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Der Unverzichtbare
Loyal und liebenswürdig, aber auch herrisch und verletzend: Wolfgang Schäuble wird am Montag 75 Jahre alt. Foto: afp
Ehrentag

Der Unverzichtbare

Am Montag wird Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble 75 Jahre alt. Doch ans Aufhören denkt der CDU-Politiker aus Baden keineswegs – auch, weil die Kanzlerin weiter auf ihn angewiesen ist.

16.09.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Vor fünf Jahren, als die Union zum 70. Geburtstag von Wolfgang Schäuble zu einer Feierstunde ins Deutsche Theater eingeladen hatte, rühmte die Bundeskanzlerin den Jubilar als „das Langzeitgedächtnis der Republik“. Was wird Angela Merkel dieses Mal über ihren Finanzminister sagen, wenn sie am Montag auf dem Empfang spricht, den die CDU Baden-Württemberg in Offenburg aus Anlass des 75. Geburtstages ihres Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl am 24. September gibt?

Wohl wahr, Wolfgang Schäuble ist seit jener Matinee in Berlin fünf Jahre älter geworden, aber an einen Rückzug aus der Politik denkt der Badener keineswegs. Pension mit 75? Kommt für den Mann, der 1972 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt wurde, nicht in Frage. Ein Geschäftsordnungstrick der schwarz-roten Koalition sorgt sogar dafür, dass Schäuble als Alterspräsident die konstituierende Sitzung des Parlaments eröffnen wird – als dienstältester Abgeordneter im Kreis der vermutlich über 600 Volksvertreter, die sich zum Auftakt der 19. Legislaturperiode im Reichstag versammeln werden.

Was aber wird der Kabinettssenior danach werden – wieder Finanzminister? Das steht einstweilen in den Sternen. Wenn die Union stärkste Fraktion im nächsten Bundestag wird, gibt es jede Menge Posten zu verteilen für Angela Merkel, zum Beispiel das repräsentative Amt des Bundestagspräsidenten. Wäre das nicht etwas für Schäuble, ungeachtet der Tatsache, dass er vor Jahren dem Hohen Haus verschwieg, die Parteispende eines dubiosen Waffenhändlers in Empfang genommen zu haben?

Eher nicht, aus seiner Sicht will der Schatzkanzler der Nation Herr über die Staatskasse bleiben, denn das sichert ihm Einfluss, Macht und Autorität in einer künftigen Bundesregierung. Was aber, wenn ein möglicher Koalitionspartner – die FDP, die Grünen, die SPD – nach dem Finanzressort greift? Müsste Schäuble dann auf Merkels Geheiß ins Auswärtige Amt wechseln, ins Verteidigungsministerium, das Innen- oder das Wirtschaftsressort? Sich den Langzeitminister gar als einfachen Abgeordneten ohne klassisches Portfolio vorzustellen, fällt nicht nur dem Betroffenen schwer. „Ausgerechnet auf dem Zenit seines Ansehens“, unkt ein Beobachter, „könnte er ohne Amt dastehen.“

Angela Merkel weiß nicht nur, was sie an Schäuble hat, sondern auch, was sie riskieren würde, ließe sie ihn fallen. Der Parteifreund, so hat die Kanzlerin bei dessen Geburtstagsfest 2012 selbst eingeräumt, sei „manchmal nicht einfach zu erleben“. So liebenswürdig und loyal Schäuble sein kann, so herrisch und verletzend haben ihn auch schon viele seiner Mitstreiter erlebt. Merkel ihrerseits hat Helmut Kohl und dessen Nachfolger an der CDU-Spitze über den Spendenskandal stürzen lassen, sie hat verhindert, dass Schäuble Bundespräsident oder Regierender Bürgermeister in Berlin werden durfte. 2010 aber hielt die Bundeskanzlerin ihre Hand schützend über den Minister, als der Querschnittsgelähmte nach Kollaps und Operation wochenlang im Krankenbett lag.

Eigentlich ist und bleibt Schäuble unverzichtbar für Merkel, als ihr stärkstes Pfund am Kabinettstisch wie als Galionsfigur jener konservativ-bürgerlichen CDU, die sich von der Parteichefin seit Jahren nicht ausreichend vertreten sieht. Diese Traditionalisten halten nur so lange still, wie Leute wie Schäuble oder dessen Spezi Volker Kauder in vorderster Reihe sind. Sollte Merkel es wagen, Schäuble aufs Abstellgleis zu schieben, drohte ihr nicht nur ein Konflikt mit dem Mann im Rollstuhl, sondern gleich mit einem beträchtlichen Teil ihrer Partei.

So stellt sich für Schäuble wieder einmal die Frage nach seiner Zukunft in der Politik. Das ist beileibe nicht neu für den „fröhlichen Sisyphos“, wie ihn Freunde in einer früheren Festschrift charakterisiert haben. Seine Laufbahn ist geprägt von Erfolgen und Niederlagen, von Aufstieg und Fall, von Triumph und Demütigung. Schäuble war als Unterhändler des Einheitsvertrags neben Kohl der wichtigste Architekt der Wiedervereinigung. Wenige Tage nach dem nationalen Feiertag im Oktober 1990 wurde er in Oppenau Opfer eines geisteskranken Attentäters. Bewundernswert, wie er sich ins Leben zurückkämpfte und die Enttäuschung überwand, nicht Kohls Nachfolger im Kanzleramt zu werden.

Ohne Schäubles legendäre Rede vom 20. Juni 1991 im Bonner Wasserwerk wäre Berlin heute nicht Regierungssitz, und wer weiß, ob sich Kohl so lange an der Macht hätte halten können, wäre nicht Schäuble an seiner Seite gewesen. Und was wäre geschehen, wenn der leidenschaftliche Europäer seiner Kanzlerin in der Euro-Krise und im Schatten der Flüchtlingswelle nicht so treu beigestanden hätte? Es gab im Herbst 2015 ein paar maßgebliche Unionisten, die Merkel durch Schäuble ersetzen wollten. EU-Präsident Jean-Claude Juncker, auch er Festredner in Offenburg, hat einmal über Schäuble gesagt: „Was für ein Kanzler er doch geworden wäre!“

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16.09.2017, 06:00 Uhr
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