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Der gefallene David
So zuversichtlich stieg Porsche-Chef Wendelin Wiedeking zum Prozessauftakt vor dem Landgericht aus. Ob zurecht, wird sich morgen im Urteil zeigen. Foto: dpa
Morgen wird das Urteil gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gesprochen

Der gefallene David

Raketenartige Karriere, dann der Absturz, schließlich der Prozess - Wendelin Wiedeking erwartet sein Urteil. Selbst bei einem Schuldspruch: Die Entmachtung ist für den früheren "Mr. Porsche" die wahre Strafe.

17.03.2016
  • THOMAS VEITINGER

Zu später Stunde, als die meisten Zuhörer schon gegangen sind, wird noch ein Wunsch geäußert: "Können wir ein Foto machen?" Natürlich, kein Problem: Wendelin Wiedking stellt sein Bierglas zur Seite und lässt sich neben einem Besucher ablichten und lächelt in die Kamera. Es ist das Jahr 2006. Der Porsche-Chef ist auf dem Gipfel des Erfolgs angekommen. Er gilt mal als "Sonnenkönig" und "Vorzeigeunternehmer", mal als "Rambo", "Diktator", "Patriarch" oder einfach "Alleskönner". Der Glanz der Sportwagen und der Unternehmensbilanzen sind auf ihn übergegangen. Wiedeking hat Porsche vom Problemfall zum wirtschaftlichsten Autobauer der Welt mit japanischen Managementkonzepten geformt, viele Aktionäre und sich damit reich gemacht. Der Aktienwert des kleinen Sportwagenbauers stieg von 19 auf 737 Euro. Wiedeking äußert sich im Forum dieser Zeitung fast schadenfroh, dass er den "Heuschrecken" das Unternehmen Volkswagen mit der Übernahme von 25,1 Prozent der VW-Anteile weggeschnappt hat: "Gut angelegtes Geld."

Fast genau zehn Jahre später steht Wiedeking vor Gericht. Diesmal halten Besucher respektvoll Abstand. Fotografieren verboten. Den gebürtigen Westfalen und seinen Weggefährten, den ehemaligen Finanzvorstand Holger Härter, umgeben zwölf Anwälte. Wiedeking ist dicker geworden, hat Haare verloren. Vorauseilend schaltet er sein Handy aus, wie es der Richter verfügt hat, verschränkt seine Arme. Die Aura des Unbesiegbaren ist verschwunden. Nur selten ist ein Lächeln zu sehen. Sein kerniges "Morgen" und "Na, wie geht s?" zu Rechtsanwälten wird schnell von leisen Zwiegesprächen abgelöst.

Die 13. große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart hat über den Vorwurf der Marktmanipulation zu entscheiden. Die Manager sollen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft 2008 die Übernahme einer Dreiviertelmehrheit an VW verschleiert und den Aktienkurs beeinflusst haben. Sollten Wiedeking und Härter verurteilt werden, drohen ihnen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Nun wird bald das Urteil gesprochen.

Auch wenn von Haft nicht mehr auszugehen ist, was machen solche Vorwürfe mit Wiedeking, der als seine Lieblingstugenden Offenheit und Ehrlichkeit nennt? 2009 wird der Verdacht der Marktmanipulation erhoben, die Staatsanwaltschaft ermittelt, lässt Räume durchsuchen, Material beschlagnahmen. Sieben Jahre Ungewissheit folgen.

Juristische Auseinandersetzungen sind für Chefs größerer Unternehmen Alltag. Vorstandsmitglieder müssen Kritik und Anfeindungen und rechtliche Unsicherheit ertragen. Findige Anwälte untersuchen jedes Wort einer Verlautbarung, um daraus finanzielle Vorteile zu schlagen.

Doch Wiedeking ist seit dem Jahr 2009 kein großer Vorstandsvorsitzender mehr, auch wenn er einmal berichtet, noch in 20 meist kleineren Unternehmen tätig zu sein.

Er wird vom damaligen VW-Aufsichtsratchef Ferdinand Piëch als "angestellter Manager" verhöhnt und mit einem Goldenen-50-Millionen-Euro-Handschlag entfernt. "Reifendefekt" nennt der Enkel des Porsche-Gründers Wiedekings vergeblichen Versuch, Volkswagen zu übernehmen. Hinterlässt das Spuren im ehemaligen "Mr. Porsche"?

Interviews gibt Wiedeking heute keine mehr. Vor Gericht nimmt der jetzt 63-Jährige nur einmal Stellung, bestreitet Vorwürfe und sagt: "Wir waren Visionäre, keine Spieler." Dies ist seine Selbstwahrnehmung. Früher nutzt der Diplom-Ingenieur gern den biblischen Vergleich David gegen Goliath. Selbstverständlich ist er David, der den Widrigkeiten widersteht: Spielball von Spekulanten, Opfer des Zwists der Familien Porsche und Piëch, Leidender unter dem Politpoker von Niedersachsen und Brüssel um das VW-Gesetz, das dem Bundesland eine Sperrminorität von 20 Prozent einräumt. Er wettert gegen Steuerflucht und Investoren.

Der mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnete langjährige Superstar der Branche ist Autor des Buches "Anders ist besser". Dabei hat er es augenscheinlich lange Zeit auch nicht anders gemacht wie viele Spieler es machen: Geld besorgen, volles Risiko gehen und glauben, wenn das Ziel erreicht ist, wird alles gut. Schließlich war die Kasse von VW voll, ein Gewinnabführungsvertrag hätte Zugriff auf die Wolfsburger Milliarden ermöglicht. Hätte, könnte, würde. Die Wirtschaftskrise Ende des vorigen Jahrzehnts, die Macht des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff und das undurchsichtige Gebaren Piëchs - Gründe für das Pech im "Deal des Jahrhunderts" gibt es viele.

Glück hat Wiedeking dagegen mit der Staatsanwaltschaft in dem nun zuende gehenden Prozess. Die Anklage gibt nach Ansicht von Prozessbeobachtern kein gutes Bild ab. Vor allem ein Strategiewechsel in der Argumentation und der Versuch statt Porsche seinen Finanzpartner Maple Bank in den Vordergrund zu rücken, überrascht selbst den Vorsitzenden Richter Frank Maurer. Bereits wenige Wochen nach Prozessbeginn sagt Maurer, "dass es schwer wird, eine Absicht mit der für eine Verurteilung notwendigen Sicherheit festzustellen". Die Verteidigung fordert natürlich Freispruch.

Auch ein Versuch von Hedge-Fonds, den Angeklagten Schuld nachzuweisen und Schadenersatz zu erlangen, schlägt fehl. Die Spekulanten hatten durch das extreme Auf und Ab der Porsche-Aktie beim Übernahmeversuch Milliardenverluste erlitten.

Wiedekings Name stammt aus dem Altgermanischen und bedeutet "König der Weide". Doch seine Macht ist abgeweidet, König ist er längst nicht mehr, an Einsicht fehlt es ihm: "Vorzuwerfen", sagt er einmal, "habe ich mir nichts."

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17.03.2016, 08:30 Uhr
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