Einrichtung

Der Schreibtisch als Auslaufmodell

Das Büro der Zukunft soll flexibles, kreatives und digitales Arbeiten ermöglichen. Dazu braucht es laut Experten keinen eigenen Arbeitsplatz mehr, aber ein Wohnzimmer-Feeling.

25.07.2020

Von Caroline Strang

Eine Besprechung in Wohnzimmeratmosphäre. Foto: Teambank

Besprechungen werden hier auch gerne mal zum gemeinsamen Schaukeln genutzt. Manche Räume erinnern mehr an ein stylisches Wohnzimmer als an Büros. Und in der Safari-Lounge prangt nicht nur das Bild eines stolzen Löwen an der Wand, es wuchern auch überall Pflanzen. Mittendrin sitzen Mitarbeiter mit ihren Laptops oder Teams, die sich austauschen.

„Arbeitswelten“ nennt die Nürnberger „TeamBank“ die Bereiche in ihrer Unternehmenszentrale. Die Räumlichkeiten bieten Arbeitsplatzvarianten, die durch die offene, transparente Ausgestaltung auch den Austausch untereinander erleichtern, erklärt Pressesprecher Marc-Olivier Weber. Das Gebäude wurde Ende bereits 2014 eingeweiht. Es war seiner Zeit voraus. Denn: „Unsere Unternehmenszentrale ist auf das hybride Arbeiten ausgelegt. Viele Beschäftigte nutzen schon länger die Möglichkeit der alternierenden Telearbeit oder des mobilen Arbeitens“ – ein Zukunftsthema, das die Corona-Krise ins Bewusstsein gerückt hat.

„Bei vielen Menschen waren die Grenzen im Kopf. Die hat die Corona-Krise nun abgerissen. Diese Krise hat gezeigt, was alles möglich ist“, sagt Sandra Breuer. Sie ist Geschäftsführende Gesellschafterin der Combine Consulting GmbH und gilt auch aufgrund ihrer Vorträge als Vordenkerin beim Thema „Zukunft der Büroarbeit.“

„Wir haben plötzlich anders gearbeitet, was für die meisten von uns vorher undenkbar war.“ Viele Angestellten arbeiteten von Zuhause aus, Besprechungen liefen über Video-Konferenzen, vieles funktionierte digital, was vorher die unbedingte Anwesenheit erforderte. Für Breuer ist das vor allem die Beschleunigung einer Entwicklung in Richtung Digitalisierung, die sich auf die Form und Einrichtung der Büros auswirken wird.

Wohlgefühl und Produktivität in der Safari Lounge. Foto: Teambank

Das sieht auch Steffen Szeidl, Vorstand des auf Bau und Immobilien spezialisierten Beratungsunternehmens Drees & Sommer so: „Corona hat, was das Arbeiten von zu Hause aus angeht, Unternehmen in einer Art Arbeitsplatz-Zwangsexperiment im Schnelldurchlauf zu einem radikalen Kurswechsel gezwungen und mehr als nur einen Vorgeschmack auf die Anforderungen der Zukunft gegeben.“

Wenn Breuer von flexiblen Arbeitswelten erzählt, spricht sie aus Erfahrung. Seit zehn Jahren hat sie keinen eigenen Schreibtisch mehr. „Für mich ist da der Arbeitsplatz, wo ich gerade bin und meinen Laptop aufklappen kann – in der Bahn, im Café, in der Hotellobby, Zuhause oder auch im Büro. Dort habe ich allerdings keinen eigenen Schreibtisch, da finde ich den Ort, der gerade passt für meine Aufgabe und Stimmung.“

Keine Pflicht zum Aufenthalt

In Zukunft geht es nach ihren Worten vor allem um Wahlmöglichkeiten. „Es ist gut, wenn wir unterschiedliche Orte für unterschiedliche Tätigkeiten haben wie konzentriertes Arbeiten für sich, Kommunikation im Team, in kleinen oder großen Gruppen, mal laut, mal leise, mit digitalen oder analogen Hilfsmitteln.“ Der eine Schreibtisch, der alles konnte, habe ausgedient.

Szeidl betont, dass es auch 2030 noch das Büro als Arbeitsort geben werde. Aber seine Funktion verändere sich. „Weg vom alleinig möglichen Arbeitsplatz mit Pflichtaufenthalt wird es zum Ort des persönlichen Kontakts, der menschlichen Nähe und zum Netzwerk-Treffpunkt des Austauschs der Mitarbeitenden untereinander, mit Geschäftspartnern und Kunden.“

Kommen alle Mitarbeiter mit Veränderungen wie einem geteilten Arbeitsplatz zurecht? Breuer ist optimistisch. Aber es brauche Vorbereitung. „Die Angst ist, dass wer mir meinen Schreibtisch nimmt, mir vielleicht auch meinen Arbeitsplatz nimmt.“ Über Büros werde traditionell Macht und Hierarchie ausgedrückt. Wie man das ersetzt, sei eine Frage der Unternehmenskultur.

Kreativität soll vor der Bilderwand gefördert werden. Foto: Teambank

Von ausladenden extrem effizienten Großraumbüros ist Breuer nicht überzeugt. „Die funktionieren nur für sehr gleichförmige Routinetätigkeiten. Wenn der eine Stillarbeit hat und der andere andauernd telefoniert, werden die nie Freunde.“

Wichtig seien Erholungszonen, in denen sich die Menschen bewegen können. Pflanzen, Licht und Farben haben großen Einfluss auf die Mitarbeiter. „Ich habe nie verstanden, warum der Ort, in dem ich die meiste meiner wachen Zeit verbringe, so anders aussehen muss, so uninspiriert. Warum darf es zu Hause schön sein und in der Arbeit nicht?“ Man brauche auch im Büro eine Art „Lagerfeuercharakter“.

Die Frage sei: „Wie schaffe ich den sozialen Kitt gerade wenn Mitarbeiter auch im Homeoffice arbeiten?“ Denn es gehe darum, Identität zu stiften im Kampf um Talente. Szeidl rechnet vor: „Schätzungen zufolge werden bis 2030 etwa 6 bis 8 Millionen Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen. Worauf die Millenials Studien zufolge besonders achten, ist die Wertschätzung und Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit, eine gute und kollegiale Atmosphäre, Umweltfreundlichkeit sowie eine ausgeglichene Work-Life Balance.“ Im Interesse jedes Unternehmens müsse daher sein, sich frühzeitig und bestmöglich auf die Ansprüche einzustellen.

Die Ansprüche haben sich in den vergangenen Monaten verändert. „In die zunächst verwaisten Gebäude haben mittlerweile umfangreiche Schutzmaßnahmen Einzug gehalten. Absperrungen, Markierungen, Zugangsregeln und Trennwände prägen das Bild“, sagt Szeidl. Einige dieser Regeln werden seiner Meinung nach auch nach Corona erhalten bleiben: Durch das steigende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung werde eine gesunde Umgebung auch im Arbeitsalltag wichtiger werden.

Arbeitsplätze per App buchen

Zukünftig sollen Arbeitsplätze verstärkt geteilt werden. Die Organisation dafür könnten Apps übernehmen. Eine App zeigt an, wo es freie Arbeitsplätze gibt und welche Ausstattung dazugehört. „Überall und zu jeder Zeit lässt sich so der passende Arbeitsplatz ganz bequem auswählen und reservieren“, sagt Drees & Sommer-Vorstand Steffen Szeidl. Dort angekommen, könnten die Mitarbeiter per Smartphone einchecken. Für die Dauer des Aufenthalts lasse sich in manchen Apps ein Parkplatz mitbuchen und trotz Desksharing merke sich die App die bevorzugten Einstellungen des einzelnen Nutzers. „Wie gewünscht steht der Schreibtisch also am Fenster, ist ergonomisch eingestellt und die technische Ausstattung steht bereit.“

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Erstellt:
25. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2020, 06:00 Uhr

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