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Dietmar Ecker

Der Medien-Coach von Natascha Kampusch

Der Wiener PR-Berater Dietmar Ecker begleitete die entführte Natascha Kampusch durch die ersten Wochen nach ihrer Selbstbefreiung. Am Donnerstagabend sprach er in der „Skandal“-Ringvorlesung der Tübinger Medienwissenschaftler.

30.04.2011
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Nur wenige Tage nach ihrer Selbstbefreiung am 24. Juni 2006 gab Natascha Kampusch dem österreichischen Fernsehsender ORF ein Interview. Neben ihr saß Dietmar Ecker. „Krisenmanagement unter Extrembedingungen“, nannte er sein Engagement vor rund 250 Zuhörern im Kupferbau. Der 47-Jährige war Gastreferent der Ringvorlesung „Der Skandal und die Medien“, die der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen moderiert.

Nicht auch noch Opfer der Medien

Ecker (und Kampusch) mussten sich gegen 200 Fernsehteams aus aller Welt behaupten, von denen manche Interviews mit Geld erzwingen wollten. „Das hat sich innerhalb von ein bis zwei Tagen zu einem Hype hochgeschaukelt“, wie Ecker es noch nie erlebt hat. Besonders aggressiv sei die britische Boulevardpresse aufgetreten. Eine Klagedrohung habe deren Reporter kalt gelassen: Sie hätten mit ihrem speziellen Budget für Rechtsstreitigkeiten gekontert.

Ecker hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Seit 1998 leitet er eine PR-Agentur in Wien. Medien-Coach für Natascha Kampusch wurde er, als ihn ein Anruf aus der Wiener Psychiatrie erreichte – mit der Bitte, die traumatisierte 18-Jährige zu betreuen. Ecker sollte verhindern, dass die junge Frau nach der achtjährigen Gefangenschaft bei ihrem Entführer „auch noch Opfer der Medien“ wurde. Er übernahm die Aufgabe bewusst ohne Honorar.

Der Medienberater sah sich mit Mentalitäten konfrontiert, „die grauslich sind“: Eine kleinbürgerlich-spießige Gesellschaft finde in Kampuschs Geschichte vielfältige Thrills: Das unterirdische Verlies, in dem der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil das Mädchen eingesperrt hatte, rühre an eine der größten Ängste des Menschen, „lebendig begraben zu werden“. Dass Polizei und Behörden den Kellerverschlag für Fotografen freigegeben haben, ist für Ecker völlig unverständlich. Damit sei in Bezug auf die Intimsphäre der jungen Frau „ein Damm gebrochen“.

Auch ein Voyeurismus nach dem Muster „Was tut der Nachbar?“ habe in Kampuschs Geschichte Befriedigung gefunden – in der Begierde, etwas hinter den Mauern von nebenan zu entdecken. Zudem habe der Fall „eine religiöse Komponente“: Kampuschs Selbstbefreiung lasse sich „wie eine Auferstehung“ deuten. Der klassische männliche Chauvinismus hingegen habe in der Tat-Konstellation „die formbare, immer verfügbare Frau“ gesehen.

„Sie war in einem fürchterlichen Zustand“ und wollte aus Scham ihre Mutter nicht sehen. Aus seiner Erfahrung mit vier Wahlkämpfen und den schlichten psychologischen Mustern von Vorabendserien wusste Ecker: „Das kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an.“ Deshalb habe Kampusch auf seinen Rat gesagt: „Ich liebe meine Mutter.“ Als gebrochene, komplexe Persönlichkeit habe sie auf keinen Fall erscheinen dürfen – sondern als „die liebende, seriöse Tochter“.

Für die ersten Interviews suchte Ecker sich Partner. „Ich bin ein Fan der öffentlich-rechtlichen Sender“, sagte er. Dennoch war von Anfang an die österreichische Boulevard-Presse mit im Boot. „Damit sie sofort attackieren, wenn die Briten anfangen.“ Der Coach stellte Bedingungen für die Interviews: Kampusch, ohne Ausbildung und ohne Jobperspektive, brauchte eine finanzielle Absicherung. „Es dauert sechs bis acht Jahre, aus einer so schweren Traumatisierung herauszufinden.“

Er hatte das Recht, die Fragen zuvor durchzugehen und mit Kampuschs Therapeuten abzusprechen – und er konnte jederzeit intervenieren. „Das wurde dann herausgeschnitten.“ Notfalls konnte er die Texte umschreiben. „Das war ein Grenzgang für die Pressefreiheit.“ Für Ecker ergab sich der Zwiespalt: „Egal, was Sie tun, es ist immer ein Beigeschmack dabei, der bitter ist.“

Nach dem Fernseh-Interview hätten 90 bis 95 Prozent der Zuschauer signalisiert: „Die ist Opfer. Das ist tragisch.“ Damit war die Gefahr, dass Kampusch zum zweiten Mal Opfer wurde, diesmal durch die Medienindustrie, zunächst gebannt. „Sie wollte keine neue Identität. Sie wollte Natascha Kampusch in Wien bleiben.“

Noch widerlicher als der Boulevard

Laut Ecker zeigten sich an dem Fall die wirtschaftlichen Gesetze der globalisierten Medienindustrie besonders deutlich: „Es gibt einen Markt, es gibt einen Wettbewerb um Auflagen, Verkauf und Zuschauerzahlen, und es gibt ein Produkt: die Emotion.“ Die seriösen Medien seien in den ersten Tagen in einer Art Schrecksituation verharrt. Als sie nachzogen und Experten das Stockholm-Syndrom (die Identifikation mit dem Entführer) erklären ließen, schien Ecker das „noch widerlicher als der Boulevard“. – „Besteht überhaupt ein legitimes öffentliches Interesse am Fall Kampusch?“, fragte ein Zuhörer. Das ethische Interesse bestünde für Ecker darin, zu ergründen, „wie so etwas in einer Wohnsiedlung geschehen kann“, was für ein „Grundzustand einer Gesellschaft“ darin sichtbar werde.

Der Medien-Coach von Natascha Kampusch
Dietmar EckerPrivatbild

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30.04.2011, 12:00 Uhr
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