Kampf gegen Missbrauch

Detlev Zander verlangt von der Brüdergemeinde Korntal eine Entschädigung

Von STEFANIE JÄRKEL, DPA

Detlev Zander war Heimkind. Er wurde nach eigenen Angaben über Jahre missbraucht, misshandelt, gedemütigt. Nun verklagt er die Brüdergemeinde Korntal auf 1,1 Millionen Euro Schmerzensgeld.

Detlev Zander verlangt von der Brüdergemeinde Korntal eine Entschädigung

Stuttgart Vor zwei Jahren hat er sich entschieden, sich zu wehren. Die Alternative wäre gewesen, wirklich zu sterben, sagt er. "Dann dachte ich für mich: Entweder ich kämpfe - oder ich trete endgültig ab", sagt der 53-Jährige. Als Kind wurde er nach seiner Darstellung in einem Heim der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt. Mehr als 200 Betroffene erheben ähnliche Anschuldigungen. Zander hat als einziger die Brüdergemeinde auf 1,1 Millionen Euro Schmerzensgeld verklagt. Er hat sich zudem wie Tausende Betroffener an den Fonds Heimerziehung gewandt.

Zander kam Mitte der 60er Jahre im Alter von drei Jahren nach Korntal. Wie er später erfuhr, hatte sein Vater seine Schwester missbraucht. Mitglieder der Brüdergemeinde erzählten dem Jungen, seine Eltern seien tot. "Das Schlimmste war für mich die psychische Gewalt", sagt Zander, der heute im bayrischen Plattling lebt. Seine Erzieherin quälte und demütigte ihn. Wenn er ins Bett gemacht hatte, dann habe sie sein Geschlechtsteil mit der Zahnbürste "geschrubbt". Sie entzog ihm das Essen oder zwang ihn, Erbrochenes zu essen, und verprügelte ihn, erzählt Zander.

Schon im Alter von vier Jahren habe sich der Hausmeister an ihn herangemacht. "Am Anfang habe ich gedacht, das ist halt so", sagt Zander über das Streicheln. Doch "die Übergriffe wurden immer brutaler". Irgendwann habe er ihn bis zu zwei Mal am Tag vergewaltigt. Als sich Zander gemeinsam mit anderen Betroffenen hilfesuchend an seine Erzieherin wandte, habe die sie verprügelt und gesagt: "Wir sollen nicht solche Lügen erzählen."

Mit 14 Jahren hörten die sexuellen Übergriffe auf. Er sei wohl nicht mehr interessant gewesen, sagt Zander. "Ich vermute, weil ich in die Pubertät kam." Es gibt mittlerweile mehrere ehemalige Heimkinder, die den Hausmeister des Missbrauchs bezichtigen. Doch nicht nur er soll sich an Zander vergangen haben. Auch ein Mitglied der Brüdergemeinde habe ihn über Jahre vergewaltigt, so Zander.

Im Alter von 15 oder 16 Jahren wollte sich Zander das erste Mal das Leben nehmen. Doch seine Erzieherin fand ihn rechtzeitig. Er kam vorübergehend in die Psychiatrie.

Zander wurde Krankenpfleger und arbeitete in verschiedenen Kliniken im Raum Stuttgart. Er heiratete, seine Frau bekam zwei Kinder. Doch die Ehe scheiterte. Zu viel Nähe für Zander. Vor sechs, sieben Jahren bekam er Schlafstörungen. Aber über seine Erfahrungen konnte er nicht reden. Er versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Dann entschied er sich zu kämpfen.

Anwalt Christian Sailer räumt ein, dass die geforderten 1,1 Millionen Euro ein "exorbitant hoher Betrag" seien. Aber es handele sich um ein "exorbitantes Verbrechen". Bisher habe die Kirche oft freiwillig Beträge als Entschädigung gezahlt, die "mehr oder weniger Almosen" gewesen seien. Auch die Gerichte seien zurückhaltend gewesen.

Die Mitglieder der Brüdergemeinde hoffen, dass die Klage noch zurückgezogen wird. "Das wäre ein Aderlass, der nicht zu verkraften wäre", sagt der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld, über die Summe. Die Vorwürfe Zanders weist er grundsätzlich nicht zurück.

Die Diakonie der Brüdergemeinde ist bis heute Träger der Einrichtung.Der Hausmeister und der zweite Täter aus der Gemeinde sind bereits tot, erzählt Zander. Doch seine frühere Erzieherin lebt noch.


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13.01.2015 - 12:00 Uhr