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36 Bilder, eine Welt

Der Menschensammler und Daumenkinomatograph Volker Gerling zeigte seine Filme im Löwen

Bilder laufen, wenn man sie schnell hintereinander abspielt. Im Film. Oder durchblättert. Im Daumenkino. Letzteres hat Volker Gerling zu seiner Berufung und seinem Beruf gemacht. Zu seiner Kunst.

17.10.2015

Dass es eine ist, eine große, stille, jeweils sehr kurze, nur ein paar Sekunden dauernde, davon überzeugten sich vorgestern im Löwen rund 70 Zuschauer. Was sie sahen, war Kino einer anderen Art, erläutert und durch Anekdoten bereichert vom Filmvorführer selbst.

Volker Gerling hat sich während seines Studiums an der Filmhochschule in Babelsberg Ende der 90er darauf spezialisiert, Menschen mit einer alten Spiegelreflexkamera drei Mal pro Sekunde und insgesamt 12 Sekunden lang zu fotografieren – bis der ganze Film verschossen ist. Er sagt seinen Porträtierten vorher nicht, dass er nicht nur ein Foto macht. Die Überraschung, die Irritation, vielleicht allein schon die Dauer von 12 Sekunden bringen es mit sich, dass die Fotografierten aus ihrer Fotopose fallen und irgendwie reagieren. Die einen heftig, die anderen unmerklich, aber es tut sich was. Momente der Wahrhaftigkeit, findet Gerling, in denen sich etwas von der Persönlichkeit der Fotografierten preisgibt. Mehr als auf einem Foto. Mehr als auf einem vorher angekündigten 12-Sekunden-Film.

Zwei Angler halten mucksmäuschenstill

Und dann kommt noch etwas dazu, Gerling erwähnt es nicht, aber an diesem Abend wird es ganz klar: Schon der Focus auf diese paar Sekunden schärft beim Betrachter die Aufmerksamkeit, man lässt sich ein, verfolgt den kleinsten Mimikwechsel. Was innerhalb eines 2-Stunden Films eine wenig beachtete Sequenz wäre, wird so zur Sensation. Sehschule, Achtsamkeitsübung, Focus auf die kleinen Dinge: Das liegt auch im Trend der Zeit.

Seit Jahren und auch am Donnerstag im Löwen zeigt Gerling seine Daumenkinos unter einer Kamera, die die rasch wechselnden Bilder im Kinoformat auf die Leinwand wirft. Anfangs war das noch anders. Anfangs dachte er sich: Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Und auch heute noch kehrt er jeden Sommer zu seinen Anfängen zurück, zieht mit einem Bauchladen voller Daumenkinos durch die Lande. Statt einen Eintritt zu verlangen, bittet er um einen Austritt. Die Menschen auf der Straße waren sein erstes Publikum. So fand er auch seine Motive. Gerling ist auch: ein Menschensammler. Das Buch, das er inzwischen geschrieben hat, ginge jenseits der Fotokunst auch als veritables Porträt-Kurzgeschichtenbuch durch, der Filmabend als spannende Lesung mit Bildern: Von der Frau im Zug gegenüber, die irgendwann die Hände vor die Kamera hält, lacht, sich wegdreht, wieder herblickt bis zu den beiden jugendlichen Anglern, die 12 Sekunden lang mucksmäuschenstill sitzen, keine Miene verziehen, danach stinksauer sind, dass ihnen der Fotograf vorher nichts gesagt hat, weil sie sich sonst doch etwas hätten einfallen lassen.

Auch Gerling ist gründlich enttäuscht von diesem Reinfall. Bis ihm klar wird, dass genau diese Bewegungslosigkeit für die Angler kennzeichnend und überhaupt dieser Film als die Regel bestätigende große Ausnahme ein Daumenkinoknüller ist. Nur ein leicht sich im Wind bewegender Grashalm zeigt, dass es nicht aus einem, sondern tatsächlich aus 36 Fotos besteht.

Weil sie so kurz sind, blättert Gerling jedes Daumenkino dreimal hintereinander auf. Manchmal erzählt er danach eine Geschichte dazu – die das Gesehene in ein neues Licht stellt. Weswegen er das Daumenkino dann noch ein viertes Mal zeigt.

Manchmal inszeniert der Fotograf sein Sujet auch regelrecht, und ehrlich gesagt: Das bräuchte es nicht. Das Mädchen, das sich mit geschlossenen Augen einen Radikalhaarschnitt verpassen lässt, Gerling hält die ersten 12 Sekunden des Augenöffnens fest. Die junge Frau, die an der Bar plötzlich ihr T-Shirt vom Leib streift und barbusig dasitzt. Das ist lustig, treibt den Gerlingschen Minimalismus aber mit Effekten aus.

Manches ist anrührend: Ein alter, alleinstehender Mann gab ihm zum Abschied wie einem Sohn Lebensmittel mit auf die Wanderschaft. Vorher, beim Fotoshooting, als er merkte, wie oft es klickte, zog er seine Kappe vom Kopf, strahlte, lachte. Danach sagte er: „Ich bezahl Ihnen jedes Foto. Ich hab mein Leben lang noch alles bezahlt.“

Irgendwann erweiterte Gerling seine Versuchsanordnung. Zum Beispiel: Drei Bilder pro Stunde, 12 Stunden der Mond, wie er über Berlin wandert, ein Haus, wie dort die Lichter an- und ausgehen. Auch schön. Aber das Herzstück bleiben doch die Porträts.

Heute ist Volker Gerling öfters auf Theater- oder Filmfestivals zu Gast, sein Daumenkino hat den Sprung in die Kunstwelt geschafft und genießt auch im überregionalen Feuilleton Hochachtung. Aber ohne die Straße will er nicht mehr sein, dort ist das Leben, dort sammelt er, dort begann alles, dort muss er immer wieder hin, vor sich den Bauchladen, im Rucksack noch weitere Original-Daumenkinos. Alle schon etwas abgenutzt vom vielen Aufblättern, aber die Menschen gehen vorsichtig damit um – das hält. Auch eine Tübinger Mutter und Tochter, die er 2012 hier auf dem Marktplatz traf, hat er fotografiert. Im Löwen gab es ein Wiedersehen.Peter Ertle

Der Menschensammler und Daumenkinomatograph Volker Gerling zeigte seine Filme im Löwen
Der Daumenkinokünstler Volker Gerling blättert und der Film mit der Frau auf dem Sitz gegenüber im Zugabteil läuft ab.Bild: Sommer

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17.10.2015, 12:00 Uhr
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