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Flüchtlingsbegleiter: Die eigene Welt wird größer

Der Tübinger Arbeitskreis Asyl Südstadt sucht neue Freiwillige

Die Flüchtlingsunterkunft in der Wilhelm-Keil-Straße hinter dem Tübinger Landratsamt zeigt, wie die Aufnahme von Flüchtlingen gelingen kann. Das liegt nicht an den bunten Wänden – sondern an der besonderen Arbeit der Ehrenamtlichen..

29.07.2017

Von Ulrike Pfeil

Wenn man sich kennt, lassen sich manche Probleme ganz einfach bei einem Gespräch auf der Treppe der Unterkunft regeln: Hier beantwortet Renate Schäfer (rechts) vom AK Asyl Südstadt eine Frage des Flüchtlings Milad Doshmanziari aus dem Iran. Bild: Metz

Sie wird überwiegend von Ehrenamtlichen aus dem ökumenischen Arbeitskreis (AK) Asyl Südstadt geleistet. Vertreter/innen von drei Kirchen (Sankt Michael, Evangelische Eberhardsgemeinde und Neuapostolische Kirche) engagieren sich gemeinsam für geflüchtete Menschen. Vierter im Bunde ist die Katholische Hochschulgemeinde. Die bunten Container werden auf lange Zeit hinaus immer wieder neu belegt werden. Dafür möchte der AK neue Interessierte gewinnen.

Wie ist das, auf Flüchtlinge zuzugehen und sich als Begleiter/in zur Verfügung zu stellen?

Bei Renate Schäfer fing es vor zwei Jahren mit der Begleitung von Familien zum Tafelladen oder zur Kleiderkammer an. Heute staunt sie selbst darüber, was sie seither geschafft hat: Sie hat mitgeholfen, die drohende Abschiebung einer schon gut integrierten iranischen Familie nach Frankreich abzuwenden. Sie hat gelernt, Fragen zu stellen, an Behörden, an Anwälte. „Es wächst mir zu“, sagt sie, obwohl ihr vor dem ersten Kontakt immer ein bisschen bang sei. Zur Zeit kümmert sie sich um sechs junge iranische Männer, die in der Unterkunft eine Wohngemeinschaft bilden.

Cordula Brand hat freundschaftliche Beziehungen zu einer syrischen Mutter mit vier Kindern aufgebaut. Derzeit konzentriert sich alles darauf, dass der Vater im Zuge einer Familienzusammenführung aus Syrien nachfolgen kann. „Diese Menschen brauchen viel Geduld“, sagt Brand. Sie hat noch gar nicht gewagt, nach den Fluchterlebnissen auf der Balkanroute zu fragen. Gerührt berichtet sie über die Zuwendung, die sie selbst von den Flüchtlingen bekommt: „Schon bald wurde ich zum Essen eingeladen, und ich dachte: Ach, ich werde richtig schön integriert!“

Aber sie kann sich auch über Integrationsschritte der syrischen Familie freuen: Vieles, wofür die Mutter anfangs ihre Hilfe brauchte, macht sie heute selbstständig, und mit den Deutschkenntnissen geht es voran.

Loslassen können, sich entbehrlich machen – das ist ein wichtiges Thema der Begleiter. Ursula Fritz hat sich eines spastisch gelähmten jungen Mannes aus dem Kosovo angenommen, der dort von seinem Vater weggesperrt und misshandelt worden war. Er kam mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Deutschland. Die Angehörigen sind inzwischen „freiwillig“ zurückgekehrt; für den behinderten jungen Mann im Rollstuhl konnte der AK mit Anwaltshilfe erwirken, dass die Abschiebung ausgesetzt wurde. Er wird hier von der Lebenshilfe betreut, kommt immer besser alleine zurecht, lernt Deutsch, hat Freunde gefunden. „Für junge Leute sind auch junge Leute wichtig“, sagt Ursula Fritz.

Sie hat sich nun verstärkt der albanischen Familie Kacorri zugewandt, deren lebhafte Kinder überall etwas zum Spielen finden. Mutter Vitore Kacorri hat ebenso wie ihr Mann in Tübingen einen Job gefunden, sie arbeitet als Aushilfe in einem Hotel. „Hilfe ist immer gut!“, sagt Vitore Kacorri, und ein dankbarer Blick zu ihrer Begleiterin drückt aus, was sie noch nicht in deutsche Worte fassen kann.

Es sind meist Frauen nach der Familienphase, manche noch berufstätig, andere schon in Rente, die sich im Asyl-AK engagieren. Aber auch Männer sind hoch willkommen. Eine der wenigen jungen Leute, die über die Willkommens-Euphorie 2015 hinaus dabeigeblieben sind, ist Emmi Ebinger. Die Tübinger Abiturientin meldete sich zum Sprachunterricht in der Kreissporthalle, die auf dem Höhepunkt des Flüchtlings-Zustroms als Not-Quartier belegt wurde. Jetzt kommt Ebinger in die Wilhelm-Keil-Straße, um mit Flüchtlingskindern zu spielen, „Fußball, Himmel und Hölle, Verstecken – die kriegen gar nicht genug davon.“

Studenten, so hat sie beobachtet, könnten nicht genug Kontinuität für die Arbeit mit Flüchtlingen aufbringen: Weil sie die Uni wechseln, ins Ausland gehen, in den Semesterferien jobben, weil das Studium sich in die Abendstunden hinzieht. Auch Emmi Ebinger plant zur Zeit einen Auslandsaufenthalt. Damit die Kinder nicht alleine bleiben, hat sie ihre Schwester für die Spielstunden eingefädelt.

Die Einbindung im Arbeitskreis, das betonen alle, ist eine große Stütze. Im Leitungsteam mit Diakon Bernward Hecke und der hauptamtlichen Koordinatorin Angela Baer haben sie verlässliche Ansprechpartner für Zweifel, Frust und Problemfälle. Über einen E-Mail-Pool werden Kinderwagen gesucht und Möbel verschenkt. Einmal im Monat tauschen sich die Ehrenamtlichen in Begleitertreffen aus; die Plenumsitzungen sind zugleich Fortbildungen in Asylrechtsfragen oder in Achtsamkeit. Auch Supervision wird angeboten.

Denn Enttäuschungen, Trauer und Missverständnisse gehören auch zu dieser Tätigkeit. Sei es, dass „das Zeitverständnis in anderen Kulturen eben ein anderes ist“, Verabredungen nicht eingehalten werden. Sei es, dass Abschiebungen nicht verhindert, Hoffnungen nicht erfüllt werden können. „Man muss dann den Leuten klar machen, dass sie keine Perspektive haben, und möchte doch mit ihnen heulen“, beschreibt Renate Schäfer diese „Zerrissenheit“.

Manchmal wird das Tun der Helfer auch durch Außenstehende in Frage gestellt. Etwa: Dass Flüchtlinge unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit bekämen. Solchen Äußerungen begegnet Ursula Fritz, indem sie von Einzelschicksalen berichtet. „Dann bekommt die Flüchtlingswelle ein Gesicht, und das Vorurteil schwindet.“

Ohnehin wären sie alle nicht mehr dabei, wenn die guten Erfahrungen die negativen nicht überwiegen würden. Als zwei syrische Brüder die ersten Schwimmabzeichen bestanden, war auch Emmi Ebinger stolz. Renate Schäfer erlebte so einen Moment der Belohnung, als sie einem jungen Mann ein Praktikum verschaffte und dafür dankbare Grüße von seiner Mutter und seiner Schwester aus dem Iran bestellt bekam. „Das war toll.“

Was alle berichten: Dass die eigene Welt, der Horizont größer wird, wenn man sich mit Hintergründen der Flucht, mit der Situation in den Herkunftsländern befasst. Dass sie ihr Leben in Frieden und Sicherheit bewusster zu schätzen wissen. Dass sie die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen als Bereicherung empfinden. Von „herzwärmender Mitmenschlichkeit“ spricht Cordula Brand. „Die Welt kann ich nicht verändern“, sagt Renate Schäfer. Aber hier, in einem kleinen Bereich, könne man doch etwas beitragen.

Was für Voraussetzungen muss man mitbringen für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit? „Neugier, Offenheit, Interesse an Menschen“, sagen die Frauen. Und dass man nicht zu viel von sich selbst erwarten soll. Auch kleine alltägliche Aufgaben sind wichtig: Kinder betreuen, wenn die Eltern im Sprachkurs sind, einen Flüchtling zur Beratung beim „Coffee to Stay“ begleiten, im Café-Team mithelfen, jungen Männern zeigen, wo das Fußball-Training ist, Nachhilfe. „Man tut halt, was man kann“, sagt Emmi Ebinger.

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Erstellt:
29. Juli 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juli 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2017, 01:00 Uhr

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