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Der Kopf von „Nizza“ war etwas voreilig
Jacques Cassandri, der sich selbst als den Kopf hinter dem Jahrhundertbankraub von Nizza bezeichnet. Foto: Boris Horvat/afp
Kriminalität

Der Kopf von „Nizza“ war etwas voreilig

Jacques Cassandri gesteht den Jahrhundertraub. Weil der verjährt ist, klagt ihn der Staat wegen Steuerhinterziehung an.

17.02.2018
  • PETER HEUSCH

Marseille. Im gut geschnittenen Tweet-Anzug sieht Jacques Cassandri aus wie ein Banker im Ruhestand. Doch der 74-Jährige, der in Marseille vor Gericht steht, ist genau das Gegenteil: der wohl größte Bankräuber Frankreichs. Laut Überzeugung der Kripo war Cassandri der Kopf der Bande, die 1976 in Nizza den „Coup des Jahrhunderts“ landete. Die Bande war damals durch einen Tunnel in den Tresorraum einer Filiale der Großbank Société Générale eingedrungen. Sie erbeutete Geld, Schmuck sowie Wertpapiere im Wert von 60 Millionen Franc.

„Kein Schuss, keine Gewalt, kein Hass“ – der mit Kreide auf die Wand geschriebenen Spruch war alles, was die Täter hinterließen. Die Millionenbeute bliebt verschollen, der Bande aber kam die Polizei auf die Spur und verhaftete unter anderem den italienischen Abenteurer Albert Spaggiari.

Unbekannte Details erwähnt

Aber nachdem Spaggiari sich im Verhör als Drahtzieher des spektakulären Bankraubs bezeichnet hatte, gelang ihn durch einen Sprung aus dem zweiten Stock des Justizpalastes von Nizza eine ebenso spektakuläre Flucht. Er wurde in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt, konnte jedoch nicht wieder gefasst werden. Er starb 1989.

Erst 2010 sorgte das Erscheinen eines Buches dafür, dass sich die Kripo erneut mit dem alten Fall beschäftigte. „Die Wahrheit über den Bruch von Nizza“ lautete der Titel eines unter dem Pseudonym „Amigo“ veröffentlichten Werks, in dem sich der Autor brüstet, er sei der wahre Organisator des Jahrhundertcoups. Er plaudert auch Details über den Tathergang aus, die nie an die Öffentlichkeit gelangt waren.

Der „Pate“ des Marseiller Milieus

Die Ermittler finden rasch heraus, dass sich hinter dem Pseudonym Cassandri verbirgt. Der Korse, der wegen Drogenhandels und Zuhälterei zehn Jahre hinter Gittern verbracht hat, galt lange als einer der „Paten“ des berüchtigten Marseiller Milieus. Letzteres freilich konnte ihm trotz aller Anstrengung bis heute nicht nachgewiesen werden.

Auch im Zusammenhang mit dem Bankraub von Nizza war sein Name nie gefallen. Das hat Cassandri offenbar so gefuchst, dass er sich entschloss, die Dinge richtigzustellen. Ohne Risiko, wie er geglaubt haben muss, schließlich ist die Tat seit langem verjährt.

Doch der alte und ein wenig zu eitle Fuchs könnte sich verkalkuliert haben. Nachdem die Kripo auf der Festplatte seines Computers tatsächlich die Urfassung von „Die Wahrheit über den Bruch von Nizza“ gefunden hat, sieht er sich nun wie Al Capone der Steuerhinterziehung angeklagt. Cassandri soll erklären, wie er Ende der 1970er Jahre urplötzlich zu dem vielen Geld kam, mit dem er in Marseille eine stattliche Villa, ein Restaurant und einen Nachtclub sowie in Korsika ein halbes dutzend Grundstücke erwarb. Peter Heusch

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17.02.2018, 06:00 Uhr
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