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Moglis kaum bekannter Vater

Der englische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling wurde vor 150 Jahren geboren

Vor 120 Jahren hat Rudyard Kipling mit dem "Dschungelbuch" einen Klassiker der Weltliteratur geschrieben. Doch hierzulande ist der 1865 geborene Autor, der 1907 den Nobelpreis erhielt, nahezu unbekannt.

28.12.2015
  • CLAUDIA REICHERTER

Was wäre eine fröhliche Familiensause ohne Balus Lied "Probier s mal mit Gemütlichkeit"? Und wer erinnerte sich nicht an Affenkönig King Louies Song "Ich wäre gern wie Du"? Indirekt hat uns all das - zusammen mit einer der schönsten Abenteuergeschichten aller Zeiten - der britische Journalist und Erzähler Joseph Rudyard Kipling geschenkt, der am 30. Dezember vor 150 Jahren im damaligen Bombay - heute Mumbai - geboren wurde: 1894 und 1895 veröffentlichte er zwei Sammlungen von Kurzgeschichten, die gern zusammen unter dem Titel "Das Dschungelbuch" herausgegeben werden.

Acht der lose miteinander verknüpften Geschichten handeln vom im indischen Urwald von Wölfen großgezogenen Menschenkind Mogli. Darin und in dazwischengeschobenen Tierepisoden bescherte Kipling (1865-1935) der Nachwelt so unvergessliche Charaktere wie Bär Balu, den schwarzen Panther Baghira und die Schlange Kaa. Berühmt geworden sind die hierzulande vor allem durch Walt Disneys Zeichentrickfilm "Das Dschungelbuch" aus dem Jahr 1967, für den Terry Gilkyson sowie Richard M. Sherman und Robert B. Sherman die eingangs erwähnten Lieder schrieben. Nicht zuletzt aufgrund dieser bezaubernden Filmversion gilt ihr Schöpfer in Deutschland vor allem als Kinderbuchautor.

Doch Kipling war weit mehr als der versierte Erfinder abenteuerlicher Abenteuer für junge und heranwachsende Leser. Nicht ohne Grund erhielt der Sohn des Architekturdesigners John Lockwood Kipling und seiner Frau Alice, geborene Macdonald, 1907 als erster Engländer überhaupt den Literaturnobelpreis. Kipling, der auf Wunsch seiner Patentante nach dem See in Staffordshire, an dessen Ufern sich seine Eltern kennengelernt hatten, den Zweit- und Rufnamen Rudyard erhalten hatte, war damals noch keine 42 Jahre alt. Der kleine Kipling wurde Ruddy gerufen - und im Alter von knapp sechs Jahren zusammen mit seiner kleinen Schwester Trix zu einer Pflegefamilie nach England geschickt. Die Zeit dort empfand er als Martyrium. Erst mehr als fünf Jahre später kehrte die mit den intellektuellen Zirkeln um die Präraffaeliten verwandte Mutter aus Indien zurück und gab ihren Sohn in eine als fortschrittlich geltende Kadettenschule in Devon.

Mit 16 schloss er die Schullaufbahn dort ab und reiste zurück nach Britisch-Indien. In Lahore, im heutigen Pakistan, begann er als Zeitungsredakteur zu arbeiten. Mit 20 Jahren veröffentlichte er erste Erzählungen, mit 23 bereiste er Asien und Amerika, mit 24 erlebte er in London literarischen Erfolg - und einen Zusammenbruch.

Mit 26 heiratete er die Schwester seines kurz zuvor verstorbenen Freundes, die Amerikanerin Carrie Balestier, verlor durch einen Bankencrash sein Vermögen und baute sich 1892 mit Kind und Frau in deren Heimat Vermont ein erstes Heim. Nach Familienstreitigkeiten kehrte das Paar 1896 mit zwei Töchtern nach England zurück, wo ein Sohn geboren wurde. Jahre des Ruhms, Reisens und enormen literarischen Outputs folgten. 1899 wäre er auf einer letzten New-York-Reise fast einer Lungenentzündung erlegen. Seine älteste Tochter starb mit sechs Jahren an der Krankheit. 1900 arbeitete er für eine Armeezeitung im südafrikanischen Burenkrieg.

Für die damaligen Leser war Kipling der wichtigste Dichter und Erzähler, dazu einflussreicher politischer Kommentator und Meinungsmacher. Bereits zu Lebzeiten erhielt er die Ehrendoktorwürde bedeutender Universitäten wie Oxford, Cambridge, Edinburgh, Straßburg und der Sorbonne. Für Literaturwissenschaftler ist er der populärste englischsprachige Autor vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber Kipling war auch der archetypische Vertreter seiner Zeit - mit ihrem unerschütterlichen Glauben ans Britische Kolonialreich, an Hierarchien, Soldatentum und technischen Fortschritt.

Das ließ den Stern des früh zu vorher nicht dagewesenem Ruhm Gekommenen noch zu seinen Lebzeiten wieder sinken. Im Vorwort zur 1987er-Ausgabe von Kiplings erster Prosa-Sammlung, den 1888 als "Plain Tales From The Hills" veröffentlichten herausragenden Kolonialvignetten (auf Deutsch erstmals unter dem Titel "Falsche Dämmerung - Geschichten aus Indien" 2014 im Fischer Verlag erschienen), plädiert der britische Literaturwissenschaftler Andrew Rutherford deshalb dafür, den Autor in der Rezeption "mehr historisch denn hysterisch" anzugehen. Er sei immerhin der letzte Engländer, der Leser aller sozialen Schichten und kultureller Gruppen ansprach, vom Literaturkritiker zum Schmökerfan - und der letzte Dichter, der ein Massenpublikum beherrschte. Der deutsche Literaturprofessor Stefan Welz meint fast 30 Jahre später, Kipling stünde "mit seinem literarischen Talent, mit seiner Frische, seiner Chuzpe, seiner Neugier" eigentlich "ein privilegierter Platz in der Literaturgeschichte zu". Doch dazu hätte er "den zahlreichen Autoritäten, denen er zeitlebens unterworfen war, resoluter die Stirn bieten müssen".

Zugute hält er Kipling - zurecht - dessen "feines Gespür für Sprachen, Dialekte und Fachjargon" und die Gabe, "seinen Geschichten Gefühle von menschlicher Teilhabe und Zugehörigkeit so überzeugend einzuschreiben". Darüber hinaus bringe Kipling "die märchenhafte Verschmelzung von Orient und Okzident erzählend zustande". Wie später sein Roman-Meisterwerk "Kim" (1901) vereinen bereits die Dschungelgeschichten westlichen Forscherdrang mit östlicher Lebensweisheit, aufklärerischen Gestaltungswillen mit Fantasie - und rücken, ganz viktorianisch modern, Kind und Tier in den Mittelpunkt.

Die Brüder Richard M. und Robert B. Sherman, die den berühmten "Dschungelbuch"-Film von 1967 vertonten, haben auch für den neuen Disney-Film die Musik geschrieben. Balus Ode an die "Gemütlichkeit" singt darin Bill Murray.

Neue Bücher, neuer Film

Biografie Stefan Welz lehrt Englische Literatur an der Uni Leipzig und hat mit „Rudyard Kipling – Im Dschungel des Lebens“ (Lambert Schneider, 273 Seiten, 29.95 Euro) die erste deutsche Kipling-Biografie verfasst. In sieben Kapiteln stellt er darin die Gegensätze, die das Leben dieses Ausnahmeliteraten prägten, gegenüber: Ost und West, Höhen und Ebenen, Glück und Tragik. . .

Neuerscheinungen Mehrere deutsche Verlage haben 2015 anlässlich von Kiplings 150. Geburtstag dessen Bücher erstmals oder neu herausgebracht. Dazu gehören Andreas Nohls Neuübersetzung von „Kim“ (Hanser, 512 Seiten, 29.90 Euro), die von Gisbert Haefs erstmals ins Deutsche übertragenen Geschichten in „Rudyard Kipling – Die späten Erzählungen“ (Fischer, 462 Seiten, 19.99 Euro) sowie Kiplings Sammlung von Reisebriefen und Reportagen, die 2011 erstmals von der Cambridge University Press veröffentlicht worden waren und die jetzt Alexander Pechmann übersetzt und unter dem Titel „Von Ozean zu Ozean – Unterwegs in Indien, Asien und Amerika“ in einer feinen Ausgabe mit Schuber herausgegeben hat (Mare, 796 Seiten, 48 Euro).

Spielfilm Am 15. April läuft ein neuer „Dschungelbuch“- Film in den Kinos an – wie der berühmte Trickfilm von 1967 aus dem Hause Disney. Diesmal handelt es sich jedoch nicht um einen Zeichentrick-, sondern um einen Spielfilm mit aufwändig mithilfe von Motion-Capture-Technik animierten Tierszenen. Der zur Zeit der Dreharbeiten zehnjährige Neel Sethi aus New York spielt Mogli unter der Regie von Jon Favreau („Iron Man“). Hollywoodstars wie Ben Kingsley (Baghira), Bill Murray (Balu), Idris Elba (Shir Khan), Scarlett Johansson (Kaa) und Christopher Walken (Louie) leihen im englischen Original den Tieren ihre Stimmen. cli

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28.12.2015, 08:30 Uhr
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