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Stimmen bei Spätaussiedlern gesammelt: Bernd Grimmer holt Direktmandat für die "Alternative für Deutschland"

Der Sieger aus Pforzheimer Halbhöhenlage

Bernd Grimmer hat seine Erwartungen übertroffen. Mit 24,2 Prozent sicherte sich der AfD-Sprecher das Direktmandat in Pforzheim. Schon bei der Europawahl war die Stadt mit 13,9 Prozent AfD-Hochburg.

15.03.2016
  • HANS GEORG FRANK

Die beiden jungen Mütter haben ihre Babys im Wickeltuch vor die Brust gepackt. Neugierig blicken sie zu dem Fremden, der auf dem nur für Anlieger freien Oberen Wingertweg stoppt. Eine Frau fasst allen Mut zusammen und fragt: "Sind Sie von der AfD?" Als sich der Reporter zu erkennen gibt, folgt ein Seufzer, der als Erleichterung gedeutet werden kann. Denn, sagen sie, "das Wahlergebnis ist fürchterlich".

Bernd Grimmer (65) der hier auf Pforzheims Halbhöhenlage wohnt, lässt die Abneigung offenbar kalt. Er hat im Wahlkreis 42 das beste AfD-Ergebnis errungen. Seine 24,2 Prozent sicherten ihm nicht nur ein Direktmandat im Landtag, er schnitt auch besser ab als sein Parteifreund Rüdiger Klos, der in Mannheim I mit 23 Prozent den bisherigen SPD-Platzhirschen deklassierte.

Wenn Grimmer, pensionierter Volkswirt, aus einem der vielen Fenster schaut, sieht er sein Territorium vor sich. Halbrechts steht das Rathaus, dort grämt sich Oberbürgermeister Gert Hager (SPD) über das gute Abschneiden der AfD. "Das war kein guter Tag für Pforzheim", sagt er über den 13. März 2016. Der Stadtchef (53) glaubt zu wissen, wie die AfD den Aufstieg zur stärksten politischen Kraft schaffte: "Den etablierten Parteien ist es nicht gelungen, die Parolen der AfD zu entzaubern." Besonders hohe Ergebnisse hätten sie in den Wahlbezirken erzielt, "in denen vor allem Bürgerinnen und Bürger mit russischen Wurzeln leben". Für Hager steht deshalb fest: "Es muss jetzt endlich eine inhaltliche Auseinandersetzung aller Demokraten mit den Rechtspopulisten erfolgen."

Bernd Grimmer, der Triumphator, ist im Rathaus gut bekannt. Seit 2013 sitzt er für die AfD im Gemeinderat. Einem seiner Gefolgsleute rechnet er ein wesentliches Verdienst am Wahlsieg zu. Waldemar Birkle, Nachrücker im Rat, stammt aus Kasachstan. Er habe sehr gute Verbindungen zu den Spätaussiedlern, sagt Grimmer. Diese Bevölkerungsgruppe hat sich hauptsächlich in den Stadtteilen Buckenberg und Haidach niedergelassen. In dem Wahlbezirk haben 43,2 Prozent ihr Kreuz bei der AfD gemacht. "Ich bin darüber selber negativ überrascht", sagt Lidia Butsch. Sie ist vor 59 Jahren in Sibirien geboren. Das Wahlverhalten der Russlanddeutschen kann sich die CDU-Sympathisantin nicht erklären: "Sie haben sich wohl nicht überlegt, dass die Wahl nicht nur für ein Jahr gilt."

In dieses Horn stößt auch Jörg Augenstein (69), Vorsitzender des 300 Mitglieder starken "Bürgervereins". Er geht von einem Denkzettel aus, bei dem nicht beachtet worden sei, dass der fünf Jahre lang gelte. Dass jemand das AfD-Programm gelesen hat, glaubt er nicht. Eher seien die Leute mobilisiert worden durch die Proteste nach der angeblichen Vergewaltigung eines Mädchens in Berlin: "Da ist viel hochgekocht."

Vor dem Einkaufszentrum in Haidach outet sich niemand als AfD-Wähler. Desinteresse und Sprachprobleme ("ya ne govoryu po nemetski") verhindern ein Gespräch. Eine Mutter ohne Migrationshintergrund fährt mit einem Audi Q 7 vor. Sie wundert sich nicht über die Wahl: "Das ist schockierend, aber die Politiker hören den Leuten ja nicht mehr zu." Am schlimmsten sei, "dass es einfach keinen Plan gibt für die Flüchtlinge".

Seit Sonntagabend versuchen Experten den Grund für den AfD-Triumph in Pforzheim zu ergründen. Die Stadt mit 118 000 Einwohnern war bereits bei der Europawahl mit 13,9 Prozent AfD-Hochburg. Liegt es am rekordverdächtig hohen Migrantenanteil von 49 Prozent? Oder an der Arbeitslosenquote von 7,7 Prozent? Ist die hohe Verschuldung der einstigen "Goldstadt" und der damit verbundene Verlust an Attraktivität mit schuld? Bernd Grimmer hält nichts von dieser Kaffeesatzleserei. Im Enzkreis habe die AfD 19,2 Prozent geholt, "und das ist ein reicher Kreis, den Leuten geht es gut".

Grimmer gibt sich seriös, wie man bürgerlicher nicht sein kann. Dabei war er ein Wegbereiter der Grünen, mit Kretschmann ging er einst im Gleichschritt. Heute seien sie Antipoden. Auch bei den Freien Wählern war zeitweise seine politische Heimat. Doch erst mit der AfD begann sein Höhenflug. Und der hat seine kühnsten Erwartungen übertroffen. Vier Punkte über dem Landeswert hatte er sich ausgerechnet. Es wurden neun Prozent mehr. Einen Imageschaden für Pforzheim vermag er nicht zu erkennen: "Die anderen müssen uns nur nicht als rechtsradikal verunglimpfen."

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15.03.2016, 08:30 Uhr
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