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30 Jahre "Lindenstraße" in der ARD - Ein Mikrokosmos mit treuem Stammpublikum

Der Sonntagabend-Dauerläufer

10 Jahre, 20 Jahre, 25 Jahre, 1000 Folgen, 1500 Folgen. . . - gefühlt feiert die "Lindenstraße" dauernd irgendein Jubiläum. So ist es nun mal, wenn etwas relativ alt wird. Und 30 Jahre sind im Fernsehen viel.

04.12.2015
  • GUDRUN SOKOL

Köln. Mehr "Lindenstraße" gab s nie im deutschen TV. Von keiner anderen Vorabendserie war je so viel zu haben. Seit 30 Jahren sonntagabends die aktuelle Ausgabe im Ersten. Dazu montags bis freitags, samstagabends und sonntagnachmittags alte Folgen auf Eins Festival. Und jetzt, Richtung Jubiläum, ganze "Lindenstraße"-Nächte, DVD-Boxen in Hülle und Fülle, bergeweise Bücher und alle Jahre wieder "Lindenstraße"-Kalender.

Zwischen zweieinhalb und drei Millionen Zuschauer lockt die Serie Sonntag für Sonntag vor die Bildschirme. Gemessen an den Top-Quoten in den 80ern (bis zu 15 Millionen) nicht arg viel. Doch auf Dauer und in Anbetracht der privaten Konkurrenz eben deutlich mehr als jede andere öffentlich-rechtliche "Weekly Soap".

Den Erfolg der "Lindenstraße" versuchen Medienwissenschaftler seit den Anfangsjahren zu ergründen. 150 wissenschaftliche Arbeiten über die Serie hat die "Hörzu" gezählt. Auf einen einfachen Nenner gebracht kommen die Fachleute zu folgenden Erkenntnissen: Es sind die vielen "kleinen Leute", die sich in den Charakteren wiederfinden. Fast alle Bewohner der "Lindenstraße" sind familiär eng verbunden. Fast alle gehen irgendeiner Arbeit nach, scheinen fast immer gut damit und davon leben zu können und konzentrieren sich eher auf ihre Freizeit.

Das Erzählmuster ist einfach; jede Folge ist nach dem schlichten Drei-Erzählstränge-Prinzip aufgebaut, also drei Geschichten, die abwechselnd erzählt und wie ein Zopf ineinander geflochten werden. Der dramatisch inszenierte unheilverkündende Cliffhanger am Ende jeder Folge versucht die Spannung über die Woche zu halten. Nur nach tatsächlichen Todesfällen von Darstellern (bisher 19) oder inszenierten (bisher 46, den 47. gibt s am Sonntag) fällt der Cliffhanger weg sowie traditionell an Weihnachten und Silvester. Dann treffen sich alle zum Walzertanzen auf der Straße - und zwar immer an der selben Stelle. Alles hat in diesem Mikrokosmos seinen festen Platz: hier der Supermarkt, dort der Grieche, drüben der Bäcker, der Friseursalon gleich neben dem Café George. Fast alle Fassaden an der gerade mal 150 Meter langen Straße in Köln-Bocklemünd sind aus einfachen Sperrholzplatten und Kanthölzern errichtet; nur die Arztvilla und das Mehrfamilienhaus Nummer 3 sind gemauert.

Hier spielt sich die Serie hauptsächlich ab - und zwar vor allem in der Wohnung der Familie Beimer. Helga und Hans Beimer (Marie-Luise Marjan und Joachim Luger) sowie Seriensohn Klausi (Moritz Sachs) gehören zu den elf Schauspielern, die seit dem ersten Jahr dabei sind. Ihrem Arbeitgeber - dem Produzenten und Regisseur Hans Geißendörfer (74) beziehungsweise seit diesem Jahr dessen Tochter Hana (sie war beim Start der Serie gerade mal ein Jahr alt) - werden sie wohl bis zum Ruhestand treu bleiben. Wer 30 Jahre lang sein Gesicht für eine einzige TV-Rolle hergibt, kommt kaum irgendwo anders rein.

"Klausi"-Darsteller Sachs (37) jedenfalls, dem die Nation beim Erwachsenwerden zugucken konnte, hat für die RTL-Show "Let s Dance" erfolglos das Tanzbein geschwungen. Die schöne Mary (Liz Baffoe) wollte vergangenes Jahr nicht recht ins "Promi-Big-Brother"-Haus von Sat 1 passen. Und "Iffi"-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum hat sich zuletzt im RTL-Dschungelcamp reichlich blamiert.

Wer in der "Lindenstraße" mitspielt, muss Spott und Anfeindungen aushalten können. Das rührt auch daher, dass viele Zuschauer die Serienfigur schlecht von der realen Person trennen können. Ludwig Haas etwa, der den seit 26 Jahren im Rollstuhl sitzenden Dr. Ludwig Dressler spielt, bekommt auf der Straße noch heute oft vorgehalten, das er ja laufen kann.

Immerhin haben die Zuschauer gelernt, dass es keinen Sinn hat, sich beim WDR zu bewerben, wenn in der "Lindenstraße" mal wieder eine Wohnung oder ein Job frei wird. Dies sei in den Anfangsjahren häufiger vorgekommen, hat Schauspieler Moritz Sachs der "Frankfurter Rundschau" bestätigt.

Die Schuld an dieser Form der Realitätsverwechslung muss sich Geißendörfer auch selbst zuschreiben. Schließlich wird der "Vater" der wöchentlichen Seifenoper nicht müde, die "Lindenstraße" als Spiegel der bundesdeutschen Gesellschaft mit all ihren real existierenden sozialen und politischen Problemen darstellen zu wollen.

Auch wenn die Endlosserie inzwischen sämtliche Themen und Tabubrüche von Ausländerhass, Adoption und Aids über Sterbehilfe, Spielsucht und Schwulenküsse, Vatermord und Veganismus bis hin zu Züchtigung und Zölibat abgearbeitet hat und kaum noch provoziert: Die Realität abbilden - das kann sie nicht. Diesen überhöhten Anspruch hartnäckig zu formulieren - das sollten die Macher auch endlich bleiben lassen. Die "Lindenstraße" ist schlicht und einfach nur nette Sonntagabend-Unterhaltung.

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04.12.2015, 08:30 Uhr
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