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Der Merkel-Versteher
Winfried Kretschmann auf Tour in seinem Wahlkampfbus. Warum er so populär ist, ist ihm selbst ein Rätsel. Er höre immer wieder, er sei authentisch, sagt er. Foto: dpa
Regierungschef Kretschmann dominiert auch die Grünen-Wahlkampagne

Der Merkel-Versteher

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann will sein Amt verteidigen. Seine Partei setzt im Wahlkampf alle Hoffnungen in seine Popularität. Überholen die Kretschmann-Grünen die CDU?

08.03.2016
  • ROLAND MUSCHEL

Eben noch hat sich Regierungschef Winfried Kretschmann von Thorsten Gieske die Entwicklung von dessen Foto-Studio schildern lassen. Dass sich das fotografische Handwerk und die digitale Arbeit immer mehr vermischt haben. Und dass jetzt die digitale Fotografie für den Online-Handel der Wachstumstreiber von Studio Gieske sei. Nun stehen sie vor Bildern, die eine hochwertige Uhr vor der Dresdner Semperoper zeigen - klassisch fotografiert, obwohl Gieskes Leute die Oper locker digital generieren könnten. "Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend", sagt der Unternehmer. In dem Fall die "authentische Fotografie". Interessant, erwidert Kretschmann, "dass die Digitalisierung wieder neue Sehnsüchte weckt".

Es ist ein Termin, der eines von Kretschmanns Kernthemen abdeckt, die Digitalisierung der Wirtschaft. Und der nebenbei eine Erklärung für die hohen Beliebtheitswerte des Grünen bis tief hinein in die CDU-Klientel anbietet. Er wisse selbst nicht, warum er so populär sei, sagt der 67-Jährige auf der Fahrt von Pforzheim zum nächsten Termin in Waldorf. Er höre nur oft, dass er "authentisch" sei. Er ist einer, dem die Leute abnehmen, dass er meint, was er sagt, weil er auch mal gegen den Strom schwimmt, und sei es, wie in der Asylpolitik, gegen den seiner Bundespartei. Einer, der sich mit grauem Bürstenhaarschnitt und schwäbischem Idiom abhebt vom glattgeschliffenen Politikertypus jedweder Couleur. Und dem viele Menschen in Zeiten, in denen alte Gewissheiten genauso verloren gehen wie Parteibindungen, gerade deshalb vertrauen.

Die Landespolitik fokussiert sich stark auf den Ministerpräsidenten. "Die Verpapstung des Amtes ist enorm", sagt Kretschmann. Das stehe in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Entscheidungskompetenz und führe zu einem wahnsinnigen Termindruck. Aber wenn das Ansehen in der Bevölkerung gut sei, nütze es natürlich auch. Er jedenfalls versuche seinen Überzeugungen zu folgen, sagt der 67-Jährige im Fond seines Wahlkampfgefährts, einem Daimler Bluetec V250 mit dem Nummernschild "S-WK 2016" und der Aufschrift "Auf dem richtigen Weg". Er habe gemerkt, "falsche Rücksichtnahmen bringen nichts".

Dabei nimmt Kretschmann durchaus Rücksicht: auf Stimmungen im Volk, auf die SPD, weniger auf den linken Parteiflügel. Aber es ist das Bild, das zählt, und deshalb setzen die Wahlkampfstrategen auf eine für die Partei bis dato undenkbare Personalisierung. Würde der Regierungschef direkt gewählt, so die Umfragen, würde Kretschmann CDU-Herausforderer Guido Wolf deklassieren. Die Partei versucht das zu nutzen, indem sie jedes Plakat, jeden Flyer mit dem Slogan "Grün wählen für Kretschmann" versieht. Er selbst bewirbt sich im Wahlkreis Nürtingen plakativ als "Abgeordneter und Landesvater" ums Mandat. Das hätte sich nicht einmal Erwin Teufel getraut, der bisher letzte CDU-Regierungschef, den das Etikett Landesvater schmückte und mit dem Kretschmann oft verglichen wird.

Nun ist er der Maßstab. In den Umfragen steht seine Partei neuerdings vor der CDU, in der jüngsten sogar satte fünf Prozentpunkte. Es wäre, nach 2011, als die Grünen mit 24,2 Prozent und der SPD an der Seite erstmals überhaupt den Regierungschef stellen konnten, die nächste Sensation. Noch im Januar 2015, bevor die Flüchtlingsdebatte alles überlagert hatte, hatte Wolf für seine CDU das Wahlziel "40 Prozent plus X" ausgegeben.

Am Abend in Mannheim, Jungbuschhalle, mehrere hundert Neugierige. Als "eine Art Gegengift für die grassierende Politikverdrossenheit", kündigt die Moderatorin Kretschmann an. Auf die Frage, was er von Umfragen halte, sagt er: "Wenn sie gut sind, lasse ich mich davon beflügeln." Für ihn sei wichtig, dass er das Gefühl habe: "Wir haben einen guten Job gemacht." Nun liege es in der Hand der Wähler. "Kopf-an-Kopf mit der CDU in Umfragen - wow, wer hätte das gedacht", entfährt es ihm.

Kretschmann gibt sich bewusst demütig. Er hat viel Mühe darauf verwendet, Flanken zu schließen. Es gab zu Beginn durch den Satz, weniger Autos seien besser als mehr, Misstrauen in der Wirtschaft. Es gab und gibt Unmut über die aus Sicht vieler überstürzt eingeführten Schulreformen, und es gibt eine schwarze Übermacht in Verbänden und Kommunen. "Im wirtschaftspolitischen Vorzeigeland ist die CDU auf Schrumpfkurs - und der Wirtschaft ist es egal", beschreibt die wirtschaftsnahe "Frankfurter Allgemeine" die Folgen der geglückten grünen Annäherung an die Arbeitgeber in einem Leitartikel. Für einen informellen Kreis, der ihn in Wirtschaftsfragen berät, hat Kretschmann Hochkaräter wie Bosch-Aufsichtsratschef Franz Fehrenbach gewonnen. Dass Trigema-Chef Wolfgang Grupp erstmals nicht die CDU, sondern wegen Kretschmann grün wählen will, passt ins Bild.

Aber die Lobbygruppen der Wirtschaft sind weiter eng mit der CDU verbandelt, so wie die kommunale Vorherrschaft der Christdemokraten ungebrochen ist. Die schwarzen Netzwerke, glaubt Kretschmann, könnten sich in einer zweiten grünen Amtszeit lockern. Noch aber gründet der in den Umfragen messbare Aufstieg der Grünen zur Volkspartei allein auf seiner Popularität. Seine Person ist Programm. Warum er "im besten Rentenalter" noch einmal in den Ring steige, fragt die Moderatorin in Mannheim. "Weil ich noch nicht in Rente will." Er wolle die Dinge, die er auf den Weg gebracht habe wie Energiewende, Entkopplung von Bildung und Herkunft oder die Digitalisierungsstrategie "verfeinern und verfestigen". Wahlaufrufe mit dem Motto "Keine halben Sachen" bringen die Botschaft flächendeckend unters Volk.

24 Stunden später sitzt er neben Joschka Fischer auf dem Podium der Karlsruher Stadthalle. Vor 30 Jahren war Kretschmann Grundsatzreferent im hessischen Umweltressort, das Fischer als erster grüner Minister überhaupt führte. Das Verhältnis sei "nicht frei von Spannungen gewesen", erzählt der Regierungschef. Aber die Zeit, geprägt vom Umgang mit Tschernobyl, eine gute Schule. Da habe man gemerkt, was es heiße, unter harten Bedingungen zu regieren. "Das verändert die Sichtweise." Wer regiert, müsse den Blick fürs Ganze haben.

Dann macht Fischer, was Kretschmann seit Wochen aus Überzeugung wie aus dem Kalkül heraus, der CDU Wähler abspenstig zu machen, praktiziert: Er lobt die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. Und natürlich seinen einstigen Lehrling: "Die baden-württembergische CDU würde sich von und zu schreiben, wenn sie den hätten." Kretschmann selbst, von Wolf als "Kanzlerin-Versteher" verspottet, sagt, in der Krise müssten Demokraten zusammenstehen. "In der Krise gehe ich auf Konsens."

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08.03.2016, 08:35 Uhr
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