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Staatsoper

Der böse Traum vom Kitsch

Ein teuflisch gutes Werk der italienischen Romantik, banal spektakulär auf die Bühne gebracht: Alex Ollé von La Fura dels Baus inszeniert Arrigo Boitos „Mefistofele“ in Stuttgart.

18.06.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Tierischer Ringelpiez in der Walpurgisnacht-Disco und Mefistofele (Mika Kares) schaut zufrieden zu. Foto: Thomas Aurin

Mika Kares. Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten . . .“, möchte man mit Goethe sagen. Faust und Mephistopheles kennt man vom Stuttgarter Spielplan gut, Andrea Moses und Frank Castorf brachten in den vergangenen Jahren die Opern von Berlioz und Gounod auf die Bühne. Jetzt am Sonntagabend feierte „Mefistofele“ Premiere, das 1868 uraufgeführte Werk des Italieners Arrigo Boito – deutsche Komponisten hatten ja immer Skrupel mit der nationalheiligen „Faust“-Tragödie.

Diesmal steht der Teufel schon im Titel. Regisseur Alex Ollé von La Fura dels Baus kündigte zudem an, „die grausame Wildheit des Bösen“ zu zeigen: als den Traum eines Psychopathen. Nun ja, die Zeiten, als die Katalanen mit brachialen Aktionen das Theaterpublikum schockierten, sind vorbei. Es ist eine Bilderproduktionsmaschinerie geworden. „Mefistofele“ zum Beispiel ist eine Koproduktion mit der Opèra de Lyon und war dort im Oktober herausgekommen; Ollés Mitarbeiter besorgten jetzt in Stuttgart die szenische Einstudierung, was den – großartig singenden – Staatsopernchor darstellerisch doch sehr unterforderte. Die Walpurgisnacht als Ringelpiez mit Anfassen. In der heftig beklatschten Premiere waren die Katalanen dann gar nicht mehr da, weil sie in Tokio schon Puccinis „Turandot“ probten.

Faszinierendes „Faust“-Stück

Trotzdem: Es ist allemal ein musikalisch starker Abend in Stuttgart. Boito, den man als Librettisten der Verdi-Opern „Otello“ und „Falstaff“ kennt, war Mitglied der Künstlergruppe „Die Zerzausten“, ziemlich radikal – und ein Wagnerianer, wie man schon an den leitmotivischen „Lohengrin“-Fanfaren im Vorspiel des „Mefistofele“ hört. Ein faszinierendes Werk: Belcanto-Soli, Himmelschöre, massenhysterisches Dur und hässliches Forte. Mystisches, aber aus dem Süden. Paradies und Hölle – spätromantisch, aber sehr modern. Daniele Callegari und das Staatsorchester spielten das mit Wucht, in drastischen Farben.

Das Böse also: Mefistofele, den Mika Kares mit geschmeidiger Härte, ohne Teufelsklischees singt, ist eine Reinigungsfachkraft in einem medizinischen Labor und selbst infiziert vom Virus biologischer Allmachtsfantasien. Er kriegt ständig Kopfschmerzen vom Engelsgesang. Jetzt will dieser Teufel auch mal Schöpfer sein und verführt den brav übereifrigen Wissenschaftler Faust, der an seinem Seziertisch ermüdet und endlich was vom Leben haben will. Die große Liebe mit Margarethe (Olga Busuioc mit monströs verführerischem Sopran)? Der von Antonello Palombi bravourös mit Heldentenorschmelz gesungene Faust ist wirklich eine nichtssagende Figur und offenbar schon mit tierischem Tanz in der Disco und einer Las-Vegas-Show in Flamingorosa – Helenas Arkadien – zufrieden.

Falls das Ironie sein sollte: Das Böse zeigt Ollé als den feucht-bürgerlichen Traum vom billigen Musical-Kitsch. Was noch so den Wahn des besagten Psychopathen Mefistofele illustriert: Der Mann hält sich für einen Prometheus, dem die Engelsgeier das Herz herausreißen. Und er denkt sich seine Welt sehr technoid zusammen. Auf der Bühne (Alfons Flores) schichten sich nach der bekannten Manier von La Fura dels Baus Szenerien und Konstruktionen derart übereinander, bis der Apparat knarzt. Der Zuschauer möchte da gerne der Staatstheater-Technik im dringend sanierungsbedürftigen Opernhaus ein Extralob spenden.

Dass Mefistofele am Ende nicht akzeptiert, dass ihm Fausts Seele entgleitet und dieser das Irdische verklärt („Verweile doch, du bist so schön!“) ist klar. So schneidet er ihm die Kehle durch. Eigentlich ist das ja eine durchdachte Erzählung. Aber eine zu sehr auf Spektakel getrimmte. Eher banal als dämonisch. Doch schon ist man wieder von der Musik gefangen.

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Erstellt:
18. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 06:00 Uhr

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