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"Der ist kein Terrorist, der ist ein Idiot"
Ungewöhnlicher Ausstieg: Ein Pilot seilt sich aus dem Fenster der entführten ägyptischen Passagiermaschine ab. Später kommen alle Geiseln frei. Foto: dpa
Ägyptisches Flugzeug nach Zypern entführt - Behörden gehen von persönlichen Motiven aus - Neue Kritik an Sicherheitsvorkehrung

"Der ist kein Terrorist, der ist ein Idiot"

Um 14.40 Uhr war die Unsicherheit vorbei: Der Entführer eines ägyptischen Flugzeuges ergab sich auf Zypern Sicherheitskräften. Was ihn zur Tat bewogen hat, ist unklar. Die Behörden vermuten persönliche Motive.

30.03.2016
  • MARTIN GEHLEN & GERD HÖHLER

Eine dramatische Flugzeugentführung, die auf Zypern nach sechs Stunden unblutig zu Ende ging, hat gestern erneut ein schlechtes Licht auf die Sicherheitskontrollen an Ägyptens Flughäfen geworfen. Am Dienstagmorgen brachte ein Passagier auf einem Inlandsflug von Alexandria nach Kairo einen Airbus 320 von Egypt Air mit 55 Insassen und 7 Besatzungsmitgliedern in seine Gewalt und zwang den Piloten, in der Hafenstadt Larnaka zu landen. Der Entführer drohte, die Maschine zu sprengen.

Für Unruhe hatte am frühen Nachmittag ein über Twitter verbreitetes Foto gesorgt, das den Hijacker in der geöffneten Kabinentür zeigte. Der Mann trug eine blaue Windjacke, deren Reißverschluss geöffnet war. Darunter waren der mutmaßliche Sprengstoffgürtel und mehrere Anschlussdrähte zu erkennen. Das Bild weckte neue Befürchtungen über ein mögliches Blutvergießen. Doch dazu kam es nicht.

Die meisten Passagiere durften das Flugzeug verlassen. Einer der Piloten seilte sich aus dem Cockpitfenster ab. Lediglich vier Besatzungsmitglieder und drei ausländische Passagiere blieben weiter an Bord, bis der Entführer auch diese gegen 14.40 Ortszeit gehen ließ. Der Kidnapper selbst verließ kurz darauf das Flugzeug mit erhobenen Händen und wurde auf dem Rollfeld festgenommen.

Zur Identität und zum Alter des Mannes machten die Behörden gestern widersprüchliche Angaben. Nach Angaben des zypriotischen Präsidenten Nicos Anastasiades hat die Tat keinen terroristischen Hintergrund, sondern war persönlich motiviert. "Der ist kein Terrorist, der ist ein Idiot", zitierte der britische Guardian einen Diplomaten des Außenministeriums in Kairo. Terroristen seien verrückt, aber nicht bescheuert. "Dieser Typ ist bescheuert."

Auch die Behörden in Larnaka charakterisierten den Täter, der sich sogar mit einem Mitpassagier fotografieren ließ, nach der Festnahme als "seelisch instabil". Der auf dem Bild sichtbare angebliche Selbstmordgürtel war offenbar eine Attrappe. Nach der Landung in Larnaka hatte der Entführer einen vierseitigen Brief in arabischer Sprache auf das Rollfeld geworfen. Unter anderem verlangte er, mit seiner geschiedenen Frau zu sprechen, die auf Zypern lebt und mit der er nach Angaben lokaler Medien vier Kinder hat.

Trotzdem nährt der spektakuläre Vorfall wieder einmal Zweifel an der Qualität ägyptischer Sicherheitskontrollen. Im Oktober war über dem Nordsinai ein russischer Ferienflieger mit 224 Menschen an Bord auf dem Weg von Scharm el Sheich nach St. Petersburg abgestürzt, weil es Terroristen offenbar gelungen war, vor dem Start am Roten Meer eine Bombe in die Maschine zu schmuggeln. Russland, das mit drei Millionen Badegästen die größte Gruppe von Ferienkunden stellt, stoppte daraufhin seinen gesamten Luftverkehr mit Ägypten. Erst vor wenigen Tagen gab der stellvertretende Außenminister Mikhail Bogdanov bekannt, man werde Ägypten möglicherweise im Sommer wieder anfliegen. "Die Sicherheitsexperten beider Länder arbeiten eng zusammen, wir befinden uns in der Schlussphase der Gespräche", erklärte er in Moskau.

Der große Reiseveranstalter Thomas Cook dagegen verlängerte seinen Flugstopp für Scharm el Sheich kürzlich von Ende Mai auf Ende Oktober 2016 mit der Begründung, die Einschätzung der Sicherheitslage habe sich nicht geändert. Deutsche Touristen hielten im vergangenen Jahr noch zu Hunderttausenden dem Land der Pharaonen die Treue, doch auch bei ihnen wachsen die Zweifel an der Sicherheit und Stabilität Ägyptens.

Nach dem Absturz der russischen Chartermaschine vor fünf Monaten brachen die Touristenzahlen um 40 bis 50 Prozent ein und liegen heute bei etwa einem Drittel der Rekordwerte des letzten Mubarak-Jahres 2010, als 14 Millionen Gäste das Land am Nil besuchten. In diesen goldenen Zeiten steuerte die Branche 11 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei.

"Der Tourismus hisst die weiße Fahne", titelte unlängst eine Kairoer Zeitung. "Das ist kein Rückgang, das ist ein Zusammenbruch", konstatierte Amani El-Torgoman, Vorstandsmitglied des ägyptischen Tourismusverbandes. "Scharm el Scheich ist eine Geisterstadt, es ist nur noch traurig", fügte die Managerin hinzu. Hotels und Baderessorts stehen überwiegend leer. 70 Prozent der 250 Tauchzentren am Roten Meer haben aufgegeben.

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30.03.2016, 06:00 Uhr
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