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"Jeder Ton ist eine kleine Welt"

Der Pianist Michael Wollny nimmt die Zuhörer jetzt auf "Nachtfahrten" mit

Am Pianisten Michael Wollny führt im europäischen Jazz kein Weg mehr vorbei. Auf seinem neuen Album "Nachtfahrten" überrascht der Tasten-Zauberer mit leisen Nocturnes und tiefgreifender Melancholie.

21.10.2015
  • UDO EBERL

Heidelberg Mit seinem vor anderthalb Jahren veröffentlichten "Weltentraum" katapultierte sich Michael Wollny in den Albumcharts ganz weit nach oben, erreichte eine ganz neue Stufe der Popularität. Sicherlich kein Zufall, dass diese Erfolgsscheibe mit dem Stück "Nacht" eröffnet wurde. "Das Dunkle, das Nebulöse, die Unschärfe der Nacht schafft kreative Räume", sagt der 37-Jährige, der häufig in der Zeit um Mitternacht komponiert, was natürlich auch dem durch zahllosen Tourneen veränderten Biorhythmus geschuldet ist, und dann die Schatten mit seinen Ideen zu füllen weiß.

Auf "Nachtfahrten", Wollnys neuem Album, kann man den Pianisten einmal mehr im Trio-Format erleben, dabei war das ursprünglich gar nicht so geplant. Als Siggi Loch, Chef des Labels ACT, ihm mit einem nahezu druckreifen Cover-Entwurf eine musikalische Reise in die schwarze Romantik schmackhaft machen wollte, dachte man zunächst an eine Soloscheibe. Auf dem Weg zu den Aufnahmen der Platte kamen dann allerdings fast zwingend Christian Weber am Kontrabass und Schlagzeug-Dauerpartner Eric Schaefer ins Spiel.

Diesem Trio ist es gelungen, in den legendären Ludwigsburger Bauer Studios den Begriff Nocturnes ganz neu zu greifen. Auf leisen Sohlen, tastend im Schwarz, so wie sich Augen ganz langsam an die Dunkelheit gewöhnen, bewegen sich die Musiker gemeinsam in ein Album hinein, dass dem Zuhörer Konzentration abfordert, ihm aber Momente der Schwerelosigkeit garantiert, wenn er sich denn fallen lassen kann. "Es ist, als wenn du in einen dunklen Raum leuchtest, aber nie den ganzen Raum sehen kannst, sondern nur fühlst. Dann musst du deine Antennen ausfahren und hellhörig werden. Der Blick geht aber auch viel stärker nach innen. Die Nacht hat eine ganz spezielle Logik", sagt Wollny, der in etlichen der Stücke auch viele Erlebnisse und Veränderungen aus seinem Leben verarbeitet konnte.

Vor drei oder vier Jahren habe er ein solches Album nicht aufnehmen können, weiß er. "Die Stücke nehmen sich viel mehr Raum. Es steckt in jedem Ton, jedem Akkord, jeder Aktion eine kleine Welt." Während man sich auf früheren Alben und in den Konzerten als Trio oft im "Nahkampf" um den Fortgang des improvisierten und von Komplexität gezeichneten Weges gerungen habe, ergebe sich nun in aller Behutsamkeit alles wie von selbst und geradezu vorbestimmt.

Der Opener "Questions in a World of Blue" lässt keine Fragen offen, polarisiert mit einer Souveränität der Langsamkeit, offenbart ein Stillleben, das intensiver kaum sein könnte. "Ich wollte hier eine Geschichte ohne Geschichte erzählen", sagt der gebürtige Schweinfurter, der weiß: "Wenn man dieses Stück am Anfang hört, hat man den passenden Pulsschlag für das ganze Album." Da werden bisweilen auch Erinnerungen an Keith Jarretts Meisterwerk "The Melody at Night With You" wach, wobei Wollny stets seine Handschrift hatte und diese immer noch charakteristischer zu werden scheint.

Das Zusammenspiel mit so unterschiedlichen Freunden und Inspiratoren wie Heinz Sauer und Eric Schaefer hat ihn genauso geprägt wie seine musikalische Früherziehung zwischen klassischer Etüde und freiem Spiel oder Tourneen mit Nils Landgren im Mainstream-Jazz. "Am Klavier zu sitzen, das waren in meiner Kindheit für mich immer die heiligen Momente", sagt er. Und wenn man auf "Nachtfahrten" vorbei an verschlafenem Jazz-Gestalten, schemenhaften Impressionisten und grauen Rauchern bei Odile und Odette angekommen ist, weiß man, diese heiligen Momente erlebt er an den Tasten noch immer.

Der Pianist mit dem Haupthaar, das meist fast störend wirkend über die Augen fällt, ist nicht nur das Gesicht des aktuellen deutschen Jazz, er ist ein großer Geschichtenerzähler, doch der bekennende Horror-Fan sorgt auf diesem neuen Album eher für wohlige Schauer. Darauf, wie Michael Wollny und seine beiden Mitstreiter ihr Publikum bei den anstehenden Konzerten in ihre Seelenruhe und die "Neon Nocturnes" mit hineinziehen werden, darf man gespannt sein. Michael Wollny, dem Tastenglücklichen, wird es gelingen.

Der Pianist Michael Wollny nimmt die Zuhörer jetzt auf "Nachtfahrten" mit
Komponiert gern spät in der Nacht: Michael Wollny. Foto: ACT / Jörg Steinmetz

Der Pianist Michael Wollny nimmt die Zuhörer jetzt auf "Nachtfahrten" mit
Auch live ist er eine Bank: Michael Wollny. Foto: Udo Eberl

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21.10.2015, 12:00 Uhr
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