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Außenhandelspräsident Anton F. Börner über die Lage in der Türkei und die Konjunkturaussichten

„Der Vertrauensverlust ist enorm“

Die Türkei ist zu einem schwierigen Wirtschaftsstandort geworden, klagt der Präsident des Groß- und Außenhandelsverbands, Anton F. Börner.

03.08.2016
  • DIETER KELLER

Mit der Türkei hat der deutsche Außenhandel einen neuen Krisenfall. Wie schätzen Sie die Lage ein?

ANTON F. BÖRNER: Genauer betrachtet ist die Türkei ein alter Krisenfall, der jetzt eskaliert ist. Schon seit einiger Zeit kämpft sie mit Altlasten. Die Kurdenfrage ist ungelöst und führt teilweise zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Es gibt Terroranschläge, teils von Kurden, teils vom IS gesteuert. Vom Bürgerkrieg in Syrien ist die Türkei mittelbar betroffen. Daher sind in der Wirtschaft in den letzten zwei Jahren die Investitionen zurückgegangen. Dazu kamen in den letzten Monaten negative Entwicklungen bei Menschen- rechten, Demokratie und Meinungsfreiheit. Das wurde durch den gescheiterten Militärputsch und alles, was darauf folgte, befeuert.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

BÖRNER: Wo die Türkei hingeht, ist völlig offen. Aus Sicht der Wirtschaft wird die Zukunft schwierig. Die türkische Währung ist praktisch im freien Fall. Damit werden zum einen die Importe aus Deutschland immer teurer. Zum anderen gibt es immer weniger deutschen Investitionen im Land, und die Wirtschaft kann nicht problemlos Geschäfte machen. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Wichtig ist, dass Präsident Erdogan versteht, dass am Ende nicht mehr Wohlstand für sein Volk steht, sondern mehr Unsicherheit.

Ist die Türkei kein verlässlicher Handelspartner mehr?

BÖRNER: Noch kann die Wirtschaft problemlos Geschäfte machen. Verträge werden weiter eingehalten, und offene Rechnungen werden bezahlt. Da sehe ich keine Probleme. Aber sie ist sicher derzeit kein interessanter Investitionsstandort. Zudem ist im Land nun nicht mit großen Wachstumsraten zu rechnen, neue Engagements lohnen sich nicht. Dennoch wird man versuchen, die Geschäftsbeziehungen nicht abreißen zu lassen. Dafür gibt es wirtschaftlich keinen Grund, solange die EU nicht zu Sanktionen greift. Wenn der Druck der EU und der USA Erfolg hat, kann es auch eine wirtschaftliche Entspannung geben. Aber der Vertrauensverlust ist enorm, und Vertrauen ist bei der Wirtschaft das wichtigste.

Wie wichtig ist die Türkei für den deutschen Außenhandel?

BÖRNER: Der deutsche Außenhandel kommt nicht ins Wanken, wenn der Handel mit der Türkei zusammenbricht. Bei den Exporten stand sie 2015 mit 22,4 Mrd. EUR auf Platz 14, bei den Importen mit 14,5 Mrd. EUR auf Platz 17. Gefährlicher für die europäische und deutsche Wirtschaft wäre, wenn die Türkei komplett in ein Chaos fiele und damit die ganze Region dort instabiler würde. Das könnte das Flüchtlingsproblem wieder verstärkt hochbringen. Dann drohen Ansteckungseffekte für die EU, und das würde uns massiv schaden.

Es gibt auch in Europa Problemfälle wie Spanien, Portugal und Italien. Sind wir wirtschaftlich in einem Dauerkrisen-Modus?

BÖRNER: Ja. Ich sehe die Zukunft der EU eher pessimistisch. Sie droht in drei Blöcke zu zerfallen. Die Südeuropäer sind weder in der Lage noch gewillt, die Reformen durchzuführen, die nötig wären, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Italien hat momentan zwar etwas Wachstum. Aber das ist gar nichts, wenn man sieht, wie gut die italienische Wirtschaft noch im Jahr 2000 dastand. Auch in Spanien, Portugal und Frankreich sehe ich nicht den Willen, die Gesellschaft umzukrempeln. Die osteuropäischen Länder tendieren zu Nationalismus. Sie haben nicht verstanden, was Globalisierung bedeutet. Bleibt ein Rest-Europa. Fragt sich, wie lange die EU zusammenhält. Dazu kommt auch noch der ungewisse Ausgang der Wahl in den USA. Die Risiken werden jeden Tag größer.

Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Entwicklung des deutschen Exports ein?

BÖRNER: Ich rechne 2016 immer noch mit Wachstum. Einen Dämpfer sehe ich nicht. Für das nächste Jahr lässt sich das schwer sagen. Es gibt Risiken von der Entwicklung in der Türkei und Russland bis zum Problem des Terrorismus. Er beeinträchtigt derzeit die Wirtschaft noch nicht. Aber wie schnell das gehen kann, ist in der Türkei beim Tourismus zu sehen, der wegen der Terroranschläge schwer eingebrochen ist. Wenn nichts Dramatisches passiert, sehe ich auch im nächsten Jahr etwas Wachstum, aber keinen großen Schwung.

Das Brexit-Votum ist fünf Wochen her. Lassen sich die Auswirkungen des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU auf den Außenhandel jetzt besser einschätzen?

BÖRNER: Die unterschiedlichen Modellrechnungen sind alle nicht positiv. Die Frage ist, wie groß der Schaden ist, der entsteht. Nun muss man erst sehen, wann Großbritannien den Austrittsantrag stellt und welche neuen Regeln vereinbart werden. Kurzfristig belastet die Abwertung des Pfunds etwa die Autoexporteure, weil unsere Autos in England erheblich teurer werden. Daher rechne ich im nächsten Quartal sehr wohl mit Bremsspuren. Zudem wird derzeit keiner neue Investitionen in Großbritannien tätigen. Darunter leidet die Wirtschaft dort. Wenn England in schwierigeres wirtschaftliches Fahrwasser gerät, werden die Menschen weniger konsumieren. Das wirkt sich dann auch auf die Importe aus. Wie stark, lässt sich noch nicht beurteilen.

Industrie-Präsident Ulrich Grillo hat heftig kritisiert, die Bundesregierung bemühe sich zu wenig um TTIP, das Handelsabkommen mit den USA. Sehen Sie das auch so?

BÖRNER: Hier muss man unterscheiden, was wirklich läuft und was in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Im Hintergrund wird auf Arbeitsebene hart gearbeitet, und das mit dem Willen, TTIP zum Erfolg zu führen. Ich bin immer noch verhalten optimistisch, dass dies gelingt. Das entscheidet nicht nur Deutschland, sondern es ist ein europäisches Projekt.

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03.08.2016, 06:00 Uhr
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