Hannover/München

Verhaltenes Frühlingserwachen auf dem Automarkt

Die Frühjahrssonne macht vielen Kunden traditionell Lust auf den Autokauf. Mancherorts hat Corona den Winter-Blues aber auch eher verlängert - jedenfalls dort, wo die Sorgen rund um die Pandemie die Nachfrage noch drücken. Wann geht es in Deutschland stärker aufwärts?

20.04.2021

Von dpa

Ein Logo von Volkswagen dreht sich auf dem Werk in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hannover/München. Frühlingszeit gleich Autozeit - das gilt diesmal nur eingeschränkt. Zumindest in Deutschland. Während es viele Menschen nach dem Ende der dunklen Tagen normalerweise in größerer Zahl zum Händler oder zu Ausstellungen mit neuen Modellen zieht, fällt die sogenannte Frühjahrsbelebung 2021 bisher verhalten aus.

Noch scheinen die Corona-Folgen hierzulande nicht überwunden. Im März legten die Zulassungen neuer Pkw - ausgehend vom geringen Vorjahresniveau - zwar wieder zu. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) sprach von „positiven Vorzeichen“. Über das gesamte erste Quartal hinweg ist der Trend jedoch schwach, Vorsicht bei den Konsumausgaben und oft geschlossene Autohäuser prägen das Bild.

Anders ist die Lage inzwischen in anderen Ländern: Im weltweiten Geschäft konnte die deutsche Kernbranche schon viel Boden gutmachen. BMW, Volkswagen und Daimler meldeten für das erste Quartal teils hohe zweistellige Zuwachsraten im Vergleich zu Anfang 2020, die Bayern schafften im Konzern gar einen Rekord von fast 640 000 Fahrzeugen. Auch die Aktienkurse reagierten positiv. Es bleiben jedoch Zweifel, ob die jüngste Entwicklung ausreicht, um Corona ganz abzuschütteln.

Das Bild ist derzeit extrem gemischt. Während die Autokonjunktur vor allem in China anzieht und die Hersteller zur aktuellen Messe in Shanghai ehrgeizige neue Ziele formulieren, halten Lockdowns und regional starke Unterschiede beim Impfen die Unsicherheit auf dem Heimatkontinent hoch. Peter Fuß, Branchenbeobachter bei der Beratungsfirma EY, mahnte kürzlich zur Vorsicht: „Die erhoffte Erholung auf dem EU-Neuwagenmarkt lässt weiter auf sich warten. Es gibt zaghafte Erholungstendenzen, aber keine Trendwende.“

In Deutschland ist die Entwicklung nach wie vor durchwachsen. Selbst BMW verbuchte hier im Startquartal einschließlich der Tochter Mini ein - wenngleich nur noch leichtes - Minus von 0,3 Prozent, während sich das Geschäft der Münchner in China beinahe verdoppelte. Bei der Daimler-Hauptmarke Mercedes-Benz betrug der Rückgang in der Bundesrepublik 15,4 Prozent, demgegenüber stand ein Plus von mehr als 60 Prozent im Reich der Mitte. Der VW-Konzern hatte jüngst für ganz Westeuropa einen Rückgang um 4,6 Prozent im Jahresvergleich genannt - bei einem China-Plus knapp über dem der Stuttgarter Konkurrenz.

Die großen Drei zehren von ihrer jahrzehntelang aufgebauten Präsenz in der Volksrepublik, dem wichtigsten Automarkt der Welt. Laut einer EY-Analyse schnitten sie trotz erheblicher Einbußen 2020, die dort besonders im ersten Quartal angefallen waren, immer noch besser ab als Wettbewerber von anderswo. Und auch im Vergleich der Märkte selbst zeigte sich China stark: Betrachtet man die 17 größten Autokonzerne des vorigen Jahres, sank der Gesamtabsatz von Pkw in dem Land nur um 4 Prozent - in den USA (14 Prozent) und in Westeuropa (25 Prozent) fielen die Rückgänge wesentlich größer aus.

Der deutsche Branchenverband VDA sieht eine „essenzielle“ Bedeutung der chinesischen Verkäufe und Marktanteile für die heimischen Unternehmen. „Sie sichern und schaffen Arbeitsplätze in Deutschland.“ Auch die nötigen Investitionen in alternative Antriebe und in den Klimaschutz wären ohne die China-Gewinne schwieriger zu stemmen.

In den betriebswirtschaftlichen Kennziffern schlägt sich das rasche Aufholen im Corona-Ursprungsland ebenfalls nieder. BMW verdiente im Startquartal nach vorläufigen Zahlen vor Steuern fast 3,8 Milliarden Euro. Bei Daimler waren es vor Sondereffekten, Zinsen und Steuern knapp fünf Milliarden Euro. VW will spätestens Anfang Mai Daten vorlegen, für das besonders konjunktursensible Geschäft der schweren Nutzfahrzeuge meldete die Tochter Traton schon einen guten Start.

Freilich spielt bei alldem das niedrigere Ausgangsniveau des Vorjahres eine Rolle. Der ganz große Einbruch in Europa kam 2020 aber erst im zweiten Quartal, als ganze Autowerke zeitweise dicht waren.

Insgesamt sind die Hersteller derzeit dennoch eher wenig auf Rabatte angewiesen, um Käufer anzulocken. BMW verwies auf Preiseffekte und ein großes Interesse an Gebrauchtwagen, die zu den überraschend guten Ergebnissen beigetragen hätten. Ein hohes Preisniveau für gebrauchte Autos senkt nicht nur den Druck auf die Neuwagenpreise, sondern ist auch in der Restwertberechnung von Leasing-Rückläufern von Vorteil.

Ob nach dem zweiten Corona-Frühjahr vielleicht ein Auto-Sommer folgen kann, bleibt abzuwarten - und dürfte vom Erfolg der Impfkampagne abhängen. Das Münchner Ifo-Institut glaubt: „Bei den Autobauern ist der Frühling angekommen.“ Aber die Zuversicht so manchen Managers sei in Umfragen zuletzt wieder getrübt gewesen. EY-Mann Fuß gibt sich für die kommenden Wochen gleichfalls noch skeptisch: „Inzwischen steigt sogar die Wahrscheinlichkeit, dass neue, schärfere Einschränkungen eingeführt werden, die sich auch negativ auf den Absatz auswirken würden.“ Wohl ab Mitte des Jahres gebe es dann „Grund zur Hoffnung“.

Zum Artikel

Erstellt:
20. April 2021, 12:55 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2021, 15:41 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2021, 15:41 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App