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SPD

Der ruhelose Mahner

Einst galt Erhard Eppler in seiner Partei als Unruhestifter. Doch einiges von dem, was der Vordenker sagte, bewahrheitete sich später. Ein Nachruf.

21.10.2019

Von GUNTHER HARTWIG

Der Ulmer OB Hans Lorenser (CDU) empfängt anlässlich des SPD-Landesparteitags unter anderem den in Ulm geborenen baden-württembergischen Obergenossen Erhard Eppler und den Landtagsvizepräsidenten Walter Krause (von links). Foto: Maria Müssig

Schwäbisch Hall. Eine Woche, bevor Alt-Kanzler Helmut Schmidt im November 2015 starb, stellte Erhard Eppler im Berliner Willy-Brandt-Haus seine Autobiografie vor: „Links Leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen.“ In diesem Buch beschrieb er auch sein kompliziertes Verhältnis zu Schmidt ausführlich, und anders als mit vielen seiner Zeitgenossen ging der Schwabe mit dem Hanseaten selbst im hohen Alter noch höchst ungnädig um, was Professor Peter Brandt, Historiker und Sohn des früheren SPD-Patriarchen, im Dialog mit dem Autor unverblümt ansprach.

Es stimmt ja, erwiderte Eppler, in den Jahren ihrer politischen Rivalität hätten ihn immer zwei Dinge an Schmidt gestört: „Sein Macher-Pathos und der Unwille, konträre Positionen überhaupt zu erkennen, geschweige denn zu akzeptieren.“ Bis zum Schluss blieben die beiden Sozialdemokraten nicht bloß Antipoden im programmatischen Spektrum ihrer Partei – hier der Verantwortungsethiker und Machtmensch aus Hamburg, dort der Gesinnungsethiker und Visionär aus Schwäbisch Hall. Eppler stieß sich zugleich an dem bisweilen ins Autoritäre kippenden Führungsstil seines vormaligen Regierungschefs.

Dass sich Eppler mit Schmidt nie aussöhnen konnte, lastete auf ihm. Dabei gab es in den späten Jahren durchaus Übereinstimmungen zwischen dem linken Friedenspolitiker und dem weltweit geachteten Elder Statesman, wie Eppler bei der Präsentation seiner Memoiren in der SPD-Zentrale betonte. Befriedigt habe er zur Kenntnis genommen, dass er mit Helmut Schmidt und dem einstigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) einig darin sei, wie sträflich der Westen – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – die Beziehungen zu Russland und Wladimir Putin vernachlässigt habe.

Noch Ende Juli dieses Jahres trieb Eppler die Sorge um die Ukraine-Krise so sehr um, dass er sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit wandte, die eine für ihn ungewöhnlich dramatische Überschrift trugt: „So nicht!“ Darin setzte er sich kritisch mit den vom Westen gegen Moskau verhängten Sanktionen auseinander und machte geltend, dass gerade die Deutschen sich davor hüten sollten, Russland für einen „Rechtsverstoß zu bestrafen, bei dem kein einziger Mensch zu Tode kam“. Das war eine der letzten Wortmeldungen aus Epplers Elternhaus am Friedenshang in Schwäbisch Hall, in das er vor bald drei Jahrzehnten gezogen war, aber keineswegs die einzige.

Nein, Erhard Eppler gab keine Ruhe. Er blieb seinen Überzeugungen treu, seinen Maßstäben und Werten. Das verschaffte ihm auf der einen Seite eine hohe moralische Glaubwürdigkeit, machte es auf der anderen Seite vielen Weggefährten leicht, ihn nicht als Vor- und Querdenker zu sehen, sondern als Störenfried.

Herbert Wehner hat diese Seite an Eppler einst mit dem ebenso plakativen wie bissigen Wort vom „Pietcong“ zum Ausdruck gebracht – eine Anspielung, die sowohl den pietistischen Protestantismus wie den kämpferischen Rigorismus des ungeliebten Parteifreunds aufs Korn nahm.

Gesine Schwan, die sich derzeit um das wieder mal vakante Spitzenamt in der SPD bewirbt, hat Eppler zum 90. Geburtstag durchaus wohlwollend als „Kassandra“ bezeichnet und angemerkt: „An ihm kann man sehen, dass man in der Sache Recht behalten kann, auch wenn man keine Mehrheiten bekommen hat.“

So war es tatsächlich, und Eppler dankte den Genossen anlässlich seines Ausscheidens aus der aktiven Politik, dass sie ihn so lange ertragen hätten, ohne seine Meinung immer zu teilen. Er war oft ein Außenseiter, aber nie eine Randfigur.

Dass die Jugend der Welt in diesen Wochen zu Millionen auf die Straße geht, um den Politikern die Leviten zu lesen, muss ihn bewegt haben. Eppler forderte schon vor über 40 Jahren so etwas wie eine Energiewende, nicht nur in Deutschland. Daher darf man Greta Thunberg füglich eine politische Urenkelin des ökologischen Predigers der ersten Stunde nennen. Hätten Helmut Schmidt und andere auf ihn gehört, wäre es womöglich nicht zum Siegeszug der Grünen gekommen – und zur existenziellen Gefährdung der SPD. Zusammen mit Hans-Jochen Vogel ermahnte er die Sozis vor gut einem Jahr, ihrer Verantwortung vor allem für drei Themen gerecht zu werden, nämlich „der drohenden Zerstörung der Natur, der sich ständig erweiternden sozialen Kluft und der Zähmung des neoliberalen Kapitalismus“.

Auch in der umstrittenen Frage, ob die SPD in der Großen Koalition gut aufgehoben sei, war Eppler glasklar. „Es stimmt nicht“, schrieb er den Jusos und allen Parteilinken ins Stammbuch, die möglichst noch heute aus der gemeinsamen Regierung mit der Union ausscheiden wollen, „dass die Sozialdemokratie nach jeder Großen Koalition von den Wählern bestraft worden wäre.“ Willy Brandt als Vize unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger habe 1969 schließlich das Gegenteil bewiesen. Deshalb warb und stimmte er Anfang 2018 für Schwarz-Rot – also dafür, „Verantwortung zu übernehmen“.

Das hat viele in der Partei irritiert, aber schon Jahre zuvor hatte Eppler gezeigt, dass er eben kein Fundamentalist war, weder in Fragen der Friedenssicherung noch im profaneren Streit um soziale Gerechtigkeit. 1999 sprang der vermeintliche Pazifist dem bedrängten SPD-Kanzler Gerhard Schröder auf jenem Parteitag zur Seite, der über den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr abzustimmen hatte. 2003 hielt Eppler dem „Genossen der Bosse“ sogar bei dessen „Agenda 2010“ die Stange, bekannte indes Jahre später, dass ihm damals „noch nicht klar war, was das für den Einzelnen für Folgen haben kann“.

Erhard Eppler ist seinem Gewissen und seinen Prinzipien gefolgt, das hat diesen asketischen Mann für seine Umgebung unbequem gemacht, aber ebenso herausgehoben aus einer Politikerschar, die dem oberflächlichen Effekt von Bildern, Floskeln und Ritualen mehr Bedeutung beimisst als dem Austausch von Argumenten und dem Festhalten an sorgfältig begründeten Positionen.

Insofern war er als Berufspolitiker ein Unikum, auch wenn er sich in großen Momenten der Zustimmung von Zigtausenden erfreute – bei der Massendemonstration gegen die Nato-Nachrüstung 1981 in Bonn, bei der Raketen-Blockade 1983 in Mutlangen.

So wie sich Helmut Schmidt darüber beklagen durfte, dass ihm die eigene Partei im entscheidenden Moment die Gefolgschaft versagte, hatte auch Eppler allen Anlass, mit seinen Parteifreunden in Bonn und Stuttgart zu hadern – umgekehrt gilt das allerdings ebenfalls. Der aktuelle Zustand der SPD, der er seit 1956 angehörte, beunruhigte ihn sehr. Nun nimmt er die Sorge um die Zukunft seiner Partei mit ins Grab.

Bei der mit mehr als 300.000 Menschen bis dahin größten Friedensdemonstration in Deutschland im Bonner Hofgarten im Oktober 1981: Heinrich Böll, Erhard Eppler, Uta Ranke-Heinemann. Foto: Klaus Rose/imago

Erhard Eppler, ehemaliger SPD-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, 2007 in Bühl beim SPD-Landesparteitag. Foto: Uli Deck/dpa

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Erstellt:
21. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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