stimme, verhaspelt sich nur bei einigen Fremdwörtern. Es sei ihm ein Anliegen, seine Pläne persönlich zu erläutern.

Das ist also der Mann, der allein in Deutschland 4000 Stellen streichen und 200 Filialen - vor allem in Großstädten und Ballungsgebieten - schließen möchte. Es ist der Mann, der den Aktionären die Dividende verweigert, und der bis zum Jahr 2020 rund 3,8 Milliarden Euro einsparen will. Cryan verkündet all dies in Frankfurt und schiebt hinterher: "Ich gehe diesen Schritt nicht leichten Herzens."

Die Kritik kann er damit wahrlich nicht zurückhalten. "Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen das Top-Management früherer Jahre mit Schadensersatzzahlungen und Abschreibungen in schwindelerregender Höhe eingebrockt hat", erklärte Betriebsratschef Alfred Herling in einer ungewöhnlich deutlichen Stellungsnahme.

Die Deutsche Bank hat den härtesten Sparkurs ihrer Geschichte eingeleitet und Cryan sieht die Gründe dafür vor allem in den Fehlern der alten Konzernführung. Er beklagt die vielen Strategieankündigungen der vergangenen Jahre und die mangelhafte Umsetzung. Co-Chef Jürgen Fitschen, der einzige aus der alten Vorstandsriege, hört die Worte mit starrem Blick. Der Brite bedauert den drastischen Personalabbau, will ihn fair abwickeln. Drastisch beschreibt er den Zustand der Bank, beklagt die Ineffizienz. Er zeigt anhand von nur zwölf verständlichen Folien, dass man eine Strategie auch einfach und knapp erläutern kann. Als seine Vorgänger Jain und Fitschen Ende April ihre Pläne erläutert hatten, waren dafür 41 zum Teil verwirrende Folien notwendig.

Das Wort Kulturwandel nimmt Cryan nicht in den Mund. Die Antwort auf die Frage überlässt er Co-Chef Fitschen, der einräumt, dass man die Umsetzung unterschätzt habe, aber natürlich daran festhalte. "Sie dürfen noch mehr erwarten", sagt Fitschen. Cryan ergänzt in einem Gemisch aus Deutsch und Englisch, die Bank werde disziplinierter geführt, das Vergütungssystem angepasst. Für Fehlverhalten könne es keine Entschuldigung geben, es werde konsequent geahndet. "Moral and Motivation sind Kernaufgaben of the Vorstand."

Trotz aller Kritik hat Cryan, der stets überlegt und ruhig antwortet, natürlich auch Lob für die Bank übrig. Das Institut habe eine einzigartige Position in Deutschland und auch im internationalen Geschäft. Hierzulande sei sie tief verwurzelt. "Diese Wurzeln müssen wir nicht nur pflegen, sondern weiter stärken", sagt der Brite, dem mitunter vorgeworfen wird, er habe sich in den ersten Monaten zu viel um Kunden und Investoren in den angelsächsischen Ländern gekümmert und sich zu selten in Deutschland gezeigt.

Nach 90 Minuten ist Cryans Auftritt vorbei. Seine Kollegen und er müssen nach London zur Investorenkonferenz. Sie nehmen den Linienflieger der Lufthansa, betont Bank-Sprecher Thorsten Strauß. Auch eine Sparmaßnahme.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan erklärt in Frankfurt den Abbau von 9000 Stellen
Gestern verkündete John Cryan seinen Sparkurs - den Stellenabbau bei der Deutschen Bank möchte er möglichst fair gestalten. Foto: afp

Deutsche-Bank-Chef John Cryan erklärt in Frankfurt den Abbau von 9000 Stellen

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30.10.2015, 12:00 Uhr
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