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Biografie

Der Zocker, der aus der Kälte kam

Äußere und innere Dämonen: Andreas Guski beschreibt Dostojewski als Autor einer doppelten Krise.

20.04.2018
  • GEORG LEISTEN

Moskau. Unter Trommelwirbeln steigt er aufs Schafott, ein Priester lässt ihn das Kreuz küssen, ein Offizier hebt den Säbel – und dann werden die Sekunden lang für Fjodor M. Dostojewski, unendlich lang. Bis etwas passiert, das es heute nur noch im Kino und in Foltergefängnissen der CIA gibt. Das Schicksal ruft höhnisch „Ätsch!“. Es war eine Scheinhinrichtung. Der Zar hatte das Todesurteil in Lagerhaft umgewandelt.

Ohne diese Begnadigung wären die bedeutendsten Werke der russischen Literatur nie entstanden. Weder das beklemmende Familienepos der „Brüder Karamasow“ noch das Verbrechenspsychogramm „Schuld und Sühne“ oder die bittere Geschichte von Fürst Myschkin, dem „Idioten“. Der Blick in den Abgrund, der sich Dostojewski bei der Beinah-Exekution 1849 eröffnet hatte, sollte die Perspektive seines gesamten Schaffens bestimmen.

Er hat den Menschen die Hirnschalen abgenommen, um aus ihnen Gedanken herauszulesen. Darin fand er Hass und Gier, Gewissen und Gewissenslosigkeit. Wie gereizte Nervenbahnen vibrieren seine Sätze. Neben Kafka und Mann gehörte auch Hitchcock zu seinen Bewunderern, betont Andreas Guski. In einer spannenden Biografie folgt der emeritierte Slawistik-Professor an der Universität Basel Dostojewskis Lebensspuren.

Geboren 1821 als Sohn eines Stabsarztes, wird der Romancier zum Autor einer doppelten Krise. Russland ist im 19. Jahrhundert ein wirtschaftlich wie gesellschaftlich rückständiges Land. Die krasse materielle Not, unter der Dostojewski trotz einer Ausbildung zum Militäringenieur leidet, ist eine Seite dieser Krise. Sie treibt ihn in die Arme einer frühsozialistischen Untergrundbewegung. Doch nach der Verhaftung, dem aufgehobenen Todesurteil und zehn Jahren Sibirien beendet er sein sozialrevolutionäres Frühwerk und wendet sich der inneren Krise seiner Zeit, dem Nihilismus, zu. Zugleich folgt eine Annäherung an den orthodoxen Glauben und an das nationalkonservative Lager.

Man bibbert im Straflager

Guski bringt Lebenserzählung und Werkanalyse in die richtige Balance, der Leser profitiert nicht nur von der profunden Quellenkenntnis des Biografen, sondern auch von seinem Beschreibungstalent. Man erfährt, wie Russland riecht („nach Harz und feuchter Erde, nach Pilzen und nach Erdbeeren“), man bibbert mit dem jungen Dostojewski im sibirischen Straflager und glaubt, die wässrige Kohlsuppe zu schmecken, die es dort zu essen gibt.

Peu à peu nehmen Dostojewskis persönliche Dämonen Gestalt an. Der rätselhafte Tod des Vaters (mutmaßlich von Leibeigenen umgebracht), die sadistisch grundierte Beziehung zur 18 Jahre jüngeren Dichterin Apollinaria Suslowa, mit er der durch Europa zieht, schließlich die Spielsucht. In Deutschland, namentlich in Baden-Baden und Wiesbaden, sucht Dostojewski der Rouletteteufel heim. Er gewinnt, verliert, gewinnt wieder und verzockt sich endgültig, so dass er seinen Kollegen Ivan Turgenjew anschnorren muss.

Doch es gelingt ihm, sich aus dem tödlichen Dreieck von Liebe, Geld und Risikolust zu befreien – nicht zuletzt mit Hilfe der Dichtung. Dostojewski delegiert den Absturz, der ihm selbst gedroht hätte, an die Figur des Hauslehrers Alexej aus „Der Spieler“. In dem Kurzroman wird die Verlockung des schnellen Geldgewinns zur allegorischen Charakterprobe, an der Alexej scheitert. Schauplatz ist das fiktive Kurstädtchen Roulettenburg. In seiner Schilderung verschmelzen Erinnerungen des Autors aus Baden-Baden und Wiesbaden. Literarische Reminiszenzen, die das Stadtmarketing der beiden Zockerparadiese längst für sich entdeckt hat. Georg Leisten

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20.04.2018, 06:00 Uhr
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