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Uli StelznerBild: Cinelatino




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23.04.2018

Von Dorothee Hermann

Im Herbst 2016 schaute die ganze Welt auf Kolumbien: Nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg schlossen die Regierung und die FARC-Guerrilla im Oktober 2016 ein Friedensabkommen. Doch wenig später sprachen sich die Kolumbianer in einem Referendum mit knapper Mehrheit gegen die Vereinbarung aus.

Wie aufgeladen die Stimmung in dem mittelamerikanischen Land damals war, fängt der Filmemacher Uli Stelzner in seiner preisgekrönten Doku „Días y noches entre guerra y paz“ (Tage und Nächte zwischen Krieg und Frieden) ein. Heute Abend präsentiert er den Film beim Festival Cinelatino in Tübingen.

„Ich war einfach neugierig, wie die Kolumbianer zu dem Friedensprozess stehen“, sagte der Regisseur dem TAGBLATT. Er filmte die Massendemonstrationen zugunsten des Abkommens und sprach mit Leuten auf dem Land, für deren Einschätzung der politischen Lage sich noch nie jemand interessiert hatte.

Gleich mit den ersten Aufnahmen wähnt man sich in einem Camp der FARC mitten im Dschungel. Bohlen markieren einen Weg. Es gibt eine Feldküche. In einem der Zelte flimmert ein Actionfilm mit Heavy-Metal-Soundtrack über einen Flatscreen. „In ihrer Freizeit sehen sich die Guerrilleros solche Blockbuster an“, erläuterte der Regisseur.

Der Filmemacher hatte nicht etwa einen exklusiven Zugang zu den Rebellen. Er nutzte die Gelegenheit, als die Guerrilla im Herbst 2016 ihre 10. (und letzte) Konferenz öffentlich zugänglich („für Journalisten und andere Leute“) abhielt: Damals kamen etwa 800 FARC-Delegierte aus dem ganzen Land im Südosten von Kolumbien zusammen, um über das anstehende Friedensabkommen zu beraten, so Stelzner.

Einer von ihnen war Luis David Celis, der seinen Mitkämpfern Lesen und Schreiben beibrachte – um den Analphabetismus zu beseitigen, „ein Problem, das ganz Kolumbien quält“, wie er im Film sagt. Um wenigstens zeitweise „die Bedrohung durch die Bomben“ zurückzudrängen, schrieb er Gedichte.

„Er war ungefähr 35 und seit etwa 15 Jahren dabei“, sagte Stelzner. Der Filmemacher fragte den Guerrilla-Lehrer, ob er einmal verliebt war, einmal an Familie und Kinder gedacht hat. Darauf Celis: „Man ordnet seine Interessen dem Kollektiv unter in so einem Kampf.“

Der Filmemacher ist überzeugt, dass das ganze Land von dem Friedensabkommen profitiert: Es eröffne die Möglichkeit des politischen Dialogs. Die Leute könnten sich wieder frei bewegen, aus den Städten aufs Land reisen. „In den Kriegsregionen stagnierte das Land.“ Kolumbien ist eines der ressourcenreichsten Länder der Welt, sagt er. Es besitze Erdöl, Gold, Kupfer, Wasser, Kohle und riesige Agrarflächen. Nationale wie internationale Investoren warteten nur darauf, dort Geschäfte zu machen. „Ein Krieg stört da nur.“ Es gebe ein großes Interesse daran, dass das Land zur Ruhe kommt. Aber: „Man kann nicht durch die Unterschrift unter einen Friedensvertrag die Probleme von Jahrzehnten beseitigen.“

Wenn Akteure wie die FARC Gebiete verlassen, entsteht ein Vakuum, so der Regisseur. Die Paramilitärs seien nicht mehr so präsent wie in den 1990er Jahren. Aktuell machten eher kriminelle Banden Probleme: Auftragskiller, die auf Geheiß der Großgrundbesitzer handelten. Auch seien die Drogenkartelle weiterhin im Land aktiv.

Mit Sorge sieht der Regisseur die Ermordung lokaler Aktivisten und Menschenrechtler. Seit dem Abkommen wurden mehr als 260 Opfer gezählt. „Sie sprechen für sehr viele Menschen. Sie sind die politischen Vertreter der Landbevölkerung.“ Doch die Regierung bestreite, dass es systematische Tötungen gebe. Stelzner warnte: Ohne den politischen Willen, die ungeheure soziale Ungleichheit anzugehen (Kolumbien soll global unter den drei Schlusslichtern sein) fordern Armut, Gewalt und Korruption weiter ihre Opfer.

Opfer des Bürgerkriegs

Das Attentat auf den populären

Politiker Jorge Eliécer Gaitán am 9. April 1948 in der Hauptstadt Bogotá war der Auslöser für den Bürgerkrieg in Kolumbien. Der Konflikt forderte mindestens 220 000 Tote. Mehr als 60 000 Menschen „verschwanden“. Es gab fast 6 Millionen Binnenvertriebene. Im Dokumentarfilm von Uli Stelzner kommt auch Gaitáns Tochter Gloria zu Wort, geboren 1937. Sie sieht den Friedensprozess skeptisch, weil sie hinter ihm eine gezielte Strategie der Oligarchen im Land befürchtet.

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Erstellt:
23. April 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. April 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 01:00 Uhr

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