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Bildung

Der große Umbau des Unterrichts

Die Digitalisierung der Schulen verändert das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Viele Pädagogen sehen diesen Umbruch skeptisch. Sie müssen darauf vorbereitet werden.

23.07.2018

Von MATHIAS PUDDIG

Modellversuch zum digitalen Unterricht: Grundschüler lernen, mit einem Tablet umzugehen. Foto: Armin Weigel/dpa

Berlin. Wenn kein Lebensbereich von der Digitalisierung ausgenommen ist, kommen die Schulen nicht daran vorbei. Die Bildungspolitik hat das erkannt und plant Milliardenausgaben. Doch allein mit Geld für neue Geräte werden die Schulen nicht fit fürs 21. Jahrhundert. Die Lehrer müssen mitmachen.

Für Wolfgang Jäger und seine Schüler ist eKool ideal. Der Deutschlehrer schwärmt geradezu vom elektronischen Klassenbuch, in das er Unterrichtsinhalte, Noten, Fehlzeiten und Hausaufgaben eintragen kann. Auch Schüler und Eltern können auf die Inhalte zugreifen. Nichts geht verloren, und Zeit wird auch noch gespart. „Das ist wunderbar transparent und praktisch“, sagt Jäger.

Der Haken: Jäger unterrichtet am Saksa Gümnaasium in der estnischen Hauptstadt Tallinn. „Alles, was in Deutschland handschriftlich läuft, ist da elektronisch“, sagt er über das System, das 90 Prozent der estnischen Schüler nutzen. „Ich verstehe nicht, warum es in Deutschland nicht längst so ein System gibt.“

Das kleine Estland hat Ende der 1990er Jahre begonnen, alle Schulen zu digitalisieren. 20 Jahre später gibt es in Deutschland noch nicht mal WLAN an allen Schulen. Der Digitalpakt Schule soll das ändern. Anderthalb Jahre, nachdem die frühere Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ihn gestartet hat, soll ihre Nachfolgerin Anja Karliczek ihn ins Ziel bringen. „Digitale Medien gehören an jede Schule“, sagt sie. Fünf Milliarden Euro will der Bund dafür ausgeben.

Doch der gigantische Wandel ist mit einem Breitbandanschluss nicht erledigt. „Die Rolle der Lehrer ändert sich“, sagt Ministerin Karliczek. „Ihre Kompetenzen stehen wieder neu im Mittelpunkt. Sie werden viel wichtiger.“

Viele Lehrer nervt das. Jörg Dräger war bis 2008 Wissenschaftssenator in Hamburg und ging dann zur Bertelsmann-Stiftung. Dort befasst er sich seit fünf Jahren mit der Digitalisierung in den Schulen. Er sagt: „Im internationalen Vergleich sind die deutschen Lehrer am skeptischsten.“ Das ist kein Wunder. Neben Inklusion, individueller Förderung und Ganztag erscheint die Digitalisierung vielen als weiteres Problem. Dräger hält das für falsch: „Digitalisierung ist Teil der Lösung.“

Der Bildungsexperte erläutert das am Beispiel Mathematik-Unterricht. Da gibt es in den Klassen eine große Bandbreite an Kenntnisniveaus. „Die Lehrer können gar nicht mehr jedem Schüler gerecht werden. Mit Lernprogrammen aber kann der Schüler an Aufgaben arbeiten, die ihn genügend fordern, damit er sich nicht langweilt, und die ihn gleichzeitig nicht überfordern und deshalb frustrieren.“ Das könne in Feldern mit klaren Regeln sehr helfen – in Mathe, Naturwissenschaften, Fremdsprachen. „Digitalisierung schafft Zeit für das Wesentliche“, sagt Dräger. Aufgabe des Lehrers sei es, nicht zum 100. Mal den Satz des Pythagoras zu erklären. „Stattdessen geht es um Bindung und Werte.“

Die meisten Experten sind sich einig: Sinnvoll eingesetzt, können digitale Medien den Unterricht verbessern. „Durch die Arbeitserleichterung haben wir mehr Freiräume für Gespräche mit den Schülern. Und die nehmen wir wahr“, berichtet Jäger aus Tallinn.

Nicht einmal die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft widerspricht, wenngleich Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann warnt: „Es gibt einen Hype, alle Probleme mit der Digitalisierung lösen zu wollen.“ Das revolutioniere die Schule nicht. „Die Abkehr vom Frontalunterricht gibt es seit der Reformpädagogik, also seit mehr als 100 Jahren. Im Endeffekt erhalten wir durch die Digitalisierung nur neue Medien. Erst durch gute Pädagogik werden sie auch zu einer Chance.“

Also hängt es an den Lehrern. „Ich denke schon, dass durch die Digitalisierung die Anforderungen gewachsen sind“, sagt Jäger. Viele Pädagogen in Deutschland fühlen sich nicht vorbereitet – zurecht, wie eine Studie gezeigt hat. „Sie gehen am seltensten zu Fortbildungen zu digitalen Themen“, sagt Dräger. „Die Lehrerausbildung verläuft absolut suboptimal“, betont auch Hoffmann. „Das führt zu Verunsicherung oder zu einem blauäugigen Umgang mit digitalen Medien.“

Lehrer brauchen Freiräume, um sich fortzubilden. Selbst wenn es der Politik gelingt, diese zu schaffen, wird es anstrengend. Doch Dräger macht den Pädagogen Mut: „Wenn Digitalisierung gut gemacht ist, gibt sie den Lehrern mehr Zeit für die Kinder. Und das ist ja schließlich das, wofür sie Lehrer geworden sind.“

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Erstellt:
23. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2018, 06:00 Uhr

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