1000 Kilometer ohne Motor

Der Mössinger Jungpilot Toni Kittler legte eine Riesenstrecke im reinen Segelflug zurück

So war das eigentlich nicht geplant: Dem Mössinger Toni Kittler ist es gelungen, satte 1030 Kilometer im reinen Segelflug zurückzulegen. Für den 19-Jährigen war die Erfahrung absolut einzigartig.

12.08.2016

Von Amancay Kappeller

Hoch unter den Wolken flog der Mössinger Jung-Pilot Toni Kittler – und flog und flog und flog. Am Ende waren es über 1000 Kilometer – dabei wollte der Luft- und Raumfahrttechniker in spe doch anfangs nur 750 Kilometer weit gleiten. So weit wie Kittler hat es bislang nur ein weiterer Pilot des FSV Mössingen geschafft. Privatbilder

Mössingen. Von einer solchen Strecke habe er kaum zu träumen gewagt, sagt Toni Kittler rückblickend. Der 19-Jährige ist Jungpilot beim FSV Mössingen. „Diese unglaubliche Leistung hat bisher überhaupt nur ein weiterer Pilot des FSV Mössingen vollbracht“, erklärt Kai Hermes, Schriftführer beim Mössinger Flugsportverein. Gelungen ist dem Mössinger das Kunststück, über 1000 Kilometer im reinen Segelflug zurückzulegen, im Rahmen des D-Kader-Trainingslagers im Mai in Neresheim.

Toni Kittler hat im vergangenen Jahr sein Abitur gemacht. Ab Oktober wird er in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Seit seinem Scheinerhalt im Jahr 2013 hat der Mössinger fast 300 Stunden „erflogen“. Zum Fliegen kam er über seine Familie: Die Eltern fliegen beide, und auch die Schwester. Kittler fing 2011 im Alter von 14 Jahren mit dem Fliegen an. Zuvor flog er regelmäßig mit Vater und Mutter mit. „Faszinierend am Segelfliegen finde ich vor allem, dass man ohne Hilfe eines Motors sehr weite Strecken fliegen kann, nur mit Hilfe der Natur“, sagt der Mössinger. Dabei reizt ihn der Leistungsaspekt mittlerweile sehr. „Aber auch die Tatsache, dass man einfach nur mit so ausgereiften Flugzeugen die Welt von oben sieht, gefällt mir. Gerade auch, da man ganz verschiedene Gebiete erkunden kann.“ Vom Farrenberg aus kann man nicht selten während nur eines Fluges die ganze Schwäbische Alb, den Schwarzwald und den Odenwald erkunden, erklärt Kittler. Aber man kann auch schon mal bis in die Alpen fliegen.

Nur sehr wenige Segelflugpiloten schaffen einen solch langen Flug in ihrem Leben, weiß Hermes. Als Flugzeuglenker muss man auf Zack sein, um im reinen Segelflug so weit zu kommen. Aber natürlich muss auch das Wetter mitspielen. Kittler war mit dem „Vereinsdiscus F1“, der eine Spannweite von 15 Metern hat, in Neresheim. Von dort aus absolvierte der 19-Jährige vor seinem 1000-Kilometer-Flug „dank des überragenden Wetters“ bereits zwei Flüge über 600 Kilometer. „Und dann wurde das Wetter sogar noch besser und die Thermik schaffte beste Bedingungen“, berichtet Kittler.

Alle Wetterprognosen versprachen an besagtem Tag „Hammerwetter“. Flugzeug aufbauen, Wasserbalast in die Flächen tanken, noch ein letztes gemeinsames Briefing – und schon gingen um kurz vor 10 Uhr die ersten Starts im Flugzeug-Schlepp los. Das Ziel für Toni am diesem Tag war es, zuerst die Alb entlang Richtung Süden nach Titisee-Neustadt zu fliegen. Dann über den Schwarzwald und Odenwald nach Gemünden am Main, um schließlich nach der Wende in Kelheim in Niederbayern die letzte Etappe nach Neresheim zurückzulegen. Geplant war ursprünglich ein „Dreieck“ von 750 Kilometern Länge.

„Schnell trennte sich mein Flugweg von den anderen und wir waren nur noch über Funk in Kontakt“, erzählt Kittler. Kurze Zeit später sei er bereits fast 15 Kilometer voraus gewesen. Auf Höhe des Balinger Plettenbergs musste der 19-Jährige sich das erste Mal aus Albkantenhöhe „ausgraben“, weil es zu dieser Tageszeit noch an „aufgereihten Aufwinden“ fehlte. Bei Villingen-Schwenningen passierte dies ein zweites Mal, dann fand Kittler wieder Anschluss an Aufwinde – und war erneut „auf einer guten Linie“ unterwegs. Die meisten D-Kader-Kameraden hatten zu diesem Zeitpunkt schon die erste Wende, Titisee-Neustadt, erreicht. Er habe versucht, sich davon nicht beeinträchtigen zu lassen – und sich noch stärker auf das schnelle Vorankommen konzentriert, sagt Kittler.

Der Flug über den Schwarzwald lief dann „hervorragend“: Der Jungpilot holte auf. „Ich kurbelte in der Thermik, die mich mit 7,2 Metern pro Sekunde in die Höhe schoss – so etwas hatte ich davor noch nie gehabt!“ Als Kittler kurz vor 18 Uhr als einer der ersten über Neresheim seinen Endanflug einleitete und die Aufgabe beendete, stand für ihn außer Frage, dass er seinen Flug noch verlängern wollte. Er habe dabei an „50 bis höchstens 100 Kilometer mehr“ gedacht. Er entschied sich dafür, „gegen den Wind an den Aufreihungen nach Norden entlang zu fliegen“.

Östlich von Nördlingen traf Toni Kittler auf einen Flugkameraden, der auf den gleichen Gedanken gekommen war wie er. Die „Thermikaufreihungen“, welche der 19-Jährige nun entlangflog, waren „so gigantisch“, dass er über 120 Kilometer im reinen Geradeausflug fliegen konnte und dabei kaum an Höhe verlor. „Als wir dann um 19 Uhr 120 Kilometer entfernt vom Neresheimer Startflugplatz umdrehten, war klar: Jetzt nur noch bis zum Platz kommen und die magischen 1000 Kilometer sind geknackt“, berichtet Kittler.

Nach fast zehn Stunden Flugzeit und 1030 geflogenen Kilometern landete der 19-Jährige um 20.30 Uhr schließlich wieder in Neresheim. „Ich denke, dass mein Grinsen für den Rest des Abends, vielleicht auch bis jetzt, nicht verschwand“, freut er sich. Obwohl er eine Weile gebraucht habe, bis er selber glauben konnte, dass er tatsächlich über 1000 Kilometer im motorlosen Flug bewältigt hatte.

In Zukunft will Toni Kittler „natürlich noch viele und möglichst große Strecken fliegen“. Fliegerisch möchte der Mössinger sich auf jeden Fall weiterentwickeln. „Allerdings gefällt mir auch die Wettbewerbsfliegerei sehr.“ Da komme man in Kontakt mit Gleichgesinnten, das bringe einen neuen Leistungsaspekt ins Spiel. Derzeit nimmt der 19-Jährige an der Deutschen Juniorenmeisterschaft teil.

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Erstellt:
12. August 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2016, 01:00 Uhr

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