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Erst die Notdurft, dann die Notwehr?

Der lange juristische Nachhall eines Urinstrahls im August 2013

In manchen Gegenden scheint der Drang zur Notdurft stärker ausgeprägt zu sein als anderswo. Klaus Kovac hat das Pech, in einer solchen Gegend zu wohnen. Sein Haus in der Westbahnhofstraße 42 lag jahrelang am Trampelpfad zum Zentrum Zoo. Nach Schließung des Clubs ließ die Belästigung durch Wildpinkler zwar nach, doch in einer Augustnacht des Jahres 2013 kam es für Kovac zu einer schicksalsträchtigen Begegnung.

04.02.2015

Von Ulla Steuernagel

Klaus Kovac versteht die Welt nicht mehr. Er fühlt sich als Opfer und soll doch der Täter sein. Er hat Angst davor, seinen Job zu verlieren und sieht sich vor einem derartigen Berg von Schulden, dass er nicht glaubt, sich jemals wieder davon erholen zu können.

Das TAGBLATT war an jenem folgenreichen Abend nicht dabei. Wir können die Ereignisse nur zu rekonstruieren versuchen und die Akten des anschließenden Rechtsstreits studieren. In einem Punkt sind sich die Gegner jedenfalls einig: Das Ganze fing damit an, dass am 24. August 2013 gegen 21.30 Uhr ein Mann nahe dem Haus Westbahnhofstraße 42 aus einem Auto stieg, eine Absperrkette zu den privaten Garageneinfahrten überschritt und gegen eine Mauer pinkelte. Der Mann war zusammen mit seinem Sohn und einem Freund bei einem Fußballfest in Meidelstetten gewesen. Der Freund wollte Vater und Sohn zum Westbahnhof zum Zug nach Ammerbuch bringen. Doch der Druck auf der Blase duldete keinen Aufschub. Man hielt also zweihundert Meter vorm Bahnhof gleich bei der Kreissparkasse an.

Gestolpert oder geschubst?

Zu dem Geschehen danach gibt es verschiedene Versionen und Meinungen. Klaus Kovac war an jenem Abend in der Erdgeschoss-Wohnung seiner Eltern und wurde durch den Bewegungsmelder, der das Geschehen neben dem Haus in helles Licht tauchte, auf den ungebetenen Gast aufmerksam. Zunächst kam es zu Beschimpfungen. Wer gegen wen, dazu gibt es konträre Ansichten. Kovac sagt, er habe den Mann, der gegen seine Garage pinkelte, aufgefordert, sein Grundstück zu verlassen. Der Mann aber habe geantwortet: „Ich muss pissen, ist mir scheißegal.“ Einer hat den anderen dann auch noch „Wichser“ genannt. Wer wen so nannte – wir waren nicht dabei.

Es dauerte ein wenig, bis Kovac draußen bei dem Mann auftauchte, denn es gibt keinen direkten Ausgang zur Garagenseite hin. Der Mann stand immer noch in Kovacs Einfahrt. Auch darin sind sich die Gegner einig. Im folgenden aber nicht: Der Mann habe eine Bierflasche, die er in der Hand hielt, nach Kovac geworfen, sagt Kovac. Er, Kovac, habe gerade noch ausweichen können. Der Andere hingegen weiß nichts von einer solchen Flasche, er habe auf Kovac gewartet, um sich bei ihm zu entschuldigen. Kovac sei eben auf den Mann zugelaufen, der trat darauf den Rückzug an. Im Rückwärtslaufen sei er über die Absperrkette gestolpert und rücklings mit dem Kopf auf den Bürgersteig geschlagen, das sagt Kovac. Nein, sagt der Andere, so sei es nicht gewesen: Kovac habe ihn kräftig geschubst und er sei darauf hingefallen.

Plötzlich flatterte die Anzeige ins Haus

Es stünde also Aussage gegen Aussage, wenn nicht in dem Auto des Mannes mit dem Druck auf der Blase, zwei andere Männer gesessen hätten, die als Zeugen den Schubser bestätigten. Das Auto habe jedoch an einem Platz gestanden, von dem aus sie einen Schubser gar nicht hätten sehen können, hält Kovac dem entgegen. Die Anderen beteuern jedoch, den Schubser gesehen zu haben. Vom Heck des Autos aus, so Kovac, hätte man einen Schubser überhaupt nicht sehen können.

Der Gefallene suchte jedenfalls am nächsten Tag die BG-Klinik auf, dort stellte man eine Fraktur am rechten Unterarm und am Handgelenk fest. Er musste zwei Mal operiert werden, war acht Wochen krankgeschrieben und bekam physiotherapeutische Behandlung. Gegen 18 Uhr des nächsten Tages erstattete er Anzeige bei der Polizei. Dort fragte man ihn auch: „Waren Sie im Moment der Auseinandersetzung alkoholisiert?“ Laut Protokoll antwortete er: „Dazu möchte ich im Moment keine Aussage treffen.“

Kovac schien der Mann stark angetrunken, alle drei Männer schienen ihm in bierseliger Stimmung zu sein. Er selber habe an dem Abend seinen Vater, der das ganze vom Haus aus beobachtete, zwar schon zugerufen, er solle die Polizei holen, aber dieser hatte die Sache nicht so ernstgenommen. Kovac ließ nach der Auseinandersetzung seine Idee, Anzeige zu erstatten, dann ebenfalls fallen. Und so fiel er aus allen Wolken, als er ungefähr drei Wochen später die Benachrichtigung der Polizei und eine Anzeige gegen sich erhielt. Daraufhin habe er selber den Mann wegen „Hausfriedensbruch und versuchter Körperverletzung“ angezeigt.

Damals im Spätsommer 2013 hätte Kovac sich nicht vorstellen können, welche rechtlichen Folgen auf ihn zukamen. Er selber sei doch das Opfer, schließlich habe er nur sein Eigentum gegen einen Wildpinkler verteidigt – ohne diesen, wie er versichert, je körperlich angegriffen zu haben.

Und so wollte er sich auch auf keinen Deal im Vorfeld einlassen. „Ich wollte die Verhandlung!“ Er war überzeugt, dass dabei seine Unschuld an den Tag käme. „Ich bin nicht vorbestraft, ich bin ein friedlicher Mensch“, sagt der 47-Jährige über sich.

Am Ende der Verhandlung vorm Amtsgericht stand er jedoch mit einem Urteil wegen fahrlässiger Körperverletzung da und sollte 25 Tagessätze zu 50 Euro und die Gerichtskosten zahlen. Er wollte dieses Urteil nicht akzeptieren, und er wollte einen Freispruch. Sein Anwalt Karl Joachim Hemeyer legte Berufung ein. Der Staatsanwalt in der zweiten Instanz sagte zwar, wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre es nie zu einer Verhandlung gekommen. Einen Freispruch bekam Kovac auch hier nicht, aber das Strafverfahren gegen ihn wurde mit der Auflage, 500 Euro an den Kinderschutzbund zu zahlen, eingestellt. „Die haben alle so auf mich eingeredet“, erinnert sich Kovac, „am Ende habe ich die Strafe angenommen.“ Die 500 Euro zahlte er, die Gerichtskosten übernahm die Rechtsschutzversicherung.

Als nächstes kam die Zivilklage auf ihn zu. Auch dabei glaubte er sich auf der sicheren Seite. Einen Gütetermin schlug er aus: „Ich seh das nicht ein“, dachte er sich.

Angriff durch Betreten fremden Grundstücks

Das Urteil im Zivilverfahren fiel jedoch ebenfalls nicht zu seinen Gunsten aus. 3500 Euro Schmerzensgeld soll er zahlen, mit Schadensersatz, Verdienstausfall, Rechtsanwaltskosten und Gerichtskosten kommen um die 20 000 Euro Kosten auf Kovac zu. Sein Anwalt ist der gleichen Meinung wie er. Selbst wenn sein Mandant den Eindringling geschubst haben sollte, wäre es noch als Notwehr auszulegen, so Hemeyer. Allein das Betreten eines fremden Grundstücks könne „schon als Angriff“ gedeutet werden.

Kovac selber nahm das Verfahren psychisch so mit, dass er zwei Monate krankgeschrieben war. Dabei ist er froh, dass er nach Jahren der Arbeitslosigkeit und Schulden, die er aus dieser Zeit abträgt, wieder eine Arbeit hat. Bei einem Etikettenhersteller in Filderstadt schafft er und hofft, dass es auch so bleibt. Seinem Arbeitgeber musste er schon mitteilen, dass sein Lohn möglicherweise gepfändet wird. Kovac will jedoch nicht aufgeben, sein Anwalt hat schon Berufungsbegründung gegen das Zivilurteil abgeschickt. Es wird dann vor dem Landgericht verhandelt. Kovac hofft immer noch, dass er vor Gericht seine Unschuld beweisen kann. Sonst, sagt er, bleibt ihm nur noch die Privatinsolvenz.

Klaus Kovac wohnt in der Westbahnhofstraße 42 (linkes Haus). Es ist das Elternhaus des gebürtigen Tübingers. Obwohl er die Einfahrten zu den Garagen als Privatgrundstück gekennzeichnet und mit Kette gegen Wildpinkler gesichert hat, erleichterte sich vor der rechten Garage eines Nachts ein Mann von seinem Harndruck. Bild: Metz

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Erstellt:
4. Februar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Februar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Februar 2015, 12:00 Uhr

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