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Die Stuttgarter Autorin Marlies Hübner räumt in ihrem neuen Buch mit Vorurteilen über die Behinderung auf

"Der Rain Man im Film war nie ein Autist"

Jahrelang hat Marlies Hübner gekämpft, um sich in die Gesellschaft einzufügen. Erst die Autismus-Diagnose brachte der 31-Jährigen vor vier Jahren Gewissheit: Sie hat eine seelische Behinderung.

08.03.2016
  • WENKE BÖHM, EPD

Frau Hübner, Autisten berichten vom Phänomen des "Overload". Wie erleben Sie das?

MARLIES HÜBNER: Versuchen Sie sich vorzustellen, dass Sie keine Reize filtern können, dass ihr Gehirn alles wahrnimmt. Wenn dann noch Stress dazu kommt, dann kann es zu einer völligen Reizüberflutung kommen. Das ist, als ob sich ihr Computer aufhängt. Dann kommt es zum "Meltdown", sprich: Man weiß sich nicht mehr anders zu helfen als auch mal wütend zu werden. Wenn das nicht funktioniert, fällt man in einen "Shutdown". Ich kann dann nicht mehr sprechen. Es geht einfach nicht mehr. So was hat man relativ häufig.

Wie ist es dann mit großen Gruppen, Partys, Einkauf?

HÜBNER: Wenn möglich vermeiden! Der Segen für alleinlebende Autisten ist der Lebensmittel-Lieferservice. Ich gehe privat gern auf Konzerte oder in Museen, aber das funktioniert nicht jeden Monat. Man ist danach ziemlich erschöpft.

Gegen welche Vorurteile kämpfen sie als Autistin?

HÜBNER: Zum einen kommen Leute in der Regel nicht damit klar, dass man vielen Autisten einfach nichts ansieht, gerade uns hochfunktionalen. Dann hängen viele auf der Rain-Man-Klischee fest. Die Figur im Oscarfilm war nie Autist. Wir sind auch nicht alle hyper-intelligent oder haben alle Lernschwierigkeiten. Manche sprechen, andere sprechen nicht. Manche leben selbstständig, andere nicht. Diese Vielfalt ist für viele nicht begreifbar.

Was sind denn Kriterien, nach denen Menschen in das autistische Spektrum einsortiert werden?

HÜBNER: Da sind zum einen die sozialen Probleme, große Schwierigkeiten im Aufbau und Erhalt von Sozialkontakten. Dann sind es Routinen. Tage haben eine Struktur, Dinge laufen immer gleich ab. Es kann schwierig werden, wenn Routinen wegbrechen. Außerdem die Kommunikationsprobleme. Ich verstehe nicht, warum es anderen Menschen so unfassbar wichtig ist, dass Autisten Augenkontakt aufnehmen.

Wie machen sich die Kommunikationsprobleme bemerkbar?

HÜBNER: Wir kommunizieren fast ausschließlich auf der reinen Informationsebene. Sprachliche Spielereien, Körpersprache und Mimik fallen hinten runter. Viele Autisten haben eine Gesichtsblindheit. Manche Leute sind furchtbar enttäuscht oder beleidigt, wenn man sie auf der Straße nicht wiedererkennt. Man bekommt Böswilligkeit oder Ignoranz unterstellt. Dabei es so gut wie unmöglich für mich, jemanden wiederzuerkennen, der keine auffällige Frisur oder besondere Brille hat. Mein Partner trägt zum Beispiel eine sehr markante Brille und einen Bart, den erkenne ich wieder.

Was hat dazu geführt, dass Sie sich auf Autismus haben testen lassen?

HÜBNER: Die Diagnose habe ich mit 27 erhalten, nachdem ich über Jahre hinweg massiv versucht hatte, mich anzupassen. Damals hat mir ein Freund gesagt: ,Du wirkst unfassbar autistisch, wann hast Du denn Deine Diagnose bekommen. Ich meinte: ,Nee, sicher nicht. Anderthalb Jahre später war ich mit meinen Kräften dann so am Ende, dass ich in die Diagnostik gegangen bin. Über das Ergebnis freut man sich natürlich nicht, aber ich habe erkannt, dass ich die Möglichkeit habe, mein Leben anzupassen.

Wie unterscheiden Sie sich von ihrer Buch-Protagonistin Elisabeth?

HÜBNER: Ich habe Teile aus meinem Leben genommen, habe aber auch viel hinzugefügt und dazuerfunden. Elisabeth ist Teil von mir, aber ich bin nicht Elisabeth. Sie ist konsequenter als ich, zumindest zum Ende hin. Es ist kein negatives Buch. Sie macht eine positive Entwicklung durch.

Was würden wie sich von ihrem Umfeld und von der Politik wünschen? HÜBNER Generell halte ich es für dringend notwendig, dass Menschen mit einer Behinderung nicht als Zweite-Klasse-Menschen wahrgenommen werden. Bei der Inklusion wird versucht, uns in ein Schema zu pressen. Man sollte Autisten einfach autistisch sein lassen. Wenn man sie zwingt, sich wie die Mehrheit zu verhalten, beraubt man sie ihrer Persönlichkeit.

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08.03.2016, 08:30 Uhr
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