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Fernsehen

Der Todesbote

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff hat Friedrich Anis Kriminalroman „Der namenlose Tag“ verfilmt. Thomas Thieme glänzt in der Hauptrolle.

03.02.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Eine Mädchengestalt im schwarzen Mantel schaukelt unter einem Baum: am Seil, erhängt. Ein stummer Entsetzensschrei. Die Kamera blickt in den von Ästen verhangenen Himmel. Verzerrte Bilder, Raben kreischen. Dann kommt der Todesbote. Durch Wald und Wiesen geht er, eine Aktentasche in der Hand. Er klingelt an den Haustüren, in der Altstadt, in der Siedlung. „Mein Name ist Jakob Franck, ich bin Kriminalbeamter, ich muss ihnen eine traurige Nachricht überbringen . . .“

Jakob Franck, das ist eine Figur des Münchner Schriftstellers Friedrich Ani, den seine Kriminalromane über den Vermisstenfahnder Tabor Süden berühmt machten. Ani, 1959 im oberbayerischen Kochel am See geboren als Sohn eines syrischen Arztes und einer Schlesierin, schuf 2015 diesen grüblerischen, „gedankenfühligen“, geschiedenen und allein lebenden Kriminalkommissar Franck, der gerade pensioniert worden ist. „Der namenlose Tag“ erschien im Suhrkamp Verlag, der ersten literarischen Adresse im Land – für sein Franck-Buch erhielt Ani aber auch den Deutschen Krimipreis. Also nur keine falschen Schubladen: Es ist starke Literatur, die von Lüge, Schuld und Seelenunglück handelt.

Auch Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) hat die Qualität offenbar sofort begriffen, als ihm der Produzent Jenz Susa den Roman nach New York schickte – der Regisseur sagte schon 24 Stunden später begeistert zu. Für das ZDF ist es ein Coup, den 78-jährigen Altmeister des deutschen Kinos für einen Fernsehfilm gewonnen zu haben. Schlöndorff selbst schrieb das Drehbuch, so ist „Ein namenloser Tag“ ein prominent besetzter Autorenfilm. Der stolze Ani, der zunächst einen „inneren Erdrutsch“ bewältigen musste, nachdem er erfahren hatte, dass der große Schlöndorff seinen Roman verfilmen werde, lobt das Ergebnis: „ein Ereignis.“

Der Film ist wie der Roman ein Krimi ohne Schusswechsel und ohne Verfolgungsjagden, ohne dramatisches Tremolo. Er ist auch nicht spannend: eine ruhige, stille, langsame, fast aus der Zeit fallende TV-Erzählung. Es ist Kunst. Schlöndorff hat die Atmosphäre aufgehellt, denn Anis Roman ist eher im kleinbürgerlich dumpfen, novembergrauen Münchner Milieu verortet. Richtig, das fällt dem Leser sofort auf: Der Film spielt jetzt in Erfurt, der Domberg gehört zur prägenden Kulisse.

Herzen zerbrechen

Der Prolog ist Schlöndorff meisterlich gelungen: der Todesbote Jakob Franck auf seinen Missionen, immer wieder drückt er die Klingel. Einer Braut zerbricht das Leben, auch der fröhlichen Verkäuferin eines Reisebüros das Herz. Und Franck hört zu, ihn schickt die Mordkommission noch immer zu den Angehörigen. „Den Toten ist mein Status egal, ich habe mich beim Eintritt in den gehobenen Dienst für ihre Welt entschieden. Aus dieser Welt kehrt niemand unversehrt und traumlos zurück.“ Franck lassen die Toten nicht ruhen. Und ein bitterer Fall aus der Vergangenheit holt ihn ein.

Vor ein paar Jahren hatte er einer Frau die Nachricht vom Tod ihrer 17-jährigen Tochter Esther überbringen müssen. Stundenlang hatte er ihr beigestanden, wortlos, umarmend. Als Todesursache hatte die Polizei damals einen Selbstmord durch Erhängen ermittelt. Jetzt meldet sich der Vater, Ludwig Winther (Devid Striesow), bei Franck. Er glaubt, dass Esther ermordet wurde. Franck verspricht ihm, den Fall neu zu untersuchen, aus einem Schuldgefühl heraus: Esthers Mutter hat sich in der Verzweiflung selbst erhängt.

Ein weißbärtiger Thomas Thieme spielt den Jakob Franck grandios: leise, überlegt, ohne jeden Zynismus oder falschen Antrieb. Als zurückhaltenden Menschenfreund. So entsteht ein Psychogramm der Familie Winther. Eine wirkungsvolle Erfindung Schlöndorffs ist die doppelt besetzte, wunderbare Ursina Lardi als Esthers Mutter Doris sowie als Tante Inge. Rückblenden und Gegenwart verschmelzen im Angesicht der Zwillingsschwestern. Wer einen Fall lösen will, hat Jakob Franck gelernt, muss die Toten und ihre Familien befragen. Und auch sich selbst.

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03.02.2018, 06:00 Uhr
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