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Das Traumaland

Der Krieg in Guatemala endete 1996, aber die Gewalt wirkt weiter

Guatemala hat einen neuen Präsidenten - doch er gehört zur alten Garde. Der Bürgerkrieg, der vor 20 Jahren endete, lähmt Politik und Gesellschaft bis heute. Eine Reise durch ein Land, das mit sich selbst kämpft.

27.10.2015
  • AXEL HABERMEHL

Der Terror lagert in Pappkartons, 39 auf 32 auf 26 Zentimeter. Hunderte davon stehen in einem verwinkelten Haus am Rand von Guatemala-Stadt. Sie warten in klapprigen Metallregalen oder auf dem Boden. Lange Reihen in feuchten Fluren, Neonlicht flackert über braune Pappe. "Wir schaffen einen direkten Zugang zur Vergangenheit", sagt Alberto Fuentes ins Summen der Scanner hinein. Es ist ein Zugang zu einer grausamen Geschichte, der lange versperrt war. Die Kartons sind voller Polizeiakten, die nie hätten öffentlich werden sollen.

Fuentes, ein heiterer, graubärtiger Mann, ist Archivar des Grauens. Der 63-Jährige arbeitet im Nationalen Polizeiarchiv von Guatemala. Es wurde durch Zufall gefunden und wird von Menschenrechtsaktivisten ausgewertet. Der Staat behindert sie nicht, fördert sie aber auch nicht. Denn viele der Unterlagen handelt vom "bewaffneten internen Konflikt", wie Guatemalteken die Zeit des Terrors nennen.

36 Jahre dauerte der Bürgerkrieg zwischen Militär und Guerilla, 1960-1996, er forderte rund 200 000 Menschenleben, die meisten waren Zivilisten und wurden einfach abgeschlachtet. Der übliche Fall verlief so: Das Militär zog in ein Dorf ein, dann begann das Morden.

Der Tag, an dem der Krieg nach Zucualpa im Distrikt Quiché kam, war ein Samstag, der 31. Januar 1981. "Für mich ist es, als wäre es gestern gewesen", sagt Juliana García, die damals 14 Jahre alt war. García ist eine kleine Frau mit schwarzen, traurigen Augen, die so gar nicht zu ihrem bunten Kleid passen. Die 48-Jährige trägt die traditionelle Tracht der Maya-Quiché, der größten indigenen Volksgruppe Guatemalas. Eben hat sie im Kirchenchor zur Sonntagsmesse gesungen, jetzt erzählt sie vom Krieg.

"Es war gegen 10 Uhr morgens. Wir liefen über den Markt und spielten Reporter. Das war damals unser Traum." In der Nacht zuvor waren Guerillas in Zacualpa gewesen, dieser Kleinstadt, hoch oben im waldreichen Gebirge. Die Rebellen hatten Flugblätter verteilt. "Als die Soldaten die Papiere der Bewohner verlangten, zeigten sie die Flugblätter, denn viele waren Analphabeten. Die Soldaten trieben sie aus der Stadt und erschossen sie."

Das Militär blieb drei Jahre, es waren Jahre des Blutrausches. García weint, wenn sie davon erzählt. Sie führt in einen dunklen Raum neben der Kirche. "Hier wurden die Männer gefoltert", sagt sie und deutet auf Haken in der Decke. "Sie wurden aufgehängt und geschlagen, Arme und Beine amputiert, kaum einer überlebte." Wie viele Menschen in Zacualpa entführt, gequält und ermordet wurden, weiß niemand. Doch als Rechtsmediziner 1999 begannen, Massengräber zu öffnen, fanden sie hunderte Skelette, darunter 45 Kinder-Gebeine.

Noch immer soll es hier "geheime Friedhöfe" geben, auf Privatgrundstücken. Es wächst Gras darüber. Doch die Vergangenheit vergeht nicht. Das Trauma hat sich festgefressen und quält die Überlebenden bis heute. Psychosomatische Krankheiten, Depressionen, Alkoholismus und innerfamiliäre Gewalt sind in Guatemalas Massaker-Gebieten weit verbreitet.

Die Gewalt wurzelt im Jahr 1954. Das Militär inszenierte damals mit Hilfe der CIA einen Putsch, um den gewählten Präsidenten abzusetzen. Der hatte Landreformen geplant, um die Armut durch Verteilung von Gütern an Kleinbauern zu mindern. Die USA witterten Kommunismus und taten, was sie in den paranoiden Jahren ihrer "Hinterhof-Doktrin" in vielen Ländern Lateinamerikas taten: Sie finanzierten und bewaffneten Militärs und Todesschwadrone, die verfolgten alle Linken und alle, die sie dafür hielten.

Alles belegt, fast nichts gesühnt. In Guatemala herrscht Straflosigkeit, viele Kriegsverbrecher entzogen sich der Justiz durch Bestechung derselben. Bis heute wurden nur rund 60 Täter verurteilt, meist kleine Dienstgrade. Als 2013 Efraín Ríos Montt, einer der brutalsten Diktatoren, wegen Völkermordes verurteilt wurde, hob das oberste Gericht das Urteil zehn Tage später wegen Verfahrensfehler auf.

"Das war Rechtsbeugung", sagt Michael Mörth. Der 63-jährige deutsche Anwalt vertrat im Prozess Nebenkläger und ficht das Urteil weiter an. Jetzt sitzt der hagere Mann in seinem Büro in Guatemala-Stadt und erzählt im Ruhrpott-Slang, wie es ihm als Strafrechtler in Deutschland langweilig wurde, wie er 1995 nach Guatemala kam, in der Menschenrechtsbewegung mitmachte und sich anderen Anwälten anschloss. "1998 haben wir angefangen, erste Massaker-Prozesse zu führen. Heute führt unser Büro 60 bis 70 Prozent der Kriegs-Prozesse."

Wenn sie stattfinden. Mörth erzählt von den Steinen, die ihm in den Weg gewälzt werden. Von korrupten Richtern und Geheimdienstlern, die in der Staatsanwaltschaft ein und aus gingen, von Offizieren, die Kriegsverbrechen begingen und bis heute wichtige Posten haben.

Die Korruption hat die Gesellschaft ausgehöhlt. So hält der Krieg nicht nur einzelne Opfer gefangen, sondern das ganze Land. Er sitzt wie eine eiternde Wunde im Fleisch Guatemalas, er zehrt und vergiftet die Gesellschaft bis heute. Zwar gibt es einen Friedensvertrag, Wahlen, ein Parlament, doch demokratisch ist das Land vor allem auf dem Papier. Abgeordnete wechseln dauernd die Partei, verabschieden aber kaum Gesetze. Bis heute halten korrupte Militärs, kleptokratische Politiker und nepotistische Oligarchen viele Zügel in ihren Händen.

Und dann dieses irre Maß an Gewalt: die vierthöchste Mordrate der Welt. Kriminelle Banden, die Maras, terrorisieren Städte, Drogenkartelle agieren fast unbehelligt, unzählige Waffen sind im Umlauf. Wer kann, geht. Zehntausende wandern illegal in die USA aus, das Geld, das sie heimschicken, macht 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

Nun hat der Abscheu der Dagebliebenen über die Korruption einen neuen Präsidenten ins Amt gespült: Jimmy Morales. Der Kandidat der nationalistischen FCN bestritt den Wahlkampf mit dem Slogan "Weder korrupt noch ein Dieb". Das reichte. 70 Prozent holte Morales am Sonntag in der Stichwahl. Dabei ist er ein Polit-Neuling und war bisher nur als Schauspieler und TV-Komiker beliebt. Unter Diplomaten, Menschenrechtsaktivisten und Kirchenfunktionären gilt er als Strohmann jener Bürgerkriegs-Generäle, die die FCN 2004 gegründet haben.

Doch der Anti-Korruptions-Wahlkampf war klug, Morales hatte leichtes Spiel. Sein Vorgänger Otto Pérez Molina, dessen Vize-Präsidentin, mehrere Richter und Beamte sitzen seit September unter Korruptionsverdacht in Haft. Sie sollen Importzölle unterschlagen haben. Ein tiefer Sumpf - aber auch nur eine kleine Ecke im Selbstbedienungsladen Staat, in die nun Licht fiel, weil eine unabhängige UN-Kommission mal ordentlich ermittelt hat.

Und doch ist etwas in Bewegung geraten. Im Sommer gab es große Demonstrationen, die, anders als früher, nicht gleich zusammengeschossen wurden. Medien witterten den "guatemaltekischen Frühling". Und mit Morales soll der Sommer kommen? Juliana García und Michael Mörth zweifeln. García wirft Morales Rassismus vor, Mörth sagt, in der FCN gebe es "eine ganz klare Dominanz der organisierten Unternehmerschaft und rechtsradikaler Strömungen". Außerdem habe Morales nicht genug Personal: "Man braucht 2500 bis 3000 Funktionäre, um Guatemala zu regieren, wenn man es sauber machen will. Die hat die Partei aber nicht. Das heißt, diese Regierung kann der Korruption gar nicht entfliehen."

Der Krieg in Guatemala endete 1996, aber die Gewalt wirkt weiter
Im Wandbild (oben) haben Bürger aus Zacualpa die Terrorjahre verarbeitet. Die Archivare unten arbeiten Verbrechen der Polizei auf. Rechts zeigt einer einen Fotoband mit verschwundenen Frauen. Fotos: Habermehl

Der Krieg in Guatemala endete 1996, aber die Gewalt wirkt weiter

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27.10.2015, 12:00 Uhr
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