TV-Star

Der Meister der Ölschinken

Bob Ross konnte blitzschnell Landschaften malen. 25 Jahre nach seinem Tod lehrt er noch immer via Bildschirm den Umgang mit dem Pinsel.

04.07.2020

Von MORITZ CLAUSS

Der US-Maler Bob Ross wurde im Fernsehen berühmt seine Bilder kann man nicht kaufen. Foto: Bob Ross Inc./dpa

Ulm. Zügig wischt der Pinsel über die Leinwand. „Lasst uns einfach in diesem wundervollen, kleinen Himmel tanzen“, sagt Bob Ross. Dann mischt der Mann mit der Lockenpracht eine neue Farbe an. Malt, wäscht den Pinsel, klopft ihn aus, nächste Farbe. Nach nur 24 Minuten ist das Bild fertig: Im Hintergrund eine Bergkette, vorne Bäume, Felsen, Wasser. Motive, die Ross reich machten und bis heute zum Star im Fernsehen und im Internet.

Seit 1983 malte Bob Ross in exakt 403 Folgen vor der Kamera Berge, Bäume, Wolken. Berge, Bäume und „fröhliche, kleine Wolken“, wie er sagte. Immer und immer wieder. Millionen Menschen saßen schon damals staunend vor dem Fernseher und sahen zu. Mancher bleibt noch heute nachts beim Zappen hängen, beobachtet begeistert die Fertigkeit des Künstlers oder lässt sich von seiner ruhigen Stimme in den Schlaf reden. Seine Sendung machte Ross berühmt – der Verkauf von Lehrbüchern und Malsets machte ihn reich. Eines seiner bekanntesten Zitate: „Wir machen keine Fehler, wir haben nur manchmal glückliche Unfälle und lernen, damit zu arbeiten.“

Ross starb am 4. Juli 1995 im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Er hinterließ rund 30 000 Bilder. Heute gibt es Tassen mit seinem Gesicht darauf. T-Shirts, Socken, Toaster. All das kann man kaufen. Die Bilder nicht. Die Bob Ross Inc. in Herndon, Virginia, besitzt sämtliche Werke des Malers, berichtete die New York Times. Sie lagern gestapelt in Kartons. Ross hatte seine Werke zu Lebzeiten nicht verkauft, das Unternehmen macht das auch nicht.

Erst Jahre nach dem Tod des US-Amerikaners begann BR-alpha, später ARD-alpha, die Malkurs-Serie „The Joy of Painting“ in Deutschland auszustrahlen. Die erste Staffel lief dort bis heute 46 Mal, obwohl die kitschigen Bilder längst nicht jedem gefallen. „Seine Ölschinken gehören zum Scheußlichsten, das man je gesehen hat“, schreibt die Deutsche Presseagentur zu seinem Todestag. Doch selbst viele, die seine Bilder nicht mögen, sind von Ross und seiner Art begeistert. „Nicht nur die Maltechnik, auch die sanfte Stimme des Malers, die Geräusche des Pinsels und das Kratzen des Spachtels auf der Leinwand tragen zu diesem Erfolg bei“, sagt etwa der stellvertretende Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks Andreas Bönte. „Das ist bestes Slow-TV.“

Ilse Wernhard weiß noch genau, wie sie das erste Mal auf die Sendung stieß. „Mein Sohn hat mir gesagt, dass da einer im Fernsehen in einer halben Stunde ein Ölbild malt“, sagt die Maldozentin aus Senden. Sie habe das nicht glauben können und gleich ein Video bestellt. Das war 2003. Die ruhige Art, die fließenden Bewegungen des Künstlers faszinierten Wernhard. Ross bringe den Menschen das Malen näher wie kein anderer.

Zentral ist dafür eine von ihm selbst entwickelte Variante der Nass-in-Nass-Technik. Auf die Leinwand trug Ross hauchdünn Flüssigweiß auf, dann malte er mit Ölfarbe das ganze Bild, ohne es zwischendurch trocknen zu lassen. Auf diese Weise sollte jeder in kurzer Zeit Bilder malen können. Die Lernvideos sind seit vielen Jahren auch online ein Erfolg: Auf Youtube hat der offizielle Bob-Ross-Kanal vier Millionen Abonnentinnen und Abonnenten.

Ein Internet-Phänomen

Ross taugt heute noch als Ikone: In der NDR-Satiresendung „Extra 3“ etwa gab kürzlich der Allgäuer Kabarettist Maxi Schafroth im engen Jeanshemd und Schlaghose den schwäbischen „Feindbildmaler“ Robert Rössle, machte den friedlichen Ross zum Wutbürger. Die Disney-Künstlerin Laura Price malte nach der Anleitung von Ross Bilder in der Grafiksoftware Photoshop. Fans malen sich seine Werke ins Gesicht, auf die Lippen, auf ihre Autos. „Die jungen Leute finden ihn cool“, sagt Ilse Wernhard. Sie ließ sich in den Niederlanden zur Bob-Ross-Mallehrerin ausbilden. Allein in Deutschland gibt es 52 zertifizierte Dozenten.

„Es gibt tausende sehr, sehr talentierte Künstler, die nie bekannt sein werden, auch nicht nach ihrem Tod“, sagte Ross 1991 der New York Times. Den meisten Malern gehe es um Anerkennung. „Ich habe das im Fernsehen schon lange erreicht. Mehr brauche ich nicht.“ Der große Erfolg im Internet war da noch nicht einmal abzusehen.

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Erstellt:
4. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Juli 2020, 06:00 Uhr

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