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Mit den Händen sehen

Der blinde Physiotherapeut Andreas Mez hat seit sechs Jahren eine Praxis in Öschingen

Der Öschinger Physiotherapeut Andreas Mez ist blind. Seine Patienten stört das nicht, ist seine Erfahrung. Im Gegenteil. Sie genießen es, dass er sich viel Zeit nimmt. Seit sechs Jahren führt er eine Praxis in der Bolbergstraße.

26.08.2016

Von Susanne Mutschler

Der Öschinger Physiotherapeut Andreas Mez muss seine Patienten fühlen können, um ihnen zu helfen.Bild: Rippmann

Öschingen . „Den mit dem Stock kennt man in Öschingen“, sagt Andreas Mez und grinst. Jeden Tag um die Mittagszeit macht er sich auf den Weg zu dem kleinen Lokal in der Metzgerei gegenüber. Er weiß, dass ihn dort sofort jemand vom Tresen aus erspähen und sicher über die Straße bringen wird.

Mez‘ physiotherapeutische Praxis liegt mitten im Dorfzentrum. Früher war da die Raiffeisenbank, danach das Schreibwaren-Lädle von Linde Rempfer. Die Idee, das kleine leerstehende Gebäude als Praxis zu nutzen, habe sein Vater gehabt, erinnert sich der 41-jährige Öschinger. Alfred Mez, Heizungs- und Lüftungstechnik-Meister im Ruhestand, organisierte den Umbau. Es gibt zwei Behandlungskabinen und einen Eingangsbereich, der sich im Handumdrehen zur kleinen Gymnastikhalle erweitern lässt. Einmal in der Woche kommt abends eine kleine Gruppe zum Fitnesstraining. Mehr als sechs Personen nimmt Andreas Mez nicht an. Sonst kann er nicht mehr fühlen, ob die Übungen korrekt ausgeführt werden.

„Die Basis für meine Praxis ist meine Familie“, erklärt er. Seine Assistentin braucht er nur für ein paar Stunden in der Woche. Bei allen betriebswirtschaftlichen Fragen steht ihm sein Bruder Gerd zur Seite. Seit einem Jahr hilft ihm seine Mutter Rita Mez bei der Organisation des Therapiebetriebs. Aber auch das wäre für den blinden Therapeuten kein echtes Problem. Sein Computer hat Sprachfunktion und Leseleiste in Brailleschrift.

Bis heute ist nicht geklärt, was 1982 zur Erblindung des damals knapp Achtjährigen führte. Es könnte eine Folge des viralen Brechdurchfalls gewesen sein, mit dem er wochenlang in der Tübinger Klinik lag oder eine unbekannte Folge eines Medikaments. „In Tübingen herrschte großes Rätselraten“, erinnert sich Rita Mez. Die frühere Mössinger Lehrerin hatte sofort gemerkt, dass ihr Sohn die Buchstaben nicht mehr ordentlich malen konnte. Er weiß nur noch, dass Fußballspielen „nur noch mit einem hellen Ball ging“. Ein ganzes Jahr lang suchten die Eltern nach Diagnose und Therapie. „Wir haben nach jedem Strohhalm gegriffen.“ Dann entschlossen sie sich, ihren Sohn nach Heiligenbronn bei Schramberg ins Internat für Sehbehinderte und Blinde zu schicken. „Das war mit sehr viel Heimweh verbunden“, erzählt Mez. Einmal sei er vor lauter Sehnsucht sogar ausgerissen, aber nur bis zum Ende des Dorfes gekommen.

Was ihn körperlich und seelisch zusammenhielt, war seine Freude am Sport. Skifahren und Judo hatte er noch als sehender kleiner Junge gelernt. Seine Klassenlehrerin in Heiligenbronn erkannte sein Talent für Leichtathletik. Sie riet dem inzwischen 14-Jährigen, nach München auf die Bayrische Landesschule für Blinde zu wechseln. Dort war Sport Wahlpflichtfach. Andreas spezialisierte sich auf Laufen und Weitsprung. Von der ersten Weltmeisterschaft für Jugendliche mit Behinderungen 1989 in Florida, zu der die Münchner Schule eine Abordnung geschickt hatte, kam er mit drei Gold- und einer Silbermedaille zurück. Allein vier Mal war er bei Wettkämpfen in den USA dabei. Ein Foto in seiner Praxis zeigt ihn als jugendlichen Weitspringer, wie er frei in der Luft über der Sandgrube schwebt.

Bei Wettläufen ist er auf einen Begleitläufer angewiesen, zu dem er – locker durch ein Seil verbunden – parallel rennt. So nimmt Mez zusammen mit seinem Bruder Gerd regelmäßig am Mössinger Stadtlauf teil. Auch die Halbmarathon-Distanz hat er schon geschafft. Im Bruder-Tandem fährt er sogar alpine Skihänge hinunter. „Zum Glück seh‘ ich nicht, wie steil es ist.“ Gerd Mez hat als Skilehrer in St. Moritz eine Zusatzqualifikation für Blinde und Sehbehinderte gemacht. „Mein Bruder fährt hinter mir und weist mich über Kopfhörer an“, erzählt Mez.

In seiner Jugend sei ihm Sport wichtiger gewesen als Lernen, sagt der Physiotherapeut. Nach der mittleren Reife wollte er dann gleich Masseur werden, doch der Amtsarzt riet ihm wegen seiner Skoliose ab. Für die gymnasiale Oberstufe ging Mez in die Blindenstudienanstalt nach Marburg. Doch das Heimweh nach Öschingen ließ ihn nie richtig los. So begann er mit einem Jurastudium 1998 in Tübingen. „In Marburg wäre man besser auf blinde Studenten eingestellt gewesen“, weiß seine Mutter. Mez musste sich die auf Kassetten gesprochenen Vorlesungen von dort schicken lassen. Die Texte aus Fachzeitschriften lasen Kommilitonen vor. Das machte das Studieren so langwierig und mühselig, dass er 2003 wieder auf seinen Ursprungsplan zurückkam.

Von amtsärztlicher Seite befand man inzwischen, der Leichtathlet aus Öschingen habe ausreichend Muskeln, um trotz Skoliose einen Therapeutenberuf auszuüben. Bis 2007 machte Andreas Mez in Mainz beim Berufsförderungswerk eine Ausbildung zum Physio- und Lymphtherapeuten, außerdem eine Zusatzausbildung in manueller Therapie. Nach Stellen in Tübingen und Sirchingen auf der Alb eröffnete er 2010 seine Praxis in Öschingen. Die Kartei zählt inzwischen rund 500 Namen. Die meisten Patienten wohnen im Dorf. Vor einiger Zeit fragte der Turn- und Sportverein bei Mez an, ob er nicht die Jedermann-Gymnastikgruppe für Männer leiten möchte. Nach dem Training sitzt er mit den Sportlern beim Vesper zusammen. Seitdem hat er endlich das Gefühl: „Jetzt bin ich ein Öschinger.“

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Erstellt:
26. August 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. August 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. August 2016, 01:00 Uhr

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