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„Es gibt immer einen Plan B“

Der deutsch-tunesische Unternehmer Florian Gonser zur „Jasmin-Revolution“

Die vergangene Woche war für Siegfried Gonser und seinen Sohn Florian aufregend. Weshalb? Die beiden haben in Tunesien sieben Textilfabriken und rund 2500 Mitarbeiter.

21.01.2011
  • Ulrich Eisele

Dußlingen. Florian Gonser sieht noch etwas mitgenommen aus. Mit den Flugzeug kam der 30-Jährige am Mittwochabend aus Tunis. Nein, es habe keine Schwierigkeiten am Flughafen gegeben, sagt er. Die Lage sei stabil, „seit Montag arbeiten alle wieder“. In der vorhergehenden Woche allerdings bekam man seinen Vater Siegfried, Chef der Gonser Group mit 13 Niederlassungen in Slowakien, der Ukraine und Tunesien, 3000 Mitarbeitern und 45 Millionen Euro Jahresumsatz, kaum ans Telefon. Rund um die Uhr hing der ursprünglich aus Dußlingen stammende Unternehmer am Hörer oder war unterwegs, um Mitarbeiter, Kunden und Partner zu beruhigen sowie die Lage für sein Geschäft zu sondieren.

Sein Geschäft, das ist die Jeans-Veredelung. Die Anfänge muss man sich in einer Dußlinger Wäscherei vorstellen, die 1938 von Anna Gonser gegründet wurde. 1992 bekam der Firmeninhaber in dritter Generation von einem tunesischen Jeanshersteller ein Joint Venture angeboten. Seitdem sind daraus sieben „Plattformen“ an vier Standorten in Nordwest-Tunesien zwischen Tunis und Hammamet entstanden. Siegfried Gonser und sein Sohn, der in Mönchengladbach Textil- und Bekleidungsmanagement studierte, haben ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegt. „Tunesien ist unsere zweite Heimat“, sagt Florian Gonser.

Zu Kind und Freundin ist er jetzt kurz nach Dußlingen gereist – und weil er die Textilmesse in München besuchen muss. Mit brachte er aus Tunesien ein paar Fotos und viele Eindrücke, die er noch nicht alle sortieren konnte. Wichtig ist ihm vor allem, Dank an die tunesischen Mitarbeiter auszusprechen: „Die sind alle da geblieben. Sie haben die Fabriken beschützt, dass nicht geplündert wurden. Zehn Leute sind ins Haus meines Vaters gezogen, damit ihm nichts passiert.“

In seiner Stimme schwingt Bewunderung für die „Jasmin-Revolution“ mit: „Ich fand’s wahnsinnig mutig vom tunesischen Volk.“ Die Demonstrationen und Proteste blieben seiner Einschätzung nach weitgehend friedlich, die Gewalt sei von der Regierungs-Seite ausgegangen. Nur Banken und Geschäfte seien zerstört worden, die der Familie des Präsidenten Ben Ali gehörten.

Als „habgierig und kriminell“ bezeichnet Florian Gonser die Präsidenten-Familie. Ihren Reichtum habe sie in Banken, Hotel- und Medienbeteiligungen, aber auch in Konzessionen bei deutschen Automobilherstellern angelegt. Einheimische Unternehmer seien „ausgepresst“ worden, meint er, ausländische Investoren habe man jedoch geschont. „Wir haben einen Bogen um Ben Ali gemacht“, beschreibt er sein Verhältnis zur Regierung.

Bei den Mitgliedern der Deutsch-Tunesischen Handelskammer normalisiere sich die Lage jetzt wieder. „Wir sind erleichtert, dass die bisherigen Rückmeldungen von 50 Mitgliedsfirmen aus allen Teilen Tunesiens sehr optimistisch klingen“, zitiert Gonser aus einem Rundschreiben der Kammer. Und wenn die Situation gekippt wäre? Die Gonser Group ihre Fabriken hätte schließen müssen? „Es gibt immer einen Plan B“, meint Florian Gonser vielsagend. „Dann hätten wir eben unsere Standorte in Slowakien und der Ukraine ausgebaut.“

Keine Anzeichen für Islamisierung

„Die Bürger/innen wollen vor allem Arbeit. Demokratie kommt erst in zweiter Linie“, äußert sich Florian Gonser skeptisch. Die Arbeitslosigkeit liege bei „20 bis 25 Prozent im Durchschnitt“. Auch Akademiker seien in großem Maß davon betroffen. „Dieses Jahr gibt es rund 50 000 Hochschulabgänger, nächstes Jahr 70 000 . . . – und für so viele reicht die Arbeit nicht aus.“ Tunesien verfüge über wenig Bodenschätze, nur die Textil-, Tourismus- und IT-Branche würden boomen. Die Löhne „reichen gerade aus, um sich und die Familie davon zu ernähren“, erzählt Gonser. Hungern müsse zwar niemand. Aber meist müssten vom Einkommen auch noch arbeitslose Verwandte mit unterstützt werden.

Er und seine Familie hätten an Tunesien immer geschätzt, dass die Lage stabil sei und die Bevölkerung „westlich orientiert. Es war unsere Angst auch“, sagt er, „dass durch den Umsturz Islamisten ins Land kommen.“ Doch das sei nach bisheriger Einschätzung nicht der Fall. Als günstiges Zeichen wertet Gonser den Rückzug der Opposition aus der Übergangsregierung. Auf Dauer führe wohl kein Weg an der Demokratisierung vorbei, meint er.

Schlecht schätzt er allerdings die Chancen für den Tourismus im laufenden Jahr ein. Doch das werde sich bald wieder ändern. Auch nach dem Anschlag von Djerba habe sich die Situation innerhalb eines Jahres wieder normalisiert. Mittelbar hängt auch Vater Siegfried Gonser am Tourismus – er betreibt nebenbei eine kleine Werft für Sport- und Regattaboote, „sein Hobby“. Doch deren Klientel ist international und lässt sich vermutlich von Unruhen in Tunesien wenig beunruhigen.

Der deutsch-tunesische Unternehmer Florian Gonser zur „Jasmin-Revolution“
Florian Gonser, Geschäftsmann aus TunesienBild: Franke

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21.01.2011, 12:00 Uhr
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