Kunsthalle Mannheim

Der Maler hinter den Masken

Der Belgier James Ensor gilt als einer der Väter der Moderne – und als Sonderling. Eine umfassende Ausstellung rückt einige Vorurteile zurecht.

12.06.2021

Von Marcus Golling

Für eine Ausstellung aus Lüttich zurückgekehrt: „Der Tod und die Masken“, 1937 von den Nationalsozialisten aus der Kunsthalle entfernt. Foto: Musée des Beaux-Arts, Liège

Der Tod sieht einen direkt an, mit verkümmerten Augäpfeln in leeren Höhlen. Um ihn herum drängen sich feiste, maskierte Gestalten. „Der Tod und die Masken“ heißt das 1897 geschaffene Gemälde von James Ensor (1860-1946), das nun für einige Monate zurückgekehrt ist in die Kunsthalle Mannheim. Und nicht nur das, Kuratorin Inge Herold ist es durch Kooperation mit belgischen Museen gelungen, eine ganze Reihe von zentralen Werken des in Deutschland immer noch unterschätzten Malers und Zeichners aus Ostende an den Rhein zu holen.

Der Blick auf die Kunst des Fin de siècle hat derzeit Konjunktur, gerade erst zeigte die Alte Nationalgalerie Berlin unter dem Titel „Dekadenz und dunkle Träume“ Werke der belgischen Symbolisten, darunter auch Ensor. Der gehört zwar irgendwie dazu, er war sogar Mitglied der einflussreichen Gruppe „Les XX“, doch mit der mystisch aufgeladenen Feinmalerei etwa von Fernand Khnopff verbindet ihn wenig. Ensor war ein Querkopf, der es vor allem durch seine grotesken Masken- und Totenbilder erst spät zu Berühmtheit brachte.

Nur zehn deutsche Museen haben Arbeiten Ensors in ihren Sammlungen, die Kunsthalle ist eines davon: „Der Tod und die Masken“ wurde zwar 1933 als „kulturbolschewistisch“ verhöhnt, 1937 schließlich als „entartet“ beschlagnahmt und nach Lüttich verkauft. Doch nach dem Krieg schloss das Museum die Lücke durch das Stillleben „Der tote Hahn“. Zusätzlich verfügt Mannheim über rund 100 grafische Blätter des Belgiers, von denen manche sogar in der NS-Zeit angekauft wurden: Unverfängliche Landschaftsdarstellungen sind darunter, aber auch morbide Visionen wie „Der Tod verfolgt die Menschenherde“, die den Horror Hieronymus Boschs und Francisco de Goyas widerspiegeln.

Stilistisch schwer einzuordnen

Ensor lässt sich schwer einordnen. In seinen frühen Jahren könnte man ihn als Impressionisten bezeichnen. Seine sich im Licht auflösenden Landschaften offenbaren eine gewisse Nähe zu den Franzosen, wenn auch eher der Engländer William Turner sein Vorbild gewesen sein dürfte. Ensors Œuvre der wilden, von Mitte der 1880er bis etwa 1900 andauernden Phase nimmt bereits Elemente des Fauvismus und Expressionismus vorweg. Ein Vater der Moderne: Emil Noldes Maskenbilder sind von der Begegnung mit dem Belgier inspiriert, auch in George Grosz' überdrehten Großstadtszenen ist etwas von dem Wahnsinn zu spüren, der schon die schrägen Paraden, die Skelettierten und Maskierten des begeisterten Karnevalisten Ensor auszeichnete.

Der Maler als Skelett: So porträtierte sich James Ensor selbst. Foto: Hugo Maertens

Dessen Rezeption ist seit seinen Lebzeiten von einer seltsamen Lust an der Diagnose geprägt. Schon Gustav Friedrich Hartlaub, der als Direktor der Kunsthalle 1927 „Der Tod und die Masken“ ankaufte und 1928 dem „Künstlerphantasten“ sogar eine Einzelausstellung widmete, erwähnte „psychische Krisen, die der Künstler durchgemacht zu haben scheint“ und die ihn befähigt hätten, „das Ungeheuerliche, das Satanische zu halluzinieren“. Ensor, der nie heiratete, seine produktivsten Jahre in der Mansarde seines Elternhauses verbrachte und sich selbst als Kunst-Märtyrer inszenierte, war ein schwieriger Charakter, aber kein malender Hölderlin, mit dieser Vorstellung räumt die Mannheimer Ausstellung auf.

Sie bettet auf zwei Stockwerken im Jugendstil-Bau die Skelett- und Maskenbilder in das Gesamtwerk ein, gibt den Radierungen und Zeichnungen, die den geradezu ethnologischen Beobachter und frechen Satiriker verraten, großen Platz, ebenso den Selbstporträts (mit und ohne Schädel oder Dämonenfratzen), den christlichen (aber nicht unbedingt christlich gemeinten) Themen und den Stillleben, von denen der eigene „Tote Hahn“ eines der qualitätvollsten ist. Auch das wegen der Motivwiederholungen oft geschmähte, freundlich kolorierte Spätwerk Ensors kommt zu seinem Recht: „Er stagniert nicht, er probiert mal etwas anderes aus“, sagt Kuratorin Herold über den Künstler.

Künstler und Komponist

Das Experimentieren, auch mit wechselvollem Ergebnis, begleitet Ensor bis in seine späten Jahre, die er in dem heute als James-Ensor-Haus bekannten Gebäude verbrachte, nicht nur malend und zeichnend – ohne Notenkenntnisse komponierte er die eher volkstümliche Musik für das Ballett „La Gamme d'amour“ („Die Liebestonleiter“), die sich in Mannheim über Kopfhörer nachhören lässt. Aus Ensors Masken und Skeletten mögen Angst und die Zerrissenheit der Moderne sprechen, sein Denken in Projekten, sein freies Zitieren der Kunstgeschichte, seine Ablehnung inhaltlicher Kohärenz verbinden ihn mit unserer Gegenwart.

In der Kunsthalle und im Katalog

Ausstellung Die James-Ensor-Schau in der Kunsthalle Mannheim läuft von 11. Juni bis 3. Oktober 2021 im Altbau der Kunsthalle Mannheim. Parallel ist im Neubau eine große Anselm-Kiefer-Präsentation (bis 22. August) zu sehen.

Buch Der informative Katalog zu James Ensor (deutsch/englisch, Deutscher Kunstverlag, 246 Seiten) ist im Museumsshop für 29,50 Euro erhältlich. Im Buchhandel kostet er 38 Euro.

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Erstellt:
12. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2021, 06:00 Uhr

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