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Der kurze Traum von Freiheit
Protestieren verboten: Vor allem an Jahrestagen der Aufstände wird der Tahrir-Platz abgeriegelt und streng bewacht. Foto: dpa
Auf dem Tahrir-Platz in Kairo erstritten die Ägypter erstmals eine Demokratie

Der kurze Traum von Freiheit

Hier schlug das revolutionäre Herz Ägyptens. Auf dem Tahrir-Platz forderten Hunderttausende „Brot, Freiheit, Würde“. Die Welt hielt den Atem an.

12.08.2016
  • MARTIN GEHLEN

Kairo. Es sah so aus, als würde der Ort plötzlich seinem Namen gerecht werden. Auf Deutsch heißt der Midan at-Tahrir Platz der Befreiung. Während des Arabischen Frühlings erlangte der Verkehrsknoten in Ägyptens Hauptstadt mit dem Kreisverkehr Berühmtheit. Der 25. Januar bildete den spontanen Auftakt des Aufstands gegen die Regierung. Von da an wurde dort gekämpft und rebelliert, diskutiert und geträumt, aber auch geschossen und gestorben. Erstmals in ihrer Geschichte erstritten die Ägypter in jenen historischen Wochen vor fünfeinhalb Jahren Freiheit und Demokratie, die sie allerdings schon zwei Jahre später wieder verloren. Während des euphorischen Umbruchs glich das Stadtzentrum einem einzigen revolutionären Freiluftexperiment. Aktivisten und Künstler errichteten Zeltlager und besprühten Hauswände, veranstalteten Konzerte und Workshops und debattierten nächtelang über die Zukunft ihres Landes.

Nichts davon ist geblieben. Die magischen Momente des Volksaufstands gegen Hosni Mubarak und der grenzenlose Jubel sind wie ausradiert. Am 11. Februar 2011 fielen sich hunderttausende Menschen nach dem Rücktritt des Herrschers in die Arme, sangen und tanzten. Andere gingen auf die Knie, küssten den Boden und beteten. „Endlich sind wir frei“, riefen sie weinend und immer wieder „Freiheit, Freiheit“. Jeder Millimeter des Tahrir-Platzes war besetzt. Abertausende stauten sich zurück auf die Nilbrücken. Aus allen Himmelsrichtungen jagten Autos hupend durch die Stadt, während die Soldaten lächelnd von ihren Panzern herab das ausgelassene Treiben vor ihren Füßen genossen.

Schon bald jedoch wich der fröhliche und ausgelassene Überschwang schweren Krawallen. Straßenschlachten rund um den Tahrir-Platz wurden die Regel. Rund um den Platz nisteten sich Schlägertrupps ein, die die Innenstadt in eine permanente Kampfzone und zu einem Ort brutaler Massenvergewaltigungen verwandelten. Islamisten und Salafisten nutzten das Areal für ihre ideologischen Aufmärsche. Im neuen Parlament Ende 2011 gewannen sie drei Viertel aller Mandate. Bei der Präsidentenwahl im Juni 2012 siegte Muslimbruder Mohamed Mursi. Auch er ließ sich zunächst demonstrativ auf dem Tahrir von seinen Anhängern feiern, bevor er am nächsten Tag vor dem Verfassungsgericht seinen Amtseid ablegte. Ein Jahr später saß er bereits im Gefängnis und das Parlament war in alle Winde zerstreut.

Wieder war der legendäre Platz zuvor zum Epizentrum eines politischen Erdbebens geworden. Millionen Menschen forderten am 30. Juni 2013 den Rücktritt Mursis, während Armeehubschrauber im Tiefflug über der Menge kreisten und Blumen abwarfen. Wenige Tage danach setzte Armeechef Abdel Fattah al-Sissi den demokratisch gewählten Staatschef mit militärischer Gewalt ab.

Seitdem herrscht gespenstische Ruhe auf dem bekanntesten Kairoer Platz. Menschen meiden den Tahrir und hasten ihrer Wege. Nur die Blechlawinen drängeln sich wie eh und je hupend und qualmend über die asphaltierte Drehscheibe. Längst haben Bagger der neuen Machthaber das kleine, improvisierte Denkmal für die Märtyrer der Revolution abgeräumt. Stattdessen thront in der Mitte ein monumentaler Steinsockel mit zwanzig Meter hohem Fahnenmast, der sich wie eine Lanze in den geschichtsträchtigen Freiheitsboden rammt. Die überdimensionale schwarz-weiß-rote Nationalflagge wird rund um die Uhr von Soldaten bewacht.

Das politische Herz des Landes aber ist zum Stillstand gekommen. Wer heute auch nur ein Foto von der verwaisten Platzmitte macht, zieht sofort den Verdacht der zahllosen Zivilpolizisten auf sich. Überall sind neue Überwachungskameras installiert. Die Metrostation war zwei Jahre lang total verbarrikadiert. Bei sämtlichen politischen Jahrestagen wird der Tahrirplatz mittlerweile mit Panzersperren und Stacheldraht abgeriegelt. Denn das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sissi weiß um dessen nationale Symbolkraft und will die Kontrolle dieses Schicksalsortes unter keinen Umständen noch einmal an das Volk verlieren.

So auch am dritten Jahrestag der Sissi-Machtübernahme Ende vergangenen Monats. Das Regime erklärte den 30. Juni zum Feiertag und spendierte freien Eintritt in alle Museen. Das ägyptische Volk habe damals seinen Willen bekundet und seine Identität wiederhergestellt, deklamierte der Ex-Feldmarschall in einer Fernsehansprache an seine Landsleute. Gleichzeitig schickte er 200 000 Soldaten und Polizisten auf die Straßen, die jeden Protest auf der Stelle unterdrücken sollten, während dem neuen Machthaber sogar der handzahme offizielle Ägyptische Menschenrechtsrat erstmals ein düsteres Zeugnis ausstellte. „Der Einsatz von Folter ist weitverbreitet, vor allem in Untersuchungshaft“, heißt es in dessen jüngstem Jahresbericht. Die Haftanstalten seien zu 300 Prozent überbelegt.

Unabhängige Bürgerrechtler wie Gamal Eid schätzen, dass mittlerweile 60 000 politische Häftlinge hinter Gitter sitzen. „Ohne zu übertreiben kann man sagen, die Menschenrechtslage heute ist schlimmer als jemals zuvor in der Geschichte Ägyptens“, urteilt er. Junge Demokratieaktivisten, die für den Sturz Mubaraks und gegen Muslimbruder Mursi demonstrierten, äußerten ihre Frustration mit einem makabren Video, in dem sie sich alle gegenseitig ohrfeigen.

Das Regime dagegen versuchte krampfhaft, Stimmung zu machen – etwa mit grünen Laser-Slogans „Lang lebe Ägypten“ auf den Tahrir-Hausfassaden. Doch das Bemühen, die Sissi-Masseneuphorie vor drei Jahren noch einmal zu reanimieren – vergeblich. Lediglich 200 bis 300 Regimeanhänger fanden sich ein. Heiser jubelten sie eine Weile vor sich hin, bevor sie sich Fähnchen schwenkend in der Nacht verloren.

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12.08.2016, 06:00 Uhr
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