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Uraufführung: „Schtonk!“ auf der Bühne

Des Führers Mundgeruch

Die Württembergische Landesbühne Esslingen zeigt Helmut Dietls Film „Schtonk!“ erstmals als Theaterstück – als schnelle, leichte Satire.

12.02.2018

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Oliver Moumouris als Starreporter Hermann Willié (Mitte) mit (von links) Marcus Michalski, Wieland Backes und Christian A. Koch in der Esslinger Bühnenfassung von „Schtonk“. Foto: Patrick Pfeiffer

Esslingen. Eva Braun, nackt in Öl! Vom Führer selbst geschaffen! Mit seinem eigenen Pinsel!“: So preist Fritz Knobel seine neueste Fälschung an. Doch der Käufer, Altnazi Lentz, ein Schwaben-Geizhals, will's ganz genau wissen: „Hoißt des, es isch a Hitler, oder isch es koi Hitler?“ Natürlich ist ein „Experte“ zur Stelle, der sofort eilfertig bestätigt: „Das ist aller-, aller-, allerechtester Hitler!“ Ziemlich wörtlich kam diese Szene schon im Film „Schtonk!“ vor. Jetzt begegnen wir ihr im Theater wieder – noch dazu mit Wieland Backes als routiniert schwäbelndem Pfennigfuchser. Denn „Schtonk!“ ist jetzt an der Württembergischen Landesbühne Esslingen zu sehen.

Und klar, mit dieser ersten Vertheaterung des Erfolgsfilms hat Intendant Friedrich Schirmer einen echten Coup gelandet. Kein Wunder, dass am Samstag, bei der Uraufführung der Bühnenfassung, hohe Promi-Dichte herrschte: Ulrich Limmer, der als Ko-Autor mit Regisseur Helmut Dietl das Drehbuch verfasst hat, war zugegen, auch Dietl-Witwe Tamara.

Es ist ein Abend, bei dem manchmal drei Zeitschichten durcheinander schießen. Da ist zunächst der Real-Skandal von 1983, als herauskam, dass die von Starreporter Gerd Heidemann entdeckten Hitler-Tagebücher, für die der „Stern“ über neun Millionen Mark hingeblättert hatte, nur eine plumpe Fälschung des NS-Devotionalienhändlers Konrad Kujau waren – eine Jahrhundert-Blamage. Dann Helmut Dietls Film „Schtonk!“, der mit veränderten Namen daraus 1992 eine rasant-turbulente Satire auf Geldgier, Ruhmsucht und Nazikult drehte – mit Top-Mimen wie Götz George als „Stern“-Reporter Hermann Willié und Uwe Ochsenknecht als Fälscher Fritz Knobel. Und jetzt noch der Film im Theater!

Schnee von gestern? Von wegen. In Zeiten von Fake News und Rechtspopulismus wirkt die Realsatire „Schtonk!“ ungebremst aktuell. Die Theaterfassung, erstellt und inszeniert von Chefdramaturg Marcus Grube, verwendet denn auch nur Original-Filmdialoge. Die Bühne zeigt mehrere Schauplätze zugleich: Fälscheratelier, Verlagsgebäude, Gartenlokal, Yachtreling, Villa mit Führerbüste und mehr. Das hat den Vorteil, dass Regisseur Grube die Story in schnellen filmischen Schnitten vorüberrauschen lassen kann. Was nach anfänglichem Stocken immer besser klappt.

Gut, Filmhöhepunkte wie die Fackelzüge à la Riefenstahl oder die Pressekonferenz in aufgeheizter Sportpalast-Atmosphäre lassen sich im Theater kaum herstellen. Grubes Regie punktet dafür mit eigenen Qualitäten, lässt den ganzen Irrsinn oft wie eine groteske Choreografie ablaufen. Da legt dann die Göring-Nichte Freya mit der „Supernase“ Willié einen zackigen Tango aufs Parkett, oder der Reporter knallt mit dem Fälscher einen wilden Cancan auf die Bretter. Das sind starke Momente, in denen der Hype um die Hitler-Tagebücher, die ja zu „weltgeschichtlichem Rang“ hochgejazzt wurden, als Tanz einer sensationsgeilen Gaga-Meute entlarvt wird, quasi zur Kenntlichkeit entstellt.

Und die Schauspieler? Allen voran ist Ex-Lindenhöfler Oliver Moumouris zu nennen. Sein grandios gespielter Reporter Willié ist ein lächerlicher Pleitier, der sich an Görings Nichte Freya anwanzt („hohe Frau Reichsmarschall“), um sie später als ungehorsames Weib abzukanzeln (worauf sie ihm ein Marmeladenbrot ins Gesicht pappt), ein heißer Tänzer, ein heillos verblendeter NS-Verehrer, ein von sich selbst berauschter Weltsensations-Journalist, der am Ende (anders als im Film) ins Publikum herabsteigt, um dort nach Hitler zu suchen: „Er lebt!“ Martin Theuer wiederum zeigt den Fälscher Fritz Knobel als sächselndes Schlitzohr. Als knitzen Kleinganoven, der sich auch schon mal, mit langem Mantel und zittriger Hand, in den Führer hineinfantasiert. Auch als Betrüger mit beschränktem Horizont, der seine Alltagsprobleme fast eins zu eins ins Führer-Tagebuch kritzelt: „24.2.1940, die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Zeit verursachen mir Blähungen im Darmbereich, und Eva sagt, ich habe Mundgeruch.“

Kurzum, „Schtonk!“ – ein Zitat aus Chaplins „Der große Diktator“ – kommt ganz gut im Theater an. Marcus Grube vermeidet zuviel Wagner-Gedröhn und NS-Mythos-Geraune. Die Esslinger Bühnenversion betont eher die leichte Seite des Films und blendet auch „Kir Royal“-Sounds ein. Es wäre unfair, sie nur am Glamour des Films zu messen. Grube präsentiert eine kleine, feine, durchaus eigenwertige Theater-Alternative. Ein lockerer Bummel durch die Film-Story – zwischen Anekdotenstadel und bissiger Satire. Kein dunkles Grausen, kein aufklärerischer Zorn. Eher Nachsicht mit den Figuren. Ein Affentanz. Eine lichte, helle Komödie. Helmut Dietl hätte es so formuliert: „Schärfe durch Milde“.

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Erstellt:
12. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2018, 06:00 Uhr

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