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Früher im Besitz des Klosters Bebenhausen

Der Sportwagenbauer Porsche prägt Zuffenhausen wie kaum etwas anderes

Zuffenhausen und Porsche sind eins. Doch der Bezirk kennt noch andere Geschichten. Etwa die von Max Horkheimer und der Sekretärin seines Vaters.

13.08.2016
  • TILMAN BAUR

Stuttgart. „Zuffenhäuser“, nicht „Zuffenhausener“ heißen die Bewohner des Stadtteils im Stuttgarter Norden. Wer das nicht weiß, darf davon ausgehen, dass ihn Einwohner freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen. Werner Rees weiß das. Seit 53 Jahren wohnt der gebürtige Schramberger hier. „Ich bin ein ,Neigschmeckter‘“, sagt er trotzdem noch von sich. Als er Anfang der 1960er Jahre nach Zuffenhausen kam, wollte er mehr über seine neue Heimat wissen. „Zuffenhausen – Stadtteil ohne Gesicht?“, hieß eine Vortragsreihe, die ihn damals inspirierte, mehr zu erfahren. Vor 15 Jahren gründete er dann selbst den achtköpfigen „heimatgeschichtlichen Arbeitskreis“. Über jede Nische, jedes Gartenhäuschen des Bezirks kennt er heute eine Anekdote.

So etwa über die Bundesstraße 14, die vor dem 1951 eingeweihten Bezirksrathaus verläuft. Herzog Karl Eugen ließ hier ab 1718 die erste befestigte Landstraße Württembergs errichten. Für Zuffenhausen eine gute Sache, denn in der zur Umspannstation auserkorenen Ortschaft wechselten die Kutscher ihre Pferde, machten Rast – und die Wirtsleute damit Umsatz. Ob „Krone“, „Sonne“ oder „Ochsen“: Rund um das Rathaus sprossen Wirtshäuser aus der Erde. Manche, wie etwa der „Hirsch“, sind heute noch in Betrieb.

Auch die erste „Radarfalle“ des Königreichs Württemberg schnappte Anfang des vergangenen Jahrhunderts vor dem Rathaus zu. Sie bestand aus zwei Schutzmännern, die die Hand hoben und laut „Halt!“ riefen. Anwohner hatten sich über das Tempo beschwert, mit der die Automobilisten mit Spitzenwerten von bis zu 15 Stundenkilometern durch die Ortschaft „rasten“. „Die Höchstgeschwindigkeit wurde dann wieder auf zwölf Stundenkilometer herabgesetzt“, erzählt Rees.

Den Altstadtkern der Ortschaft nennen Einwohner den „Flecken“. Dort befinden sich die Johanneskirche aus dem 13. Jahrhundert, das alte Pfarrhaus und das „Alte Schulhaus“, wo im Jahr 1754 Gottfried Elben zur Welt kam. Er gründete mit dem „Schwäbischen Merkur“ die erste Württembergische Tageszeitung. In der restaurierten „Zehntscheuer“ von 1569 mit ihrem imposanten Fachwerk tagt heute der Bezirksbeirat. Eine Kopie der Schriftrolle aus dem Jahr 1204, die Zuffenhausen erstmals erwähnt, hängt im verwinkelten Obergeschoss.

Fernab der mittelalterlichen Gemäuer zeigt der Bezirk einige Kilometer westwärts ein anderes Gesicht. In der Schwieberdinger Straße prägen Autos, Industrie und Gewerbe das Bild. Mittendrin steht ein imposantes, denkmalgeschütztes Backsteinhaus. Der Industrielle Moses Horkheimer verwaltete von hier aus seine Textilfabrik. „Der war aber kein Zuffenhäuser“, sagt Werner Rees, „sondern ein Stuageter.“ In Zuffenhausen aber errichtete er – wie viele andere jüdische Industrielle – seine Fabrik, die „Lumpenfabrik“, wie die Bewohner sie nannten. Denn der beliebte, sozial engagierte Arbeitgeber Horkheimer ließ dort Lumpen zu Kleidern verarbeiten, lieferte außerdem das Verbundmaterial für Soldaten im Ersten Weltkrieg. Das missfiel seinem Sohn Max, der als Nachfolger im väterlichen Betrieb vorgesehen war. Doch der „poussierte“ lieber mit der Sekretärin, weiß Werner Rees. So war für Max alsbald kein Platz mehr in der Fabrik.

Karriere machte Max dennoch. Er ging nach Frankfurt, wurde Philosoph und erlangte an der Seite von Theodor W. Adorno als Mitbegründer der „Frankfurter Schule“ Weltberühmtheit. Moses Horkheimers Textilfabrik wurde indes in der Nazizeit stillgelegt, der Industrielle floh ins Schweizer Exil.

Nur zwei Busstationen weiter beginnt „Porschetown“, wie Werner Rees das Gebiet nennt. Wie kaum etwas anderes verbindet man den Bezirk mit dem Autohersteller. Das sei Fluch und Segen, sagt der Heimathistoriker: „Die Leute mögen Porsche als Arbeitgeber, aber die Mitarbeiter fahren alle mit dem Auto in den Ort“, sagt er. Das sähen die Bürger nicht gern. 1938 zog Porsche aus der Stuttgarter Innenstadt nach Zuffenhausen. Rees deutet auf ein Backsteingebäude, das sich neben den gigantischen Anlagen rundherum fast bescheiden ausnimmt. „Das war der erste Bau am Platz“, sagt er. Finanziert wurde er durch das Nazi-Programm „Kraft durch Freude“. Die Plakette, die darauf einmal hinwies, habe man aber lautlos entfernt. In einem gebe es jedenfalls kein Vertun: „Porsche und Zuffenhausen sind eins.“

Vom Pfarrdorf zur Porschestadt

Abgrenzung Zuffenhausen ist nach Bad Cannstatt und Vaihingen der drittgrößte äußere Stadtbezirk Stuttgarts. Er grenzt im Norden an Stammheim, im Osten an Mühlhausen, im Westen an Weilimdorf, im Süden an Feuerbach, Bad Cannstatt und Münster. 1200 Hektar misst der Bezirk, 38 086 Einwohner hat er (Stand: Januar 2016). Das Durchschnittsalter beträgt 41 Jahre.

Geschichte Zuffenhausen wurde erstmals im Jahr 1204 als Bauerndorf im Besitz des Klosters Bebenhausen bei Tübingen urkundlich erwähnt. Im Jahr 1907 erhoben es die Behörden vom Pfarrdorf zur Stadt. Seit 1931 gehört der Bezirk zur Stadt Stuttgart. Auch die Stadtteile Zazenhausen, Neuwirtshaus und Rot sind Teil des Bezirks. Letzterer entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Siedlung für Heimatvertriebene aus dem Osten.⇥tjb

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13.08.2016, 06:00 Uhr
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