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Der doppelte Rüdiger
Umstrittene Ritter-Skulptur: Der "Rüdiger" auf seinem Platz im Allgäu. Foto: Kaufbeuren Marketing
Geplante Kopie einer Nibelungen-Figur stößt in Nordböhmen auf Widerstand - Original steht seit 1970 in Kaufbeuren

Der doppelte Rüdiger

Bis 1945 stand im böhmischen Gablonz (Jablonec) ein Denkmal für den Nibelungen-Ritter Rüdiger. Dann wurde der Ritter mit den Deutschen "vertrieben". Jetzt soll eine Replik zurück - doch es gibt Gegenwehr.

11.03.2016
  • HANS-JÖRG SCHMIDT

1904 erhielt der aus Böhmen stammende Bildhauer Franz Metzner, der durch seine Mitarbeit am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig zu Ruhm gekommen war, von der Stadt Wien den Auftrag, einen Nibelungen-Brunnen zu schaffen. Seinen Platz sollte er an der Ringstraße bekommen. Doch das Vorhaben zerschlug sich. Da erwarb die Gesellschaft zur Förderung deutscher Kunst und Wissenschaft in Prag die einzige bereits fertiggestellte Brunnenfigur, den Ritter Rüdiger. 1924 kaufte die Stadt Gablonz die Skulptur. Sieben Jahre später fand sie auf einem Brunnen vor der Herz-Jesu-Kirche Platz. Gablonz hatte damals zu 88 Prozent deutsche Bewohner, war ein wohlhabendes Zentrum der Glasindustrie und Bijouterie.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung wurde die Skulptur ebenso "vertrieben" wie die deutschen Bewohner von Jablonec, wie Gablonz fortan hieß. Rüdiger verschwand, abgelegt und versteckt in einem Schlosspark von Prag.

Jetzt soll Rüdiger, der der Sage nach in Nibelungentreue zu Königin Kriemhild in den Tod ging, wieder zurückkehren. Der Platz vor der Herz-Jesu-Kirche soll seine alte Gestalt zurückbekommen, entschied die Mehrheit der tschechischen Bewohner von Jablonec in einer Befragung im vergangenen Jahr. Der Brunnen soll im kommenden Jahr feierlich eingeweiht werden, zum 150. Jahrestag der Erhebung von Jablonec zu einer Stadt.

Doch mehr als eine Replik wird nicht mehr an das einstige Leben der Deutschen in der Stadt an der Neisse erinnern. Wenn überhaupt. Das Original nämlich steht seit 1970 in Neugablonz, einem Stadtteil von Kaufbeuren im Allgäu. Dort waren die meisten Vertriebenen aus Gablonz nach dem Krieg gelandet. Seit 1954 hatten sie sich darum bemüht, das alte Wahrzeichen ihrer Stadt in die neue Heimat zu holen. Die tschechoslowakische Museumsverwaltung stimmte dem in der "Tauwetterzeit" des Prager Frühlings zu, auch weil sie Devisen brauchte. Für 10 000 US-Dollar, damals eine Menge Geld für eine Stadt, machte sich der Ritter, in Holzwolle gut verpackt, auf den Weg nach Deutschland. Gegen Proteste in der deutschen Regionalpresse, in der vor allem Vertreter der 68er-Bewegung den Rüdiger als "Revanchisten-Denkmal" bezeichneten.

Im November vergangenen Jahres übergab der Bürgermeister von Kaufbeuren, Stefan Bosse, seinem Jablonecer Amtsbruder, Petr Beitl, Kopien der alten Pläne und der Baudokumentation für eine Nachbildung in Tschechien. "Für mich", so Bosse, "hat diese Idee Symbolcharakter: zwei Rüdiger-Denkmäler in Gablonz und Neugablonz, die an die gemeinsame Geschichte erinnern." Gleichzeitig spreche das für die gelebte Zusammenarbeit der beiden Partnerstädte in Deutschland und der Tschechischen Republik. Der Partnerschaftsverein kündigte eine Spende an. Auch der Deutsch-tschechische Zukunftsfonds unter Schirmherrschaft der Regierungen beider Nachbarländer will das Projekt unter Umständen unterstützen. Petr Beitl zeigt sich glücklich: "Ohne den Rüdiger-Brunnen sieht der Platz aus wie ein Mund mit einer Zahnlücke."

Doch ob die "Zahnlücke" verschwinden wird, steht noch in den Sternen. Seit der Plan ruchbar wurde, hinter dem die Mehrheit des Stadtrates von Jablonec steht, regt sich Widerstand. Die Protestler machen geltend, dass Rüdiger ein "typischer Vertreter des aggressiven Deutschtums" war, das 1945 eine vernichtende Niederlage erlitten habe. Die neuerliche Aufstellung seines Denkmals würde Jablonec in eine Zeit zurückholen, die "glücklicherweise überwunden" sei. "Mit dem Antlitz einer tschechischen Stadt hat er nichts zu tun", sagt etwa Frantisek Radkovic vom nationalistisch-kommunistisch angehauchten "Verband der tschechischen Freiheitskämpfer". Er befürchtet zudem, dass Jablonec mit dem Rüdiger-Denkmal zu einem "Treffpunkt von Neonazisten und Revanchisten" werden könnte.

"Das deutsche Element hat sich zwischen 1918 und 1938 separatistisch verhalten", klagt auch der Stadtrat von Jablonec, Jaroslav Rehac, gegenüber dem "Landes-Echo", der Zeitung der in Tschechien verbliebenen Minderheit der Deutschen. "Das waren die, die nicht mit uns leben wollten und unsere tschechischen Ansprüche auf Jablonec und seine Umgebung nicht anerkannten." Und mit erhobenem Zeigefinger fügt er hinzu: "Wir müssen aufpassen!" Rund ein Drittel der Bewohner von Jablonec sehen das so wie Rehac.

Für Libor Behul, einen der wenigen Gablonzer mit deutschen Wurzeln, der am örtlichen Gymnasium Geschichte lehrt, sind das "die, für die die Geschichte der Stadt erst 1945 begonnen hat". Der Lehrer steht auch in den sozialen Netzwerken sehr aktiv für die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen ein, obwohl er dafür angefeindet wird. Er hat bereits 1994 eine Schulpartnerschaft zwischen Gablonz und Neugablonz auf den Weg gebracht und lässt sich in seinem Kurs nicht beirren, "weil der sich auszahlt". Ebensowenig wie Stadtrat Petr Lauda: "Wer sagt, dass Rüdiger nichts mit unserer Stadt zu tun hat, irrt. Allein die Geschichte, wie das Denkmal für teures Geld zu uns gekommen ist, symbolisiert die goldene Ära von Gablonz."

Der Jablonecer Bürgermeister Beitl wartet derweil, dass den Gegnern die Argumente ausgehen. "Da muss er gar nicht lange warten, sagt Lehrer Libor Behul: "Die haben keine wirklichen Argumente."

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11.03.2016, 08:30 Uhr
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