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„Der Tod hat seinen Schrecken verloren“
Nadia Murad bittet um Hilfe für 7000 Frauen und Mädchen, die im Irak vom IS verschleppt wurden. Foto: dpa
Die 21-jährige Jesidin Nadia Murad berichtet über ihre Zeit als Sklavin der Terrormiliz Islamischer Staat

„Der Tod hat seinen Schrecken verloren“

Im Irak haben tausende Frauen und Kinder Gräueltaten erlebt. Baden-Württemberg bietet ihnen Zuflucht. Eine Frau schildert ihr Martyrium und fordert Hilfe.

12.08.2016
  • JULIA GIERTZ, DPA

Stuttgart. Sie lebt von Stunde zu Stunde – in Tagen oder gar Jahren denkt sie nicht. Sie ist keine alte Frau, hat das Leben noch vor sich. Doch Nadia Murad kann es nicht planen wie andere 21-Jährige. Was die junge Irakerin erlebt hat, lässt sie nicht los. Sie konnte sich aus der IS-Gefangenschaft befreien. Sie und ihre ältere Schwester gehören zu den 1100 traumatisierten Frauen und Kindern, die das Land Baden-Württemberg in Sicherheit gebracht hat.

Anstatt sich um die eigene Zukunft zu kümmern, hat Nadia Murad den Kampf gegen den IS-Terror aufgenommen. „Ich will Zeugnis darüber ablegen, was im Irak passiert und welche Verbrechen der IS begeht.“ Die junge Frau bittet als Menschenrechtsaktivistin um Hilfe für die noch mehr als 3000 verschleppten Leidensgenossinnen. Im Dezember sprach sie vor dem UN-Sicherheitsrat. Sie ist für den Friedensnobelpreis 2016 nominiert.

Nadia Murad hat nur eines im Kopf: „Ich bin zufrieden, wenn ich Leben retten kann und wenn es nur eines ist, und ich möchte das Leid in den Flüchtlingscamps lindern.“ Der Leiter der Projektgruppe Sonderkontingent Nordirak im Stuttgarter Staatsministerium, Michael Blume, sagt: „Mit Menschenrechtsarbeit verarbeitet sie ihre Traumata.“ Der medizinisch-therapeutische Leiter des Hilfsprogramms, Jan Ilhan Kizilhan, fürchtet, dass die zierliche Jesidin sich überfordert. „Sie muss auf sich aufpassen.“

Ihr Schicksal teilt Nadia Murad mit 7000 anderen Frauen und Mädchen die im Nordirak verschleppt wurden. Ihr Martyrium mit zahlreichen Vergewaltigungen begann auf einem Sklavenmarkt in der Millionenstadt Mossul. „Dort wurde ich verkauft. Blonde, blauäugige und hellhäutige Mädchen waren besonders gefragt“, erzählt sie mit monotoner Stimme und ohne äußerliche Gefühlsregung. Sie wirkt wie betäubt, so als ob sie den Schmerz ausgeschaltet habe.

Wie kann eine junge Frau wie sie so furchtlos auftreten und riskieren, erneut ein Opfer des IS zu werden? „Die Angst ist bei jedem da“, sagt Nadia Murad und fügt hinzu: „Aber sie hilft nicht weiter.“ Der Tod habe seinen Schrecken verloren. „Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten.“

Alpträume, Konzentrations- sowie Ein- und Durchschlafstörungen, Ängste, wiederkehrende schlimme Erinnerungen nennt Jan Ilhan Kizilhan als häufigste Symptome, die bei den Frauen und Kindern auftreten. Auch ein normales Verhältnis zur Sexualität fehle insbesondere den jungen Frauen, weil der erste Sexualkontakt mit ihren Peinigern erfolgte. „Unser Vertrauen in Männer ist grundsätzlich zerstört“, erzählt eine Leidensgenossin.

Die junge Frau kam an einen Mann, der sie später weiterverkaufte. Diesem entkam sie beim Kauf einer Burka. „Ich bin herumgeirrt und einer muslimischen Familie begegnet, vor der ich zunächst große Angst hatte.“ Doch die Familie habe sie überzeugt, dass sie die Islamisten genauso hasst wie sie selbst und ihr helfen wollte. Sie erhielt falsche Papiere und kam unter einer Burka unbehelligt ins kurdische Grenzgebiet, wo sie nach ihrer dreimonatigen Versklavung in einem Camp nahe Dohuk Unterschlupf fand.

Dort hörte sie im März 2015 von dem baden-württembergischen Programm und meldete sich und ihre Schwester an. „Wir hatten ja nichts und niemanden mehr.“ Ihre Mutter und sechs Brüder waren bei dem IS-Überfall umgebracht worden.

Nadia Murad ist eine der wenigen Frauen, die über ihre Qualen sprechen. „Bei orthodoxen Jesiden galt eine Frau als beschmutzt, wenn sie mit einem Nicht-Jesiden Geschlechtsverkehr hatte“, erläutert Religionswissenschaftler Blume. „Diese Ansicht machten sich die Islamisten zunutze und sagten den geschändeten Jesidinnen, dass sie ja gar nicht mehr in ihre Familie zurückkehren könnten.“ Inzwischen habe der religiöse Führer Baba Sheikh diese alte Lehre verworfen und die Frauen und Kinder des Sonderkontingents vor deren Abreise als Schwestern und Töchter gesegnet.

Der Hass der extremistischen Sunniten auf die Jesiden ist groß. „Er rührt daher, dass sie diese für Abtrünnige und Teufelsanbeter halten“, erläutert der Religionsexperte. Den Fanatismus bekam auch Nadia Murad zu spüren. Sie wurde vor ihrem Verkauf zwangsislamisiert. „Wir mussten ein Bekenntnis ablegen vor einer Art Gericht, indem wir Verse aus dem Koran vorlesen und den Namen Allahs und Mohammeds nennen mussten.“ Damit wurde sie aus Sicht ihrer Peiniger eine vollwertige Muslima. Die Frauen wurden gezwungen, zu konvertieren. Den Männern blieb die Wahl zwischen Enthauptung und Übertritt zum Islam. „Wir haben gefragt, warum macht ihr das mit uns?“, erinnert sich Nadia Murad. „Wir bekamen gesagt: Weil ihr nichts anderes verdient und das Gottes Wille ist.“

Jesiden werden in ihre Glaubensgemeinschaft hineingeboren. Nach Worten Kizilhans sind in den letzten 800 Jahren 1,8 Millionen Jesiden zwangsislamisiert und 1,2 Millionen Anhänger dieses Glaubens getötet worden. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht vom Genozid an den Jesiden. „Solchen ganz schwer traumatisierten Menschen zu helfen, ist ein Gebot der Humanität und der Nächstenliebe“, begründet er die Hilfsaktion. Das Land hat für das auf drei Jahre angelegte Programm 95 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt. Damit steht der deutsche Südwesten bislang weltweit alleine da.

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12.08.2016, 06:00 Uhr
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