Film

Der Wandlungsfähige

Kaum einer beherrscht die Klaviatur der Emotionen so überzeugend wie Albrecht Schuch. In diesem Jahr ist er einer der Shooting-Stars der Berlinale.

04.03.2021

Von BARBARA BREUER

Albrecht Schuch und Welket Bungué (l.) in einer Szene von „Berlin Alexanderplatz“. Schuch ist jetzt wieder Teil einer Literaturverfilmung: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“. Foto: Frederic Batier/dpa

Berlin. Kein roter Teppich am Potsdamer Platz, kein Kontakt zu internationalen Produzenten und zum Publikum – stattdessen sitzt Albrecht Schuch allein vor einem Computerbildschirm in Prag. Sich auf seinem Ruhm auszuruhen, ist seine Sache nicht: In Tschechien steht der 35-Jährige gerade für die Neuverfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ vor der Kamera.

Sozialpädagoge Micha, Menschenfänger Reinhold, Neonazi Uwe Mundlos: Schuch ist einer der wandlungsfähigsten Nachwuchsmimen des Landes. Ohne die Pandemie ließe er sich dieser Tage auf der Berlinale in Dominik Grafs Wettbewerbsbeitrag „Fabian“ beklatschen. Wegen Corona kommt die Erich-Kästner-Adaption erst am 1. Juli in die Kinos. Der deutsche Shooting-Star der diesjährigen Berlinale ist Schuch schon jetzt.

Yella Haase und Daniel Brühl sind nur zwei seiner bekannten Vorgänger. Seit 1998 fördert das Programm der „European Film Promotion“ den Schauspielnachwuchs: In diesem Jahr findet das Treffen mit Agenturen und Regisseuren als Teil des Shooting- Stars-Programms am Bildschirm statt.

Dass Schuch diese Form der Kommunikation nicht liegt, ist bei der Online-Präsentation offensichtlich: Zehn Talente aus Europa setzen sich dabei bestmöglich in Szene: Schuch schaut immer wieder lange aus dem Bild und wirkt sehr ernst. „Ich bin, glaube ich, immer etwas verunsichert von so einer Celebrity-Geschichte. Das war vielleicht die Aufregung, die man gesehen hat“, verrät er später im Interview, „aber vor allen Dingen mag ich es überhaupt nicht, alles über den Computer zu machen.“

Ins Gedächtnis des Publikums spielte er sich mit dramatischen Rollen, etwa 2016 in der Verfilmung der NSU-Trilogie „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“. Dafür gab es den Grimme-Preis. Noch steiler nach oben ging es für ihn 2019: Schuch überzeugte als unkonventioneller Anti-Aggressionstrainer in Nora Fingscheidts „Systemsprenger“. Im Jahr darauf spielte er den diabolischen Psychopathen Reinhold in Burhan Qurbanis Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“. Diese Rollen brachten ihm zwei Lolas beim Deutschen Filmpreis – er wurde als bester Hauptdarsteller und als bester Nebendarsteller geehrt. Feiern konnte er nicht – die Verleihung war virtuell.

Damals saß der Wahlberliner am heimischen Rechner, den Blick ins Wohnzimmer öffnete er nicht. Die sozialen Medien sind nicht sein Ding, sein Privatleben mit der Welt zu teilen, nicht seine Art. Einiges ist trotzdem über ihn bekannt, schließlich ist auch seine große Schwester vom Fach. Die beiden Thüringer sollten den Eltern folgen und Ärzte werden. Doch Karoline entschied sich für die Schauspielerei und trampelte den Weg damit gleich für ihren Bruder Albrecht frei.

Schon als er vier war, haben ihn seine Schwestern in Röcke gesteckt – und sind in selbst ausgedachten Stücken gemeinsam mit ihm in einer Trabi-Attrappe über den Hof gerauscht. „Anschließend ging der Hut herum, und es gab viel Eis“, erinnert er sich. Aus dem Ferienspiel wurde mit den Jahren eine Passion, es folgte die Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelsohn Bartholdy“. Erste Engagements führten ihn ans Berliner Maxim-Gorki-Theater, später ans Burgtheater in Wien.

Inzwischen schafft Schuch es, sich als sensibler, mitfühlender Anti-Aggressionstrainer Micha ins Herz des Publikums zu spielen, nur um eine Produktion später als Reinhold extreme Abscheu heraufzubeschwören. Die Klaviatur der Emotionen beherrscht aktuell wohl niemand so überzeugend und beeindruckend wie er.

Doch Talent allein hat ihn nicht auf die Kinoleinwände gebracht. Dahinter steckt viel akribische Arbeit: Nach jedem Drehtag für „Berlin Alexanderplatz“ hat sich Schuch von Reinhold gereinigt – „Rollenduschen“ nennt er das. Um sich in Figuren einzufühlen, sammelt er Bilder, die bestimmte Emotionen vermitteln, spricht auch mal beim Tanzen in Clubs zum Beat seinen Text und prüft immer wieder, „ob die Rollen etwas mit mir machen, ob sie mich berühren, an etwas erinnern oder mich zum Lachen bringen“.

Rolle in Kästner-Verfilmung

Auf der diesjährigen Berlinale sollte er im dritten Jahr in Folge mit einer neuen Figur glänzen: In „Fabian“ gibt er den besten Freund des Helden: Zwischen zwei Lebenswelten hin- und hergerissen, ist er Labude, der Schriftsteller sein möchte, Vaters Wunsch folgend jedoch Jurist werden soll. Grafs Filme inspirieren Schuch. Das war bei „Fabian“ nicht anders: „Er bringt Menschen gerne im besten Sinne in unsichere Situationen, indem er nicht so viele Wiederholungen macht. So erzählt er eine natürliche Unsicherheit, eine Brüchigkeit, etwas Rissiges, Poröses mit.“

Jede neue Zusammenarbeit mit Filmemachern bereichert ihn. Bei Graf war es der Idealfall: „Wenn ich merke, dass mich die Vision eines Regisseurs inspiriert, dann geht es los“, sagt Schuch und fügt hinzu: „Es muss halt auch immer zwischenmenschlich klappern.“

Schauspielern hat Albrecht Schuch schon als kleines Kind geübt. Foto: Britta Pedersen/dpa

Uwe Mundlos (Albrecht Schuch, l-r), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) in einer Szene des SWR-Films „Die Täter - Heute ist nicht alle Tage“. Foto: Stephan Rabold/dpa

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Erstellt:
4. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. März 2021, 06:00 Uhr

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