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Drei Jahre Haft für Rottenburger Neonazi

Der wegen gefährlicher Körperverletzung Verurteilte muss außerdem eine Entziehungskur machen

Ein Rottenburger Neonazi hatte im Dezember vergangenen Jahres zwei Gambierinnen angegriffen. Wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte ihn das Tübinger Amtsgericht nun zu drei Jahren Haft.

09.10.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. Etwa drei Dutzend Besucher/innen verfolgten den zweiten Tag der Hauptverhandlung gestern vor dem Tübinger Amtsgericht. Darunter waren auch wieder einige, die wohl der extremen Rechten zuzuordnen sind. Einer von ihnen trug eine Jacke der Marke Lonsdale – wegen der Buchstabenfolge NSDA ein unter Neonazis beliebtes Erkennungszeichen.

Der 22-jährige Angeklagte, der wegen Gewaltdelikten und Verwendung von Nazi-Symbolen vorbestraft ist, hatte am 19. Dezember 2014 gegen 22.30 Uhr in der Nähe des Rottenburger Bahnhofs zwei Frauen aus Gambia attackiert. Am ersten Prozesstag hatten die körperlichen und psychischen Verletzungen der beiden Afrikanerinnen im Mittelpunkt gestanden. Aus Zeugenaussagen ging außerdem hervor, dass der Angeklagte an jenem Abend zwar angetrunken, aber offenkundig zurechnungsfähig gewesen war (wir berichteten).

Gestern schilderte zunächst ein Kriminaloberkommissar aus Tübingen den Ablauf des Verfahrens (Zeugenaussagen, kriminaltechnische Untersuchung, Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten). Auch das Mobiltelefon des 22-Jährigen hatten die Beamten auf mögliche Hinweise zum Tathergang untersucht. Dabei stellten sie fest, dass der Angeklagte ein Symbol des rassistischen Ku-Klux-Klans als Hintergrundbild verwendete.

Als Zeuge vernommen wurde außerdem ein junger Mann, der seinerzeit den beiden Frauen zu Hilfe geeilt war. Er berichtete, wie er mit einem Freund – der bereits am ersten Verhandlungstag ausgesagt hatte – im Auto saß und plötzlich Schreie hörte. Er habe gesehen, wie der Angeklagte eine der Frauen mehrmals getreten habe. Er und sein Freund seien ausgestiegen und hingelaufen. Während er den Angeklagten von der am Boden liegenden Frau weggezogen und ihn festgehalten habe, habe sein Freund ihr aufgeholfen. Der Fahrer eines vorbeifahrenden Autos habe angehalten und die Polizei verständigt.

Als die Beamten eingetroffen und seine Personalien aufgenommen hatten, habe der Angeklagte ihm gedroht: „Deine Adresse kannst du mir auch gleich sagen, dann komm ich dich besuchen.“ Den Angeklagten habe er als alkoholisiert wahrgenommen, doch habe er den Eindruck gehabt, „dass er wusste, was er getan hat“.

Richter Bernd Große sprach den Angeklagten auf die Dekoration seines Zimmers an. Bei der Wohnungsdurchsuchung hatten die Beamten Fotos gemacht, die unter anderem eine Vitrine zeigen, in der sich Adolf Hitlers „Mein Kampf“ sowie Bilder und Briefmarken mit Hakenkreuzen befanden – „ein richtiges Altärchen“, sagte die Staatsanwältin Rotraud Hölscher. Das stamme aus einer anderen Zeit, wiegelte der Angeklagte ab. Er habe sich in den vergangenen zwei Jahren gewandelt und „einen unpolitischen Weg eingeschlagen“.

Dass man an dieser Wandlung zweifeln kann, wurde nicht zuletzt deutlich, als der Arzt für Neurologie und Psychiatrie Henner Giedke sein Gutachten verlas. „Ich bin Nationalsozialist“, habe der Angeklagte zu ihm gesagt. Doch sei dessen Weltanschauung sehr diffus. Der Angeklagte habe eine schwere Jugend gehabt und sei zudem alkoholabhängig.

Das Schöffengericht schloss sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an und verurteilte den 22-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung und Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Die Verteidigung hatte auf zweieinhalb Jahre Haft plädiert. Ihre Ansprüche auf Schmerzensgeld müssen die beiden Gambierinnen in einem Zivilverfahren geltend machen. Während des Verfahrens hatte der Angeklagte kein Wort der Reue geäußert.

Info Richter am Amtsgericht: Bernd Große; Staatsanwältin: Rotraud Hölscher; Verteidiger: Urs-Gunther Heck, Hans-Christoph Geprägs.

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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