Anthroposophie

Interview: „Der Riss geht mitten durch die Waldorfschulen“

Wird Corona zum Stresstest der Anthroposophie? Der Religionsexperte Michael Blume über skeptische Schwaben, Impfkritik und Verschwörungsglauben.

27.10.2020

Von ROLAND MÜLLER

Teilnehmer der „Querdenken“-Demo in Konstanz: Kritik an Obrigkeit hat bei Schwaben Tradition. Foto: Felix Kästle/dpa

Stuttgart. Querdenker“, Impfgegner und Verschwörungsgläubige scheinen in der Corona-Krise im Südwesten besonders viel Resonanz zu finden. Der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume sieht darin auch Bezüge zur Anthroposophie.

Die Bewegung der „Querdenker“ ist stark baden-württembergisch geprägt. Zeigt sich da ein typisch schwäbischer Hang zur Renitenz?

Michael Blume: Wir haben tatsächlich in Süddeutschland eine lange Tradition der Skepsis gegenüber Preußen und Berlin. Zudem sind hier auch geistige Traditionen wie der Pietismus oder die Anthroposophie stark, die selbst Wahrheitsansprüche formulieren und auch obrigkeitskritisch waren und teils noch sind. Das macht Süddeutschland auf der einen Seite sehr dynamisch – aber auch widerständig .

Bei Demos trifft sich eine politische „Querfront“ von der AfD bis ins links-esoterische Milieu. Was ist der Kitt, der all das zusammenhält?

Es sind die Verschwörungsmythen. In Epidemien kommt es häufig vor, dass Menschen einfach negieren, dass da ein unsichtbarer Erreger grassiert – und stattdessen dunkle Verschwörer beschuldigen. So entsteht ein Feindbild, auf das sich alle Ängste projizieren. In der Geschichte ging das bis hin zu Pestpogromen, da wurden ganze jüdische Gemeinden vernichtet. Auch heute gibt es Leute, die es psychologisch einfacher finden, an eine Verschwörung zu glauben. Das gemeinsame Feindbild wirkt dann verbindend – egal, aus welcher politischen Ecke man kommt.

Und dann landet man auch schnell beim Antisemitismus . . .

Ja, das hat leider sogar wieder zugenommen, dass verstärkt der Milliardär George Soros oder die Rothschilds beschuldigt werden. Wenn Leute abdriften, dann glauben sie nie an die Weltverschwörung der Brasilianer oder der Quäker, sondern landen immer wieder beim Antisemitismus. Das zeigt, wie gefährlich das ist.

In den Protesten sind auch Alternativmedizin und Esoterik stark vertreten. Muss man anfangen, über problematische Strömungen der Anthroposophie zu sprechen?

Die gute Nachricht ist, dass das inzwischen auch in der Anthroposophie so gesehen wird. Ich wurde kürzlich von der Anthroposophischen Gesellschaft eingeladen und hatte ein sehr gutes Gespräch mit führenden Vertretern aus Deutschland und der Schweiz. Die merken selbst: Der Riss geht gerade quer durch die eigenen Reihen, auch mitten durch die Waldorfschulen. Und sie erleben harte Angriffe im Internet, weil sie in Haftung genommen werden für Einzelne, die die „Marke“ Anthroposophie missbrauchen, um Verschwörungsmythen zu verbreiten. Man hat erkannt, dass da Handlungsbedarf besteht.

Warum ist die Anthroposophie gerade im Südwesten so stark?

Die Anthroposophische Gesellschaft hat sich maßgeblich im Stuttgarter Raum und der Schweiz entwickelt, die erste Waldorfschule war in Stuttgart. Es entstand damals eine Tradition, die Modernisierung und Industrialisierung teils kritisch gesehen hat, und Naturverbundenheit, Körperverbundenheit und Spiritualität betonte. Eine gesunde Skepsis, die auch im Pietismus wichtig ist, ist ja etwas Positives.

Wo verläuft die Grenze, wo dieses Denken problematisch wird?

Ich bin in Filderstadt aufgewachsen, wo anthroposophische und pietistische Milieus stark vertreten sind, und habe persönlich viele positive als auch problematische Erfahrungen gemacht. Entscheidend ist, dass man eine gemeinsame Gesprächsgrundlage behält. Heikel wird es, wenn Menschen in eine alternative Realität abdriften und den Konsens der Wissenschaft oder des Rechts aufkündigen. Wir sollten alle skeptisch sein gegenüber Obrigkeit, sollten auch Wissenschaft hinterfragen: Die Bruchlinie wird aber überschritten, wenn ich behaupte, meine Gruppe hat die Wahrheit gepachtet – und im Gegenüber nicht mehr den Andersdenkenden, sondern den Verschwörer sehe.

Ist die alternative Medizin, etwa als Impfkritik, in der Corona-Krise ein besonders bedeutendes Einfallstor?

Auch die Medizin entwickelt sich, auch sie darf und muss hinterfragt werden. Schon im 18. und 19. Jahrhundert wurde die „Schulmedizin“ kritisiert – aus heutiger Sicht war vieles berechtigt. Das darf ich aber nicht in einen Generalvorwurf verwandeln. Ein Problem in der Esoterik und auch Anthroposophie ist das fehlende Verständnis dafür, dass Texte auch altern: Dass Aussagen, die 1920 vielleicht berechtigt waren, heute keinen Sinn mehr machen, weil sich Wissenschaft und Medizin unglaublich weiterentwickelt haben. Wenn ich versuche, mit 100 Jahre alten Texten die heutige Medizin zu beurteilen, entsteht zwangsläufig eine Schräglage, die Menschen auch abrutschen lässt. Konkret denke ich etwa an Impfungen, die immer besser und sicherer geworden sind und heute nicht mehr mit Berufung auf alte Texte etwa von Rudolf Steiner blockiert werden sollten. Auch Geraune etwa über „theosophische Wurzelrassen“ hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren.

Was haben Sie der Anthroposophischen Gesellschaft geraten?

Es gibt dort schon eine sehr kritische Debatte, auch über problematische Aussagen von Rudolf Steiner – sie wurde aber bisher vor allem nach innen geführt. Meine Ermutigung ist, sich dieser Kritik auch nach außen zu stellen. Sonst werden diese Probleme an jeder einzelnen Waldorfschule ausgetragen.

Das hieße auch, man müsste sich von manchen Dingen distanzieren?

Genau. Ich glaube, alle Religionen und Weltanschauungen sind momentan gefordert, zu sagen, was geht – und was nicht mehr geht.

Sie plädieren dafür, Verschwörungsmythen weniger als Desinformation zu sehen, sondern als religiöses Phänomen, vergleichbar mit Sekten.

Ja. In einer Religion lernen wir, dass gute Mächte die Welt regieren, und man darf auch hinterfragen und zweifeln. Verschwörungsmythen lehren, dass böse Mächte alles lenken, nämlich die Verschwörer. Und es wird Panik erzeugt: Das Ende ist nah, alle lügen, man darf nur noch der eigenen Blase glauben. Nicht zuletzt wird auch Geld abgeschöpft. Diese Verschwörungsbewegungen ähneln digitalen Sekten, die ihren Anführern bedingungslos folgen. Das halte ich für sehr gefährlich.

Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

Es erklärt, warum sogar Ingenieure, Professoren und Ärzte Verschwörungsmythen verfallen. Ich wehre mich, von Dummheit und „Covidioten“ zu reden. Auch Menschen mit hoher Intelligenz und Bildung können sich in Verschwörungsglauben hinabschwurbeln. Es geht nicht um Fehlinfos, sondern um Emotionen und Ängste. Verschwörungsmythen erschaffen Welt-Deutungen, die eine komplexe Welt einfach machen – und sie schaffen Geborgenheit in Gemeinschaften! Das muss man verstehen, um sinnvolle Gegenstrategien zu entwickeln.

Wie geht man mit Menschen um, die in diese Mythen abgleiten?

Jedenfalls nicht mit wissenschaftlichen Studien bombardieren. Verschwörungsgläubige haben wirklich Angst, sie glauben, dass da eine große Sache läuft. Wenn das Gespräch noch möglich ist, redet man am besten über die Gefühle – und bietet seriöse Inhalte wie Artikel, Podcasts oder Bücher an, damit der Betreffende sich das später selber in Ruhe anschauen kann. Auf keinen Fall sollte man versuchen, jemanden mit brachialen Argumenten zu überzeugen, das bewirkt meistens das Gegenteil: Die Person zieht sich zurück, holt sich bei Gleichgesinnten im Netz eine neue Dosis Verschwörungsmythen und wird nur noch radikaler.

Michael Blume. Foto: Bernd Weissbrod

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Erstellt:
27. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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