Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Auch Gescheiterte brauchen den Segen der Kirche

Der Tübinger Theologie-Professor Bernd-Jochen Hilberath zum Sakramenten-Ausschluss von

Die katholische Kirche muss Gescheiterten einen Neuanfang ermöglichen. Deshalb fordert der Tübinger Dogmatikprofessor Hilberath den Zugang von wiederverheiraten Geschiedenen zu den Sakramenten.

16.10.2013

Von RAIMUND WEIBLE

Herr Professor Hilberath, handelte die Erzdiözese Freiburg voreilig mit ihrer Handlungsanleitung für einen besseren Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen? Die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz stehen noch aus.

BERND-JOCHEN HILBERATH: Ich gehe davon aus, dass in Freiburg an der Handlungsanleitung schon gearbeitet worden ist, bevor die Bischofskonferenz eine Arbeitsgruppe eingerichtet hat und bevor bekannt wurde, dass sich die nächste Bischofssynode mit dem Thema beschäftigt. Die oberrheinischen Diözesen sind besonders daran interessiert, dass es vorangeht.

Erwarten Sie Positives von dieser Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz?

HILBERATH: Einerseits streben viele der deutschen Bischöfe eine Regelung an. Andererseits glaube ich: Nicht alle Bischöfe halten eine Wiederzulassung der geschiedenen Wiederverheirateten theologisch und kirchenrechtlich für möglich. Deshalb hoffe ich, dass diese Bischöfe, die eine Möglichkeit sehen, dann gegebenenfalls für ihre Diözesen eine Regelung in Kraft setzen.

Sind unter Papst Franziskus eher Reformen zu erwarten als unter Papst Benedikt?

HILBERATH: So wie Papst Franziskus sich äußert und auftritt und sagt, dass der Glaube vor der Moral kommt - das war ja ein starkes Wort -, ist zu erwarten, dass er in der Sorge um die Menschen Reformen, die vom Glauben her verantwortlich sind, auch entschieden einleitet.

Ist die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen theologisch und kirchenrechtlich vertretbar?

HILBERATH: Nicht nur die römisch-katholische Kirche, sondern auch andere Kirchen gehen von der Unauflösbarkeit der Ehe aus. Sie berufen sich auf ein Wort des Jesus von Nazaret, allerdings kennt das Neue Testament selbst schon Ausnahmen. Das heißt, dass es dogmatisch und seelsorgerlich die Aufgabe gibt, den Grundsatz von der Unauflöslichkeit der Ehe mit den Situationen des Scheiterns in eine verantwortliche Verbindung zu bringen. Man kann an dem Grundsatz festhalten. Aber Scheitern und wieder neu anfangen ist ebenfalls zentral in der Verkündigung und im Verhalten Jesu. Die Sorge darum, dass menschliches Leben vor Gott gelingt, ist wichtiger als die Sorge um die Reinheit kirchlicher Lehre.

Ist damit das Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe hinfällig?

HILBERATH: Jedes Dogma ist auch zeitbedingt. Die Umstände, unter denen heute Ehe und Familie gelebt wird, müssen bei einer zeitgemäßen Interpretation des Dogmas in Rechnung gestellt werden. Die Situation ist eine andere als vor Jahrhunderten.

Die von der Erzdiözese vorgelegte Handlungsanleitung sieht vor, dass Betroffene erst nach Gesprächen Zugang zu Sakramenten und Laienämtern erhalten. Ist das zumutbar?

HILBERATH: Meine erste Reaktion ist: Durch die diffizilen Regelungen wollen sich die Verfasser der Richtlinien zunächst selbst absichern, weil sie mit dem Vorwurf rechnen müssen, leichtfertig die Lehre der Kirche aufgeben zu wollen. Selbstverständlich ist es, dass Ehen in ihrem Scheitern seelsorgerlich begleitet werden. Aber auch die Mündigkeit der Christenmenschen muss berücksichtigt werden. Die Betroffenen selbst befinden sich ja im Prozess der Aufarbeitung und des Neubeginns. Ein überzogenes inquisitorisches Nachfragen ist unwürdig.

Seelsorger haben bereits Wege für die Betroffenen gefunden - ohne den Segen der Kirchenleitung. . .

HILBERATH: Um ihrer Glaubwürdigkeit willen sollte daher die Kirche auch offiziell erklären, dass eine differenzierte Seelsorge mit Menschen, die geschieden und wiederverheiratet sind, theologisch und kirchenrechtlich möglich ist. Kardinal Carlo Martini hat im letzten Interview vor seinem Tod betont, was in der Alten Kirche (der ersten Jahrhunderte) schon Überzeugung war, wie mein Kollege Seeliger unlängst nachgewiesen hat: Die Sakramente sind nicht Belohnung für ein christliches Leben, sondern Heilmittel auf dem Weg des Christseins.

Nach wie vor können geschiedene Katholiken in kirchlicher Anstellung, die wieder heiraten, entlassen werden. Was halten Sie davon?

HILBERATH: Wenn das Neue Testament uns zeigt, dass es beides gibt, die Unauflöslichkeit der Ehe und ein Neuanfang nach Scheitern, brauchen wir keine Furcht zu haben, dass beides auch in der Biographie von kirchlich engagierten Christen vorkommt. Geschiedene Wiederverheiratete sind dann nicht ein schlechtes Vorbild, wie manche befürchten, sondern geben ein Beispiel, wie man nach einem Scheitern aus dem Glauben heraus neu beginnen kann. Außerdem: Eine Entlassung aus dem kirchlichen Dienst entspricht nicht der neutestamentlichen Grundüberzeugung. Die Kirche ist in unserer Gesellschaft eine Institution, die Gescheiterte nicht ausschließt, da das Neuanfangen nach Scheitern in die Mitte des Evangeliums gehört. Wenn sich die Kirche daran hält, könnte sie in unserer Gesellschaft eine Vorbildfunktion einnehmen.

Bernd-Jochen Hilberath: Jedes Dogma ist zeitbedingt. Foto: Raimund Weible

Zum Artikel

Erstellt:
16. Oktober 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Oktober 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2013, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+